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Ost und West · 1909-12-01 · Heft 12 (Dezember 1909) · p. Seite 719 - 720

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 12 (Dezember 1909)
Article
Die Juden in den Ostmarken
Date
1909-12-01
Page
Seite 719 - 720 (sequence 6)
Language
German
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719 Justizrat Wolff, Lissa: Die Juden in den Ostmarken. 720 „Hätte der Staat die ungeheueren Kräfte, welche nötig waren, um die komplizierte Gesetzgebung gegen die Juden zur Ausführung zu bringen, zur Verbesserung der Lage der Juden verwendet, so wurden schon bei der folgenden Generation alle diese Ausnahmegesetze überflüssig." Dass aber im Rechtsstaat durch Verwaltungsmassnahmen die Rechte der Staatsbürger verkümmert werden, dass dadurch Verfassung und Recht einem Teil der Bevölkerung gegenüber ausser Kraft gesetzt werden, dafür fehlt es an jedem Verständnis. Es ist um so unverständlicher, als die Juden namentlich in den Ostmarken sich bewusst sind, ihre Pflicht gegen den Staat jederzeit getan zu haben. Zunächst waren — wie betont — die Juden der Ostmarken jederzeit Deutsche in Sprache, Gesinnung und Betätigung. Sie haben, wie schon bemerkt, ihre deutsche Sprache für alle Zeit bewahrt. Sie haben das in weit höherem Mass getan, als ein Teil der Deutschen, die diese Landesteile bewohnt haben. Sie haben ihr Deutschtum bekannt, und haben auf der Seite der Deutschen gestanden und gelitten auch unter den schwierigsten Verhältnissen. Das ist namentlich während der verschiedenen Aufstandsbewegungen der Polen, insbesondere im Jahr 1848, geschehen. Dabei ist ihnen diese Stellungnahme nicht immer leicht geworden. Denn während der Aufstandsbewegungen waren gerade sie das erste Angriffsobjekt der Insurgenten, und sie haben dafür, dass sie sich zur deutschen Sache bekannten, Gut und Blut gelassen. Die Sensenmänner der Revolutionszeit waren, wie der wahrlich nicht zuungunsten der Polen voreingenommene General van Willisen sagt, der Schrecken der Juden. Die Juden standen im Jahr 1848 trotz aller Anfeindungen der Polen auf der Seite des deutschen Comites, das den deutschen Charakter der Ostmarken zu wahren sich zur Aufgabe stellte. Auch in neuerer Zeit haben sie stets bei den Wahlen und auch sonst im öffentlichen Leben der deutschen Sache gedient, obwohl es ihnen auch seitens der Deutschen nicht gerade leicht gemacht worden ist, der deutschen Fahne begeistert zu folgen. Denn der Antisemitismus hat sich in den Ostmarken zeitweise sehr gegen sie geregt, und es wurde vielfach, wie anderwärts in deutschen Landen, ihnen vorgeworfen, sie seien keine Deutschen. Dabei lassen sich Fälle nachweisen, in denen Deutsche — auch Beamte — mit den Polen gestimmt haben, um die Juden bei den Stadtverordnetenwahlen zu verdrängen. Auch dann, als einer der Begründer des Ostmarkenvereins darauf hinwies, dass es verkehrt sei, die Juden in den Ostmarken anzugreifen, ist der Antisemitismus keineswegs verschwunden, er hat sich nur aus der aggressiven Stellung zurückgezogen. Andererseits wurde den Juden von den Polen Undankbarkeit vorgeworfen, mit der sie polnische Wohltaten vergolten haben sollen. Ueber das Unrichtige eines solchen Vorwurfs zu sprechen, ist hier nicht der Ort; für den, der sich informieren will, sei auf Jacob Caro, Vorträge und Essays, Seite 110 ff. verwiesen. Hier sei nur eine kurze Bemerkung darüber gestattet, warum die Juden ihrer vollsten inneren Ueberzeugung nach auf der deutschen Seite stehen. Abgesehen von ihrer deutschen Sprache und Gesinnung, führt sie 'ihre ganze Art dem Deutschtum zu, denn die Juden der gesamten zivilisierten Welt stehen überall auf der Seite des Bevölkerungsteils, dem die höhere Kultur innewohnt. Und es kann nicht geleugnet werden — und wird wohl auch von den Polen nicht geleugnet — dass zur Zeit der Einverleibung der Ostmarken und ununterbrochen bis zum heutigen Tag die Deutschen die überwiegende Kultur besessen und gepflegt und den zivilisatorischen Fortschritt in weit höherem Mass bewiesen haben, als die Polen. Darum sollte endlich einmal der unfreundliche Einwand auf Seiten der Polen verschwinden, dass die Juden dem Deutschtum ihres Vorteils wegen anhängen, weil es die herrschende Partei sei. Die Richtigkeit dieser Ausführungen sollte für die Polen um so überzeugender sein, als gerade aus diesem selben Grund die Juden in Russisch-Polen auf Seiten der Polen und nicht auf Seiten der Russen stehen: weil eben dort die Polen auf dem höheren Stand der Kultur sich befinden. Aber es sollte auch auf Seiten der christlichen deutschen Bevölkerung der Vorwurf verschwinden, dass die Juden nicht Deutsche seien, dass sie keine deutsche Gesinnung hätten, dass man auf sie als Deutsche sich nicht verlassen könne. Wenn dem gegenüber der Verfasser der Schrift „Ostmärkische Städtepolitik" auf Seite 6 von einer ,,auch deutschen" Gesinnung der Juden spricht, so kann dies nicht scharf genug zurückgewiesen werden. Dem Verfasser fehlt offenbar hier wie auch sonst die genügende Sachkenntnis; die hämische Anzweiflung der deutschen Gesinnung der jüdischen Bevölkerung beweist, dass der Verfasser sich weder mit der Vergangenheit der ostmärkischen Juden beschäftigt, noch mit der lebenden Generation der Juden in den Ostmarken jemals diejenige Fühlung genommen hat, die doch für jemanden, der über solche Fragen öffentlich zu schreiben unternimmt, unerlässlich sein sollte. Es scheint freilich, dass der Verfasser unter „deutscher" Gesinnung nur diejenige Gesinnung versteht, die der Ostmarkenverein als deutsche GesinnungTausgibt. Wenn allerdings, wie der Verfasser beklagt, nur wenige Juden dem Ostmarkenverein angehören, so hat dies seinen guten Grund darin, dass die grosse Menge der Juden in den Ostmarken alle chauvinistischen Uebertreibungen und Herausforderungen für ungerechtfertigt hält, auch wenn sie von deutscher Säte ausgehen. Die Juden der Ostmarken wünschen eine stetige zielbewusste Tätigkeit zur Ausbreitung und Ausdehnung des Deutschtums in den beteiligten Provinzen. Sie missbilligen aber die Politik der „kleinen Nadelstiche" und die Politik der l Gewalttätigkeit. Sie wollen, dass die Ausbreitung und Ausdehnung des Deutschtums auf. möglichst friedlichem, versöhnlichem Weg vor sich gehe, durch Hebung und Förderung des Schulwesens und kultureller Einrichtungen, sowie durch Stärkung und Mehrung des Wohlstandes der Provinz. Bei den grossen moralischen und finanziellen Machtmitteln des Staates kann ihrer

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