Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 11 (November 1909)
- Article
- Benedictus Spinoza
- Date
- 1909-11-01
- Page
- Seite 657 - 658 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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657 Ernst Altkirch: Benedictus Spinoza. 6j8 biJdais heute im Sommerpalast ('t Huis ten Bosch) im Haag, einfem Besitztum der Königin von Holland. Neben diese Gemälde verdient das von mir kürzlich veröffentlichte Jugendbildnis von 1660 gestellt zu werden, das sich im Besitz des Generalkonsuls Franz Philippson in Brüssel befindet, der es aus dem Nachlass seines Vaters, des wohlbekannten Ludwig Philippson, des Begründers der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", erhielt. Er hatte es als „Ehrengabe aus Amsterdam" zum Geschenk bekommen, und es wurde von ihm, einem begeisterten Anhänger Spinozas, sehr wert gehalten. Dieses Bildnis ist gleichsam der Schlüssel zu allen uns bekannten Porträts, weshalb ich mich auch an dieser Stelle mit ihm ausführlicher beschäftigen will. Man nimmt gewöhnlich an, nach der Aussage seines Biographen Colerus, dass Spinoza mehr als zwanzig Jahre an der Schwindsucht gelitten habe. Dagegen streitet dieses Bild aus dem Jahr 1660, das den gesunden, jedenfalls nicht mit der Schwindsucht behafteten Spinoza zeigt, mit aller Entschiedenheit. Der Denker starb im Jahr 1677. Aber nicht einmal von 1660—77 kann die Krankheit gedauert haben. Spinoza schreibt Mitte Mai 1665, nachdem er zuvor etwa vom 1. bis zum 20. April in Amsterdam zugebracht hatte, aus Voorburg an einen nicht mit Sicherheit festzustellenden Arzt:*) „Zugleich bitte ich um etwas Eingemachtes von roten Rosen,**) wie Sie versprachen, wenn ich mich jetzt auch viel besser befinde. Nachdem ich von dort abgereist war, habe ich einmal zur Ader gelassen, aber das Fieber ist damit nicht gewichen (obgleich ich mich schon vor dem Aderlass etwas leichter fühlte, wie ich glaube, infolge des Luftwechsels), sondern ich litt zwei- bis dreimal an dreitägigem Fieber. Durch gute Diät habe ich es aber endlich vertrieben und zum Henker geschickt. Wohin es ging, weiss ich nicht, besorge aber, dass es wieder zurückkehrt." Spinoza litt, als er dies schrieb, erst seit kurzer Zeit an der Auszehrung. Auf der Amsterdamer Reise dürfte sich sein Zustand infolge von Erkältung verschlimmert haben. Der Aufenthalt in einem feuchten, gesundheitsschädlichen Haus in Rijnsburg hatte seine Gesundheit angegriffen, und ein Leiden war zum Ausbruch gekommen, von dem auch seine Mutter dahingerafft worden war. Bei Benedictus hatte sich schon von Jugend auf eine gewisse Schwäche der Konstitution bemerkbar gemacht. Er verliess Rijnsburg naph einem rauhen Winter Ende April 1663, und es ist sehr merkwürdig, dass bisher noch von keinem Spinozaforscher, auch von Meinsma nicht, erkannt wurde, dass der plötzliche Wegzug des Philosophen darin seine Erklärung findet, dass sein Zustand einen weiteren Aufenthalt in—Rijnsburg denken wir auch daran, dass er sich viel mit dem gesundheitsschädlichen Gläserschleifen beschäftigte — nicht vertrug. Das jetzt *) Jedenfalls Johannes Bouwmeester und nicht I. Bresser. Meinsma nennt auch Adriaan Koerbagh. **) Ein offizinelles Präparat der Zeit unter dem Namen conserva rosarum rubrarum (confectio rosarum) das bei katarrhalischen Erkrankungen der Lungen angewendet *Tirde. Spinoza er* 1669. Nach dem Kupferstich in 4° der Opera posthuma (1677). in der Wohnung des Denkers befindliche Spinozamuseum hat noch heute unter der Feuchtigkeit des Hauses durch die Nähe des Meeres zu leiden. Damit die dort aufbewahrten Bücher keinen Schaden erleiden, muss auch in der warmen Jahreszeit ungelöschter Kalk aufgestellt werden. Spinoza würde auf Grund dieser Ausführungen nicht über zwanzig, sondern nur etwa 14 Jahre, von 1663—1677, an der Schwindsucht gelitten haben. Auch sonst gibt uns das Jugendbildnis noch einige willkommene Aufschlüsse. Es scheint, man müsse annehmen, dass Spinoza bis zu seiner Erkrankung Schnurr- und Backenbart getragen hat, wie wir ihn auf dem Porträt sehen. Es ist dies die gleiche Barttracht, der wir auf Rembrandts Studienköpfen junger Juden begegnen. Da bei Schwindsucht das Haar ausfällt oder doch struppig und glanzlos wird, so dürfte sich Spinoza, der nicht wenig auf ein vorteilhaftes Aussehen gab, zur Abnahme des Bartes entschlossen haben. Vielleicht aber bewog ihn auch hierzu die Mode. Es kam um diese Zeit, besonders bei den Niederländern, der Brauch auf, jedwedes Barthaar aus dem Gesicht zu entfernen. Erwähnt sei hierbei, dass von einigen Spinozaforschern geurteilt worden ist, dass das Wolfenbüttler Bildnis und das von vaii der Spyck unmöglich eine und dieselbe Person darstellen könnten. Aber hei dieser Behauptung war man sich nicht über die Veränderungen klar, die di^ Schwindsucht im Antlitz