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Ost und West · 1909-11-01 · Heft 11 (November 1909) · p. Seite 659 - 660

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 11 (November 1909)
Article
Benedictus Spinoza
Date
1909-11-01
Page
Seite 659 - 660 (sequence 4)
Language
German
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659 Ernst Altkirch: Benedictas Spinoza. 660 Spinozas hervorgerufen haben muss. Es fällt auf diesen Bildnissen vor allem die Verschiedenheit in der Form der Nase auf. Das erklärt sich aber, sobald man bedenkt, dass bei einem Schwindsüchtigen die Wangen und die Schläfen nach und nach einfallen, und dass infolge davon die Nase stärker hervortritt und grösser erscheint. Man vergleiche nur die Nasenspitzen, die auf allen Bildern fast gleich aussehen: rundlich-knaufförmig. Magert das Gesicht besonders an den Wangen und dem seitlichen Teile der knorpeligen Nase ab, so tritt die knaufförmige, zipflige Nasenspitze sehr auffallend hervor. Der Nasenrücken im Bereiche der knöchernen Nase dürfte sicherlich bei allen Bildnissen der gleiche sein. Und noch ein Wort über das Haupthaar. Auf sämtlichen Porträts, mit Ausnahme des Jugendbildnisses, ist Spinoza mit bis auf die Schultern herabwallendem Haar dargestellt, und ferner: das Wolfenbüttler und das van der Spycksche Bildnis zeigen ein gänzlich verschiedenes Aussehen der Haare. Zur Lösung aller dieser Widersprüche stehe ich nicht an, zu behaupten, dass Spinoza, seitdem er von der Schwindsucht befallen war, Perücken getragen hat, und zwar eine leichtere für das Haus und eine vollere und besser gepflegte in der Oeffentlichkeit, wobei ihm ^er Geschmack der Zeit zu statten kam. Mit jeder Spinoza (zweifelhaftes Bildnis). Nach dem Oelgemälde von Franz Wulfhagen, im Besitz des Hofphotographen A. Schmidt in Pforzheim. chronischen, zehrenden Krankheit ist Haarausfall verbunden, und es kann darum wohl als völlig ausgeschlossengelten, dass Spinoza im Jahr 1673 noch so volles Haar besessen habe, wie es uns das BildnisVaillants zeigt. Dieses Porträt, das uns erst seit einigen Jahren bekannt ist, erschüttert uns tief durch den vorgeneigten Kopf und die schmerzlichen Augen. Spinoza war damals 41 Jahre alt. Der Maler des Bildes ist Wallerant Vaillant, in Ryssel am 30. Mai 1623 geboren, der sich als Kupferstecher einen Namen erworben hat. In Amsterdam machte ihn Prinz Ruprecht von der Pfalz mit der Schabkunst bekannt, und Vaillant ist der erste Künstler, der Bedeutendes in diesem Verfahren geleistet hat. Es rühren von* ihm über zweihundert vortreffliche Schabkunstblätter her. Auch als Schöpfer von einem halben Dutzend Radierungen ist er der Beachtung wert, dagegen sind seine Oelgemälde, schwache Leistungen, und besonders das Porträt von Spinoza ist kein Meisterwerk. Ueber die mutmassliche Entstehung des Bildes sei folgendes mitgeteilt. Unter den Radierungen Vaillants befinden sich auch Darstellungen des Pfalzgrafen vom Rhein Karl Ludwig und der Pfalzgräfin Sophia aus dem Jahre 1656. Karl Ludwig, später Kurfürst von der Pfalz (1632—80), ein milder und vorurteilsfreier Herr, ist derselbe, der durch J. Ludwig Fabritius im Jahre 1673 Spinoza den philosophischen Lehrstuhl in Heidelberg antragen liess. Seine Schwester Elisabeth, die etliche Jahre im Haag lebte, war Descartes Schülerin und Freundin. Um in ihrer Nähe zu sein, erwählte Descartes im Frühjahr 1641 das Schloss Endegeest bei Leiden zu seinem Aufenthalt. Ihr widmete er auch sein Hauptwerk über die Prinzipien der Philosophie. 1650 oder 51 kehrte Elisabeth nach Heidelberg zurück. Sie ist es ohne Zweifel gewesen, die Karl Ludwig mit Descartes Lehre und später mit dem Darsteller dieser Lehre (Spinozas Renati des Cartes Principiorum Philosophiae erschienen 1663) bekannt machte. Und so geschah es, dass Spinoza nach Heidelberg berufen werden sollte, weil er sich dem Kurfürsten durch eine Schrift über die Prinzipien Descartes empfohlen hatte. Auch noch von anderer Seite, durch den Franzosen Urbain Chevrau, der als literarischer Gesellschafter dem Kurfürsten zur Seite ging, war er auf Spinozas Werk über Descartes hingewiesen worden. Der Grund, den Spinoza nach langer und reiflicher Ueberlegung bestimmte, den Ruf nach Heidelberg abzulehnen, liegt in diesem Zusammenhange klar am Tage. Die Ethik war damals nahezu vollendet, und was ihn von Descartes trennte, war völlig unüberbrückbar geworden. Die Wertschätzung, die Spinoza beim Kurfürsten genoss, veranlasste diesen augenscheinlich, den ihm bekannten Maler Vaillant, der in Amsterdam lebte, zu

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