Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1909)
- Article
- Lustige Brüder
- Date
- 1909-10-01
- Page
- Seite 599 - 600 (sequence 1)
- Language
- German
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599 600 LUSTIGE BRUEDER Von David Pinsky. Nachdruck verboten. Gerson, der Moskauer Uhrmacher, Serach, der Färber, Pinchas, der Schlosser, und Leiser, der Hausdiener, tollten alle zusammen bei Boruch, dem Kurzwarenkrämer, ihren Festtagsjubel aus. In seiner kleinen Wohnung im vierten Stock. Und sie haben wild getollt: getanzt, gesprungen, gesungen und gelacht. Am wildesten war Gerson, der Moskauer Uhrmacher. Natürlich. Seine Stimme ist stark und schallend. Und dann kennt er allerlei „Stücke". Das heisst, er kennt eine Menge Melodien, singt so drollige Kidduschim, Und gar seine Alef-Beiss-Lieder und ähnliche Schnurren! Ein reiches Repertoire. Gerson ist ein junger Mann von einigen dreissig Jahren, aber er ist schon ganz grau. Nur hier und •"^Öfev : . n&M^- kh(p''!&-< ■ h*WA^$Ä';J Russischer Jude. Nach einer Originallithographie von Alfred Graetzer. (Verfasser des folgenden Artikels über Abraham Xenmann.) da noch ein schwarzes Haar auf seinem dicht bewachsenen Gesicht. Tiefe Furchen durchziehen seine Stirn. Dunkelblaue Ringe säumen seine Augen. Ein alter schwarzer, fleckiger Rock, von dem das Futter herabhängt, umhüllt seine armselige Gestalt. Sein rechter Stiefel ist am Hacken geplatzt, sodass sein ganzer Fuss rauskriecht. Er schleppt ihn nach, aber das stört seine Lustigkeit nicht. Und fröhlich klang sein Lied: Auseir dalim — hauschionoh. (Helfer der Armen, hilf uns!) Das fand Beifall. Der Stiefel wanderte von Hand zu Hand. Und als man aus der Schul ging, wurde der Stiefel wie ein Panier vorausgetragen mit einem lustigen Marsche. Nachher hat Gerson den Stiefel nicht mehr zu sehen bekommen. Und bis heute ist noch nicht festgestellt, was aus dieser Reliquie geworden ist. 'f y'-V Gerson machte sich darüber weiter keine Sorgen. Er nahm irgend einem braven Bürgersmann seinen Gummischuh fort und zog ihn auf seinen nackten Fuss. Und so, in einem Stiefel und einer Galosche, tollte % er schon den ganzen Simchas Tauro einher. Aber seinlUebermut wird doch von Zeit zu Zeit gedämpft. Seine Hosen sind nämlich an einer etwas'verfänglichen Stelle geplatzt, und er muss schamhaft die Schösse seines Rockes zurechtrücken. Serach, der Färber, gibt ihm nichts nach. Er würde vielleicht den Uhrmacher noch übertrumpfen, aber bei ihm haperts mit den hohen Tönen. Ihn schmerzt die Brust, [und wenn die Lieder in die hohen Lagen steigen, überlässt er Gerson ganz die Führung. Dann macht er so eine Bewegung mit der Hand, al$. wollte er untertänig bekenn^^ Im* Singen ist mir Gerson doch über. — Gelb wie Wachs ist sein Gesicht. Die Wangen sind dürr und eingefallen, umrahmt von einem blonden, dünnen Bärtchen. Sein Haar ist auch schon grau, obwohl er erst dreissig Jahre alt ist. Seine Kleider unterscheiden sich nur wenig von den Kleidern seiner lustigen Genossen. Er kann sich nichts darauf einbilden.