Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1909)
- Article
- Der Bericht der Jewish Colonisation Association für 1908
- Date
- 1909-08-01
- Page
- Seite 569 - 570 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583980-2583989-2599891--09646-2599999- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
569 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Der Bericht der Jewish Coionisation Association für 1908. 570 bereits besetzt sind, bereiten wir den Ankauf weiterer Flächen vor, auf denen zahlreiche Kolonisten Niederlassung werden finden können. Die Entwicklung der jüdischen Kolonisation in den Vereinigten Staaten und Kanada ist nicht minder interessant. In den Vereinigten Staaten ist sie bereits alten Datums, ist sie älter als unsere Gesellschaft. Sie leitet hier zurück auf die Auswanderer, die ihrer elenden Lage müde oder durch Verfolgung aus Rumänien und Russland vertrieben, das Leben in einem freien Lande aufgesucht haben. Freiwillig hatten sie sich in verschiedenen Gegenden dem Landbau zugewendet, den sie kaum kannten. Der Versuch war schwer, der Erfolg lange Zeit ungewiss, an manchem Misslingen hat es nicht gefehlt; doch griff keine Entmutigung Platz. Die Zahl derer war viel grösser, die nicht Landwirt werden wollten oder konnten. Diese wandten sich den verschiedensten Tätigkeiten zu, allen möglichen Handwerken, und auch auf wissenschaftlichem Gebiet haben sie sich betätigt. Die offizielle Statistik von 1900 stellte eine jüdische Bevölkerung von 1 043 800 Seelen fest. Seitdem hat jedes Jahr eine Anzahl israelitischer Einwanderer herbeigeführt, die der von 1907 in Höhe von 109 603 nahe kam. Im Jahre 1908, während der kommerziellen Krise in den Vereinigten Staaten, betrug sie nur 62 326. Die Zahlen der GesamteinwandrunT in den Jahren 1107 und Ii 08 waren 1 170195 und ^93 753. Die jüdische Kolonisation in den Vereinigten Staaten hat verschiedene Formen. Es gibt dort einzelne Ansiediungen und Gruppen von etwa 2000 Familien mit etwa 12 000 Seelen. Diese Ansiedler erhalten Vorschüsse von uns durch die amerikanische Gesellschaft, die es übernommen hat, die Ansiedlung der Einwanderer zu leiten, und die mit einer über jedes Lob erhabenen Hingebung ihrer Arbeit sich unterzieht. Ausser diesen Kolonisten haben unsere Freu nd e in den Vereinigten Staaten in fast allen Teilen der Republik das Vorhandensein von jüdischen Einzelfarmen festgestellt, deren Zahl nicht genau angegeben werden kann. Wir bemühen uns gegenwärtig, die amerikanische Einwanderung auf ausgesuchte Gegenden zu lenken, in denen Eintracht und Gegenseitigkeit besondere Vorteile gewähren. Unsere amerikanischen Freunde haben dieses System, von dem wir die glücklichsten Ergebnisse erwarten, angenommen. Bis auf diesen Augenblick ist das Anwachsen der industriellen Bevölkerung immer noch stärker als das der landwirtschaftlichen. Die Erziehung, die die Israeliten in ihrem Heimatlande erhalten haben, erklärt das in ausreichender Weise. In Neuyork haben die Einwanderer manchen Berufen eine starke Ausdehnung gegeben. Die Kleiderkonfektion verdankt ihnen eine solche Entwicklung, dass jetzt bereits für beträchtliche Summen solche Waren ausgeführt werden, die man früher vom Ausland bezogen hat. Wir haben erhebliche Beiträge geleistet zur Schaffung von industriellen und landwirtschaftlichen Unterrichtsanstalten, einer besonderen Landwirtschaftsschule, haben auch zur Ausdehnung einer Handwerkerschule in Neuyork beigetragen, die jährlich 275—300 junge Leute mit ausreichender Ausbildung entlässt. Eine Schöpfung verdient besondere Erwähnung: die „Dollarbanken", ein populäres Kreditinstitut, das der Initiative der Einwanderer zu danken ist. In Kanada, Quebec, Montreal, Halifax und Sankt Jean sind im vergangenen Jahr 2364 Israeliten gelandet. Hier ist die jüdische Auswanderung nicht so alt wie in den Vereinigten Staaten; sie hat erst vor kaum 20 Jahren begonnen. Die Einwanderer haben beträchtliche Anstrengungen gemacht, um sich in Kanada festzusetzen. Das Klima ist rauh, Handel und Industrie sind erst im Entstehen. Etwa 30 000 Juden haben sich in Montreal niedergelassen; die Zahl der im übrigen Land verstreuten wird ebenfalls auf 30 000 geschätzt. In Montreal widmen sich die Israeliten verschiedenen Berufen. Im Jahr 1908 hat unser Comite 2380 in Kleiderfabriken, Manufakturen usw. untergebracht. Die Arbeitgeber schätzen ihren Fleiss und namentlich