Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1909)
- Article
- Synagogen- und Gemeinde-Leben im Mittelalter
- Date
- 1909-10-01
- Page
- Seite 619 - 620 (sequence 5)
- Language
- German
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619 Leon Scheinhaus, Memel: Synagogen- und Gemeinde-Leben im Mittelalter. 620 teil des Sabbatmorgengebets. Im Mittelalter aber verlor sie ihre gottesdienstliche Bedeutung. Sie wurde nicht mehr allsabbatlich abgehalten, auch nicht mehr in der Synagoge, sondern im Lehrhaus und auch auf den Nachmittag verlegt. Bezweckt wurde damit, der Predigt die gottesdienstliche Bedeutung zu entziehen und ihr statt dessen die Bedeutung des Studiums zu verleihen. Zwar wurde sie populär gehalten, der Inhalt aber schien doch dem Volke erhaben. Nach und nach hörte der Rabbiner überhaupt auf, der Prediger seiner. Gemeinde zu sein, und die Predigten (Droschoth) wurden Wanderpredigern (Magidim) übertragen. Einer der definitiven Gründe zum Niedergang der Droschoth ist der entstehende Jargon der Juden. Gegen Mitte des 15. Jahrhunderts begannen die Juden Jargon zu sprechen, und das machte der reinen Predigt ein Ende, denn feiner Stil und Form einer schönen Rede ist nur in einer grammatikalisch korrekten Sprache möglich. Den Verkauf der „Alioth" und der übrigen gottesdienstlichen Funktionen an den Meistbietenden nahmen die Juden an in dem Wunsch, durch Darbietung von Hab und Gut Ehrfurcht vor Gott zu bekunden. Dieser Handel im Gotteshause verursachte manche Unregelmässigkeiten, zuweilen sogar unerquickliche Konflikte. Wir müssen aber berücksichtigen, dass die Bequemlichkeit, die die Juden sich im Gotteshause nahmen, das sie für ihr zweites Wohnhaus hielten, aus dem Gefühl naiver Frömmigkeit entstammt. Rabbi Mose b. Isaac (Or-Sarua), der sich besonders über den Verkauf der „Alioth" freute, gebot sonst die Heiligkeit der Synagoge streng zu achten. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als die Juden zwischen alter und neuer Weltanschauung standen, begannen sie, in der besonderen Lässigkeit, die man sich im Gotteshaus erlaubte, eine Art Chilul Kodesch zu sehen, eine Art Eingriff des Profanen in die Rechte des Heiligtums. Es war aber jene naive Biederkeit der Alten, jene Frömmigkeit, die den Allgegenwärtigen überall erblickt, in jedem Ort, in jeder Sache,, auch als Mitwirkenden in alltäglichen Lebensdingen, und nicht bloss als den erhabenen Herrn der Schöpfung, dem man nur unter Wahrung höchster Etikette nahen darf, den Späteren abhanden gekommen. Die Unterhaltung in der Synagoge war fast zur Notwendigkeit geworden, weil sie der Hauptversammlungspunkt der Gemeinde war; jedoch nebensächliche Unterhaltung wurde nicht im Hause selbst, sondern im Tempelvorhof geführt. So ist es sogar bei den sehr Frommen Brauch gewesen, nach dem Gottesdienst im Hause und im Vorhof eine Zeit zu verbleiben, und über allerhand Neuigkeiten, die in der Welt vorgehen, Rücksprache zu halten, über Krieg und Frieden, Handel und Wandel usw.8) Die Absonderung der Frauen in der Synagoge war die Folge ihrer Stellung im gesellschaftlichen Leben; doch finden wir, dass bis zum 13. Jahrhundert das so streng nicht beobachtet worden ist. Erst im 13. Jahrhundert begann man gesonderte Abteilungen für die Frauen in der Synagoge einzurichten, auf der Galerie oder in Nebenräumen. In manchen Orten hielten die Frauen selbständig Andacht, bei der Vorbeterinnen fungierten, von denen manche sogar rühmlichst bekannt waren. Die Gotteshäuser waren im Mittelalter herrliche Bauten. Sie überragten alle Gebäude des Ortes, sodass unter Innocenz III. die Christen einer Stadt Beschwerde führten, dass die Synagoge höher als die Kirche sei. Besonders reich waren die Synagogen in Spanien und Italien. Hervorzuheben ist die im Jahre 1357 vollendete Prachtsynagoge in Toledo, die der jüdische Finanzminister Samuel Abulafia, der Günstling Don Pedros erbaute. Diese Synagoge, die noch heutigen Tages als Kirche eine Zierde der Stadt ist, war halb im gothischen, halb im maurischen Stil erbaut. Sie bestand aus mehreren Schiffen, die durch Säulen voneinander geschieden waren. Fein geschnitzte Arabesken verzieren den oberen Teil der Wände ringsherum. Innerhalb der Arabesken ist auf grünem Grunde und weiss hervortretend der 84. Psalm 9> in hebräischer Schrift zu lesen. A. NEUMANN. In den Karpaten. OELGEMAELDE. 8) Joel Müller, Einleitung in die Responsen. p. 21. confr, 61. Trumath-Had eschen. 9) Nach Grätz, Bd. VII, (1863) p. 415, dem ich in dieser Schilderung folge, ist Psalm 80 angegeben. Dr. M. Levin aber der„Iberiau persönlich besuchte-