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Ost und West · 1909-10-01 · Heft 10 (Oktober 1909) · p. Seite 601 - 602

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 10 (Oktober 1909)
Article
Lustige Brüder
Date
1909-10-01
Page
Seite 601 - 602 (sequence 2)
Language
German
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601 David Pinsky: Lustige Brüder. 602 Aber er hat einen neuen Hut. Damit dieses Prunkstück ihn nicht zu sehr von Gerson, dem Uhrmacher, abhebe, guckt ein spindeldürrer Ellenbogen aus dem zerrissenen Aermel hervor. Gerson und Serach sind die Anführer. Und andächtig, untertertänig und begeistert blicken Pinchas', Leisers und Boruchs gedrückte, versorgte Gesichter auf sie. — Armseliges Mahl steht auf dem Tisch: Hering, Gurken, Lebkuchen. Viel Speisen werdet ihr bei mir nicht finden. Darauf hat sie Boruch schon vorher aufmerksam gemacht. Da fragte Gerson: Ist Schnaps da? Wie denn! antwortete ihm Boruch. „Und Brot? — Nicht zu versündigen, Brot is da." — Und Hering und Gurken werden auch da sein? — Wie beim König. — Dann ist doch nichts weiter zu reden. Vorwärts marsch. — Das weisse Horn, Der krumme Mausche, Uze, kuze, kukareku. Diesen edlen Text sang Gerson in der Weise von Atoh Horeissoh lodaas, und vorwärts gings. Gerson, Serach, Pinchas, Leiser sind Einsame in der grossen Stadt. Weib und >' Kind sind in der Ferne. WTo wird man lustig sein können? Das hat ihnen schon lange Sorge gemacht. Nun aber ist eine neue Seele in sie. gekommen, die Festtagsseele des Simchas-Tauro. Schon auf der Treppe zu Boruch fing ihr Gesang an. Hastig wurden einige Türen geöffnet, und neugierige Augen blickten auf die fröhlichen Juden. „Gut Jontef" riefen die lustigen Brüder jedem zu. „Betrunkene Juden", so erklärte Woyciks Dienstmädchen ihrem Herrn. „Aha, das kommt zu mir", dachte Debora, das Weib Boruchs. Und ein Schrecken fuhr ihr in ihre Glieder, als das Lärmen näher und näher kam. Sie warf einen traurigen Blick auf ihr Tischchen, auf dem die Speisen standen. Und vom Tischchen wanderte ihr Auge zum Ofen, wo ein warmes Mahl gelangweilt brodelte. Aber sie fand keine Zeit mehr, etwas darüber zu decken. Denn schon wurde die Tür lärmend ge-;fnet, und lustig polterte die Bande ins Zimmer, orüch an der Spitze. Und aus munteren Kehlen flog Debora ein fröhliches: „Gut Jontew, Hausfrau" entgegen. Sie aber antwortete mit süssem Lächeln: „Ein gutes Jahr!" Die Gäste fingen gleich an mit ihrem Uebermut. Sie tanzten und sangen. Debora ging in die Küche und Boruch folgte ihr. „Was soll ich nur den Leuten geben? Ich weiss es nicht", sagte Debora und sie seufzte. „Ist Schnaps da? Brot und Challe auch? Und Nach Judenkopf. einer Originallithographie von Alfred G r a e t z e r. (Verfasser des folgenden Artikels über Abraham Xeumann.) Gurken? Dann ist gut. Sie werdens uns nicht weiter übelnehmen", meinte Boruch, und er wurde still. „Wo ist Schnaps da! Der reicht ja nicht!" sagte Debora verdrossen. „Wenn er nicht reicht, muss der Dwornik neuen holen. Sehr einfach." „Gewiss holen! Und Geld — du hast doch davon die schwere Menge." Das war bitter. Ein Schreck kroch Boruch in die Beine. „Hast du denn gar nichts mehr?" „Woher soll ich Geld haben? Woher?" sagte Debora mit bitterem Lachen. Da wurde Boruch still. Und traurig liess er den Kopf sinken. Aber er raffte sich zusammen: „Wenn schon!" Und er ging wieder zu seinen Genossen ins Zimmer. Nach einer Weile brachte Debora die Heringe, die Gurken, die Challe und die Lebkuchen. Und die Bande hat getollt, dass die Stube sich fast auf die Seite legte. Serach stand schön oben auf dem Tisch, hopste wie ein Wilder, rieb sich die Nase mit den Füssen und sang: Tolle, Armer, tolle, tolle, Denn die Flasche ist noch volle. Und die anderen reichten sich die Hände, lachten

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