ihre Nüchternheit. In Montreal unterhalten wir auch die Baron Hirsch-Schule mit über 600 Zöglingen, Kindern der Einwanderer, die in englischer Sprache unterrichtet werden. Für die Erwachsenen, die der Landessprache nicht kundig und allgemeinen Unterricht nötig haben, sind besondere Kurse geschaffen worden, die im vergangenen Jahr 774 Hörer hatten. Der Erfolg der Auswanderer, die sich der Landwirtschaft widmen, verdient um so mehr hervorgehoben zu werden, als er ihrer eigenen Initiative und Ausdauer zuzuschreiben ist. Die älteste Kolonie ist die von Hirsch, die mancherlei Wechselfälle durchgemacht hat. Die ersten Kolonisten von Wapella .liessen sich zwischen 1896 und 1890 nieder. Die meisten von ihnen hatten keine Existenzmittel. Sie bedurften aussergewöhnlicher Energie, um sich zu erhalten. Im Winter, bei 40 Grad Kälte, mussten sie 32 Ealometer weit auf ihrem Rücken Holz heranholen, dessen sie zum Bau ihrer Hütten bedurften. Dann machten sie das Feld urbar. Für ihren Unterhalt arbeiteten sie als Tagelöhner bei anderen. Diese Einwanderer brachten es dahin, in Qu' Appelle („wie heisst"), in Hirsch, in Bender, in Oxbow 260 landwirtschaftliche Niederlassungen zu schaffen und in vollen Betrieb zu setzen. Jetzt besitzen sie 19 303 Hektar Landes. Eine Fläche von 6972 Hektar haben sie urbar gemacht und in Betrieb genommen. Ihr Land hat einen Wert von 492 900 Dollars. Ihr ganzer Besitz bewertet sich auf 769 845 Dollars. Unsere Vorschüsse haben ihnen gute Hilfe gebracht. Auch in der Nähe von Städten betreiben die Israeliten Landwirtschaft. Sie haben dort nur kleinen Besitz: einen Hektar und weniger. Nur im Verein mit Erfindungsreichtum liefert ihnen dort ihr Fleiss die Existenzmittel. Bei Winipeg sind etwa 300, die der Stadt Gemüse, Milch, Butter liefern. Meine Herren, ich habe Ihnen noch nichts von einem andern Koionisationszentrum gesagt, das ebenso alt ist, wie das älteste von Amerika: Palästina. Die Zahl der Niederlassungen dort ist 20 mit mehr als 6600 Seelen. Sie alle verdanken, wenn schon nicht ihre Existenz, so doch ihre Erhaltung der herrlichen Freigebigkeit Edmonds von Rothschild. Die von ihnen angenommene Gewohnheit, auf ihren Wohltäter zu rechnen, überhob die Ansiedler häufig der persönlichen Anstrengung bei der Erdbearbeitung. Man musste diesen Zustand ändern und ein Verwaltungssystem beseitigen, das die Ansiedler ur selbständig erhielt. Man musste auch die Landverteilung ändern und jedem KoIonen so viel Land geben, als für seinen Unterhalt erforderlich war. Das gab eine vollständige Umwälzung der Kolonien, die jetzt glücklich beendet ist. Herr von Rothschild hat sie geleitet. Das Auffälligste in der Umgestaltung ist die Ueberweisung der Fabrikation und des Verkaufs der Weinprodukte aus den Kellereien von Rischon le Zion und Sichron Jacob an die zu einet Cooperativgenossenschaft vereinigten Kolonen. Die Ansiedler haben dabei besseren Erfolg als die vorherige Verwaltung; Wieder einmal hat sich die Vorzüglichkeit der Selbstverwaltung bewährt. Die Kolonen sind ebenso zufrieden wie wir; nur auf sich selbst zählend, arbeiten sie eifrig, und fast alle Kolonien gedeihen. Ausserhalb Palästinas würden die kleinen Kolonien von Karaga und Sasilar, die von rumänischen Auswanderern unzureichend eingerichtet waren, ohne unsere Hilfe zugrunde gegangen sien. Sie heben sich, und es scheint, dass sie sich halten können. Wir erhoffen aber besseres in der Türkei. In Or Jehuda, unserer Ackerbauschule, ziehen wir Arbeiter heran, die bisher ihr Vaterland verlassen mussten, um von ihrem Beruf leben zu können. Unter dem neuen türkischen Regime werden sie, wie wir glauben, im Lande bleiben und dort ihre Kenntnisse und ihren Fleiss nutzen dürfen. Wir beschäftigen uns schon seit langem mit dieser Frage. Vor mehr als zwei Jahren haben wir nach C i 1 i z i e n und Mesopotamien eine Mission ausgeschickt, deren B e r i c h te möglichen Erfolg für ein landwirtschaftliches Unternehmen in diesen Gebieten in Aussicht stellen. Wir sind geneigt, einen Versuch zu machen. Wir beschäftigen uns fortgesetzt mit den Auswanderungswie mit den Einwanderungsländern. Ihnen ist bekannt, in welchem Masse die Gesetze Rumäniens und Russlands in diesen Ländern unsrer Tätigkeit im Wege sind. Was sollen wir in R u m änien tun? Die Weisheit der Gesetzgeber erschöpft sich darin, die Israeliten an der Arbeit zu hindern. Die industrielle Tätigkeit ist beengt,