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Ost und West · 1909-10-01 · Heft 10 (Oktober 1909) · p. Seite 603 - 604

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 10 (Oktober 1909)
Article
Lustige Brüder
Date
1909-10-01
Page
Seite 603 - 604 (sequence 3)
Language
German
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603 David Pinsky: Lustige Brüder. sangen, sprangen. Die Schultern zuckten und hüpften, die Köpfe drehten sich wie die Kreisel, und die Füsse schlugen dröhnend den Takt. Aber was nutzte das alles: Der Schnaps wurde immer weniger. Boruch und Debora blickten sich traurig an. Boruch lief in die Küche. Die Frau hinterdrein. „Hast du wirklich gar nichts?" fragte er sie. „Aber ich bitt dich, woher soll ich etwas haben?" „Wenigstens 15 Kopeken." „Woher nur?" Und bittere Verdrossenheit bebte in ihrer Stimme. „Du weist es doch, vor dem Feste gabst du mir . . ." Doch Boruch will sich auf die Rechnerei nicht weiter einlassen. „Eine böse Geschichte", sagte er betrübt. DasprangLeiserindie Küche. „Wo seid Jhr denn?" Boruch lief ihm gleich in die Arme. Und Debora tat, als suchte sie etwas im Tischschub. „Seht nur, seht." Und Leiser zeigte die Flasche. Sie war leer. „Ich sehe", sagte Boruch lächelnd. „Nun?" „Nu, nu, nu--?" „Man muss sie wieder füllen." „Was man muss, weiss ich. Aber--" Er zog die Schultern in die Höhe — spreizte die Finger. Die Handfläche war auch leer. Da nahm Gerson das Wort: „Herrschaften, die Taschen her! Ich besitze dreissig Kopeken. Mein Eigentum. Ich trage sie in der Tasche, heut am Jontew! Ich bin doch 'mal ein alter Sünder." „Und ich — brummte Serach, und seine verglotzten Augen starrten auf die Tasche — ich bin ein frommer Junge. Meine Tasche ist festtäglich leer, wie Gott es geboten hat." Bei Pinchas fanden sich 15 Kopeken. Leiser hatte auch „festtägliche" Taschen. Der Dwornik wurde gerufen und nach Schnaps geschickt. Und es wurde weiter getollt.--- Nur Debora sass traurig beiseit. Die Tränen waren ihr nahe. Sie musste an jene Simchas-Taurotage denken, wo bei ihr in der Stube der Branntwein nur so in Strömen floss. Das waren gute Zeiten. Da war sie die einzige Krämerin der Gasse. Und über hundert Frauen waren ihre Kunden. Nicht wie jetzt — ein paar armselige Weiber, die auf Borg nehmen und nicht abzahlen. Da riss Serach sie aus diesen trüben Gedanken. „Was sitzt Ihr so da? Was? Weil kein Geld da ist? — Welcher Mensch hat Geld! — Wer lebt denn wirklich gut? — Alle, was? Man ist ein Mensch und man darf sich nicht sorgen. Oder sind wir keine Juden mehr? Was?" Und dabei warf er seinen Genossen einen Blick zu, als läge in seiner Frage der ganze Sinn, das ganze Geheimnis ihres Lebens. Und Leiser gab ihm eine klare Antwort: „Wirklich. Man muss trinken." Serach griff das Wort auf; füllte die Gläser: „Wirklich, man muss trinken." Auf Debora freilich hatte diese Philosophie keine Wirkung, und auch Boruch verlor, da er sie ansah, seinen alten Mut. „Wenn ihr euch sorgt — was soll ich sagen?!" Des Uhrmachers Worte warfen sich auf Boruch und Debora. „Ich! Ihr seid doch wie Grossväterchen und Muhme. Ihr lebt beieinander. Und ich? Ach — Mein Weib wohnt mit den fünf Kinderchen irgend in diesem Höllental. Ich hab ihnen keine Kopeke geschickt zu den Feiertagen. — Woher sollte ich sie nelnaen?! — Ich musste mich allein die Feiertage so durchschlagen. Hier, dahin und her, so, so, wie es geht — durchgeschlagen. — Aber das arme Weib, was hat sie mit den fünf Kleinen gemacht? — Sein Gesicht verzerrte sich und seine Stimme bebte: „Und ihr sorgt euch nun!!" Zu einem Schreien schwoll seine Rede an und überschlug sich in spitzer Ironie: „Ihr seht, wie ich herumlaufe. In einem Stiefel und in einer Galosche. Und die gehört noch einem anderen! Aber was ist das?!.. Heut ist Simchas-Tauro. Man darf sich nicht sorgen, ach . . Lamstrahira . . bim . .bam. Lamstrahira. .bim. .bim. .bam". Und er fing an zu singen. Mochten auch die Lippen zucken: Er sang wieder in seinen hellen, hohen Tönen. Die übrigen sangen mit. Aber es fehlte der Schwung, ihr Herz wollte nicht froh werden. Wie ein Stein lag es auf ihrer Brust. Am liebsten hätten sie gesprochen von ihrem armen Leben, von ihrem Elend und von ihrer Not. . . „Er kann reden! Ha! Er meint, er ist schon der Aermste auf der Welt." Leiser unterbrach sein Singen. „Wollte ich erst erzählen, dann würdet ihr was zu hören bekommen! . . Ich hab noch dazu einen guten Chef, der mich zehnmal am Tage krepieren lässt. . . Könnte ich euch erzählen! . ." „Genug schon, genug! Was sind das für Reden am Simchas-Tauro." Also unterbrach ihn Serach. „Singt mit! Tara . . Tara . . Tara Wir sind ja gute Bettler alle . . Tara . . Tara . . Tara . . Wir tragen gute Päckchen alle. . . Tara . . . „Und was für welche!" rief da Pinchas. „Lamstrahira . . bim . . bam. Alles nennt sich Päckchen. Lamstrahira . . bim." „Ach was! Was soll man darüber reden!" schrie Serach. „Lustiger, immer fröhlicher. Lamstrahira . . bim . . bam.. Und er fing an mit wilder Kraft zu singen. Sprang auf den Tisch. Und wirklich: sie wurden alle wieder lustiger, lebendiger. Sie hopsten, und mit verschlungenen Händen — Debora war auch dabei — tanzten sie um den Tisch herum. Sie schrieen vor Lust. Ihre Füsse stampften den Boden, da^Ä1 dröhnte. Im tollen Tanze, im wilden Singen wolltenlife all die Mutlosigkeit übertönen, der ihre Seelen drückte, und die Sorgen, die an ihrem Herzen nagten, leise und leise. Tränen waren in der heissen Luft. . . Und immer lauter woirde ihr Lärm, und Serach machte noch wildere Sprünge. Er dachte nicht mehr an seine kranke Brust. Immer höher stieg sein Lied, immer höher Tolle, Armer, tolle, tolle. . . (In deutscher Nachbildung von Theodor Zlocisti).

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