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Ost und West · 1909-10-01 · Heft 10 (Oktober 1909) · p. Seite 615 - 616

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 10 (Oktober 1909)
Article
Synagogen- und Gemeinde-Leben im Mittelalter
Date
1909-10-01
Page
Seite 615 - 616 (sequence 3)
Language
German
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615 Leon Scheinliaus, Memel: Synagogen- und Gemeinde-Leben im Mittelalter. 616 A. NEUMANN. Fluss im Winter. f---? V schufen Begeisterung im Leid und zum Ertragen von Leid. Bei ihren Klängen erstanden jene Gottespriester, die bereit waren, sich selbst und ihre Kinder zu opfern, um der Glaubensleugnung zu entgehen. „Wenn der Jude sonst im Leben in allmählicher Gewöhnung sein Joch ertrug und allen Konflikten mit der Aussenwelt vorsichtig aus dem Wege ging, so erwachte dagegen sein ganzer Stolz, sobald sein Glaubensinteresse in Mitleidenschaft gezogen wurde. Dann war der Jude nicht wieder zu erkennen: die gebeugte Gestalt richtete sich auf, das Auge, sonst niedergeschlagen und verschleiert, leuchtete im Feuer der Begeisterung, der Knecht wurde ein Held" (Grätz). Die religiöse Ueberzeugung, die ihren Sammelpunkt in der Synagoge hatte, war das eigentliche Lebenselement, das die Juden in jener Zeit erhalten hat. „Und statt zu sagen: die Juden haben ihre Religion erhalten, ist richtiger, wenn man sagt: die Religion hat die Juden erhalten/' (Güdemann.) Die Synagoge war den mittelalterlichen Juden nicht nur der Ort, wo er betete, sondern wo er auch lebte; daher hat sich alles Ernste und Heitere im Leben in der Synagoge wiedergespiegelt. Noch war die Selbstachtung mächtig bei den Juden; erst nach 300 jährigem Wohnen im engen Ghetto, wo sie der freien Bewegung beraubt waren, ist ihnen die selbstsichere Haltung verloren gegangen. Im früheren Mittelalter aber selbst zeigten sie noch stolze Haltung, Sauberkeit und Geschmack in Kleidung, Rede A. NEUMANN. und Bewegung, pflegten sie peinliche Ordnung im Gottes hause. Die Gesetzbücher aus der damaligen Zeit enthalten eine Abteilung über guten Ton in allen Lebenslagen. Die täglichen Betstunden waren festgesetzt, doch wurden vor dem jedesmaligen Gottesdienst die Gemeindemitglieder durch den Synagogendiener gerufen. Das geschah in der Weise, dass der erwähnte Diener an die Haustüre eines jeden Gemeindemitgliedes klopfte. Ueber Anzahl und Folge der Schläge waren Bestimmungen getroffen.4) Die Rabbiner erschienen selten bei dem öffentlichen Gottesdienst, sondern hielten mit ihren Schülern im Lehrhaus Andacht. Sie kamen in das Gemeindebethaus nur an hohen Feiertagen oder wenn sie predigten, was gleichfalls selten geschah. Hierauf kommen wir später zurück. Die Rabbiner versahen ausnahmsweise und gelegentlich auch das Vorbeterarnt. In der Regel lag dies einem eigens dafür an gestellten Vorbeter ob, in den öffentlichen Urkunden Vorsänger, Sangmeister genannt. Ein angesehener Rabbiner aus jener Zeit, zu Anfang des 15. Jahr- OELGEMAELDE. 4) Güdemann, ibd. p. 95. Blick ins Thal. OELGrEMAELDE.

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