Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1909)
- Article
- Der Bericht der Jewish Colonisation Association für 1908
- Date
- 1909-08-01
- Page
- Seite 571 - 572 (sequence 3)
- Language
- German
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571 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Der Bericht der Jewish Colomsatiön Association für11908. '572 die landwirtschaftliche unmöglich. Nicht einmal der Unterricht der Kinder ist noch frei. Wo können sie lernen, da die öffentlichen Schulen ihnen fast völlig verschlossen sind? Wir tun, was wir können, um den Gemeinden bei der Errichtung von Schulen, bei der Erteilung des Elementarunterrichts behilflich zu sein. Im vergangenen Jahre haben wir 32 Schulen, darunter eine Handwerksschule für Mädchen, unterstützt. Diese Schulen waren von 7121 Zöglingen besucht. Was sollen wir in Russlan d tun? Wir haben dort im vergangenen Jahr 51 Elementarschulen mit über 8000 Zöglingen unterstützt. Die 21 Knaben-Handwerks?chulen, die wir subventionieren, haben 1333, die Mädchen-Handwerkfschulen 972 Zöglinge. Unsere Förderung der Landwirtschaft ist beengt, weil den Israeliten ausserhalb des Niederlassungsgebietes wie fast überall das Wohnen auf dem flachen Lande verboten ist. Unsere Tätigkeit ist auf die ven Alexander und Nikolaus I. gegründeten Kolonien beschränkt. Diesen Kolonien ist nicht gestattet worden, sich in Bessarabien, Podolien, im Gouvernement Cherson, im Nordwesten ausserhalb den einmal gesteckten Grenzen auszudehnen, obgleich die Bevölkerung zugenommen hat. Wir tun das Mögliche; wir haben ein ganzes System von landwirtschaftlichen Ameliorationen eingeführt, das die Kolonen anleitet, sich mit den modernen Hilfsmitteln und Methoden vertraut zu machen, alle erdenklichen Quellen auf ihrem fngen Gebiet zu erschliessen; wir helfen den Gärtnern in. der Nähe der Städte ihre Gärten und Weinberge auszudehnen. Fünf Schulen dienen der landwirtschaftlichen Unterweisung der Kinder. Die Einrichtung von landwirtschaftlichen, industriellen und kommerziellen Darlehnskassen vervollständigt unser Werk in Russland. Ihr Nutzen ist durch die Zahl des Bevölkerungsteils bewiesen, der sich ihrer bedient. Diese Bevölkerung beziffert sich auf 1 046 518 Seelen. Sie besteht aus Arbeitern, Kolonen, kleinen Händlern. Im vergangenen Jahre überschritten die Vorschüsse 10 Millionen Rubel. Ueber 9 Millionen wurden zurückgezahlt. In Galizien haben wir die ersten Hilfskassen für die ärmste Bevölkerung eingerichtet. Sie wirken vortrefflich. Ihrer sind gegenwärtig 20 mit 14 453 Mitgliedern. Sie gaben im vorigen Jahre 2 356 188 Kronen Vorschüsse. Der Erfolg hat uns bestimmt, diese Hilfskassen in sehr erheblichem Umfang zu schaffen, in Rücksicht auf die grosse Bevölkerung, der sie dienen sollen. Was würden in Rumänien, in Russland die Israeliten für das Gedeihen des Landes leisten, wenn sie von den elenden Gesetzen befreit wären, unter denen sie seufzen! Die 'Regierungen dieser Länder wissen das recht gut. Der Vertreter Russlands besuchte kürzlich unsere Kolonien in Argentinien. Die Schönheit der Kulturen, das Wohlbefinden der Kolonen setzten ihn in Erstaunen. Man braucht nicht soweit zu gehen, um sich zu unterrichten. Die Fortschritte der Kolonien in Russland zeigen zur Genüge, was die Israeliten bei Freiheit der Niederlassung im ganzen Lande leisten würden. Diese Freiheit ist von der Oktober-Verfassung verheissen worden, die allen Russen Religionsfreiheit zusagte. Die Verheissung besteht. Zu ihrer Erfüllung würde es genügen, sich ihrer zu erinnern oder auch nur Gefühl für das Interesse des Landes zu haben. Bis dieses Gefühl in der Seele der Regierungen erwacht, die noch die Israeliten verfolgen, setzen wir geduldig unsere Arbeit fort, hier und anderwärts von ergebenen Mitarbeitern unterstützt. Wir setzen sie fort in der Gewissheit, dass keine unserer Anstrengungen unfruchtbar bleiben wird. EINE TUERKISCHE DEPUTATION BEI DER ALLIANCE ISRAELITE UNIVERSELLE. Paris, 16. Juli 1909. Eine Delegation von gegenwärtig in Paris weilenden ottomanischen Parlamentsmitgliedern hat sich am Donnerstag, den 15. Juli, nach den Bureaus der Alliance Israelite Universelle begeben, wo sie von dem Präsidenten Herrn Leven und Mitgliedern des Central. Comites empfangen wurde. Die Delegation bestand aus den Herren Dr. Riza Tefvik Bey, Deputierter von Adrianopel, Midhat Bey, Deputierter von Serres, Sasson Effendi, Deputierter von Bagdad, Bustani Effendi, Deputierter von Beyrut, Mazliah, Deputierter von Smyrna. Die Herren waren begleitet von dem Kapitän Ismail Djanbulet Bey und von Herrn Asseo, Mitglied der nach Frankreich entsandten ottomanbehen Finanz-Studien-Kommission. Herr Leven drückte den Delegierten, auch im Namen seiner Kollegen vom Central - Comite seine Freude über diesen spontanen Besuch aus. Er begrüsste die ottomanischen Deputierten als Vertreter eines Landes, das den verfolgten und bedrückten Juden jederzeit in weitestem Masse G-astfreundschafc gewährt habe. Wenn diese Auffassung brüderlicher Duldsamkeit unter den verschiedensten Regierungen der Vergangenheit geherrscht habe, wieviel mehr werde sie jetzt in Ehren gehalten werden, da die Türkei nach Nachdruck mit Quellenangabe gestattet dem grossartigen Aufschwung zur Freiheit, der in aller Welt Bewunderung gefunden, die Bürgerrechte proklamiert und sieh ihre Stellung als konstitutioneller Staat erworben habe. Die Alliance habe seit fast 50 Jahren an diesem Werk des Fortschritts mitgearbeitet. In zahlreichen Schulen, die nacheinander während dieses Zeitraums im Lande gegründet wurden, hat sie die intellektuelle und moralische Emanzipation der Juden angestrebt, und nichts kann die Resultate der Alliance besser vor Augen führen, als die Zugehörigkeit der Deputierten zum ottomani^chen Parlament, die ihren ersten Unterricht in den Instituten der Alliance genossen haben. Herr Dr. Riza Tefvik Bey, Deputierter von Adrianopel, dankte dem Präsidenten der Alliance für seine sympathischen Worte. Er erklärte, dass er das Erziehungswerk der Alliance Israelite Universelle in der Türkei sehr zu schätzen wisse, weil er, ein Muselmane, seine erste Erziehung diesem Werke verdanke; auch habe er nicht aufgehört, ihm seine grosse Sympathie öffentlich zu bezeigen. Das Wohlwollen, das die Türkei den Juden entgegenbringe, ist nur gerechtfertigt, Ihre intellektuelle Tätigkeit, ihre reinen und friedlichen Sitten werden viel dazu beitragen, um den Fortschritt des Landes zu entfalten. Wie bisher, so