Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1909)
- Article
- Synagogen- und Gemeinde-Leben im Mittelalter
- Date
- 1909-10-01
- Page
- Seite 621 - 622 (sequence 6)
- Language
- German
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621 Leon Scheinhaus, Memel: Synagogen- und Gemeinde-Leben im Mittelalter. 622 A. NEUMANN. Auf der Nord- und Südseite sind Inschriften in halberhabener Arbeit angebracht, die in 12 langen Linien die Verdienste des Fürsten Samuel Abulafia verewigen. Die Gemeinde dankt darin Gott, „der seine Gnade seinem Volke nicht entzogen und Männer erweckt hat, die sie aus Feindeshand erretteten. Wenn es auch keinen König mehr in Israel gibt, so hat Gott einen Mann seines Volkes Gunst in den Augen des Königs Don Pedro finden lassen, der ihn über alle Grossen erhoben, zum Ratgeber in seinem Reiche ernannt hat." Der Name des Königs ist mit grossen Ruchstaben hervorgehoben, als sollte es in die Augen fallen, dass dieser Fürst in freundlichem Verhältnis zu den Juden stand. Zuletzt ist der Wunsch ausgesprochen: Samuel möge die Wiederherstellung des Tempels erleben und darin mit seinen Söhnen als Leiter fungieren. Grosse und prachtvolle Synagogen Hess derselbe Samuel auch in den anderen Gemeinden Kastiliens erbauen. Die Verzierung der Synagogen, trotzdem es nicht jüdische Art war, ist doch innen und aussen herrlich gewesen. In Köln waren die Fensterscheiben mit allen möglichen Bildern illustriert, häufig waren auch die Wände mit Bildern, namentlich Tierbildern, sowie aus der biblischen Geschichte, ausgestattet. Die Bemalung mit Tiergestalten wurde von einem grossen Rabbiner mit Rücksicht darauf gestattet, dass jede Besorgnis götzendienerischer Anbetung jetzt ausgeschlossen sei. Andere Stimmen haben sich dagegen ausgesprochen, auch aus dem Grunde, dass die Betenden durch die Bilder vom Ernst des Gebets abgelenkt würden.10) Geschenkanerbietungen an die Synagogen wurden so zahlreich, dass man sich genötigt sah, in der Annahme sehr wählerisch zu sein. Eine „Menorah" (achtrohriger Leuchter) wurde nur mit besonderer Genehmigung des Vorstandes als Schenkung angenommen (68?,Chawoth-Joir") und die freiwillige allsabbatliche Versorgung des Gotteshauses mit Licht und Wein war ein beneidetes Privilegium einzelner Mitglieder,- das vererbt wurde (Reponsen „Radbas" I, 387). In Asien dienten die Synagogen bis zum 10. Jahrhundert auch als Absteigquartiere für jüdische Reisende. Diese wohnten und speisten dort auf Kosten der Der Abend. OELGEMAELDE. gibt in seinen Anmerkungen zur Gedichtsammlung „Iberia" (Brl. 1885) den 84. Psalm an, was wahrscheinlicher ist. 10) Zunz, Zur Geschichte (1845) p. 175; Berliner, A. d. Leben der deutschen Juden im Mittelalter p. 117. Gemeinde. Der Kiddusch in der Synagoge, der noch heute zurückgeblieben ist, war nur ein Teil des Sabbatmahls, das in der Synagoge selbst oder im Hofraum für Reisende aus der Fremde hergerichtet wurde. IL Im europäischen Judentum gab es zu jener Zeit nichts, das mit der christlichen Hierarchie sich hätte vergleichen lassen. Die Bischöfe hatten eine politische Machtstellung, wie die Rabbiner sie ähnlich nie besessen. Der Rabbiner waltete seines Amtes als geistiges Oberhaupt der Gemeinde immer im Einverständnis mit der Gemeindeverwaltung. Schon in den jüdischen Synoden der drei Städte Speyer, Worms, Mainz, der tonangehendsten des deutschen Judentums von damals, lautete im 13". Jahrhundert eine Bestimmung dahin, dass weder der Rabbiner ohne Zustimmung der Gemeinde, noch diese ohne jenen befugt sei, einen Bann über jemanden auszusprechen. Selbst wenn mehrere auswärtige Rabbiner einem Stadtrabbiner bei einem Bann zustimmen wollten, habe dieser keine Gültigkeit, solange die Gemeinde nicht damit einverstanden ist. Sogar die Gaonim, die Grossrabbiner, die dank ihrer grossen Gelehrsamkeit den stärksten Einfluss besassen und somit eine Art Machthaber im jüdischen Volk waren, machten von dem Bannrecht ohne die Gemeindeverwaltung keinen Gebrauch, und selbst in der eigenen Gemeinde schritten sie selten ein, wenn sie nicht darum ersucht waren. Gegen feststehende Bräuche haben sie nur in seltenen Fällen Stellung genommen, sie haben sogar für Beibehaltung mancher Bräuche sich ausgesprochen, auch wenn sie ihnen im Prinzip nicht gefielen.11) u) Joel Müller, Einleitung in die Responsen p. 211.