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Ost und West · 1909-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1909) · p. Seite 561 - 562

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1909)
Article
Eine Mittelmeer-Reise
Date
1909-08-01
Page
Seite 561 - 562 (sequence 2)
Language
German
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561 Rabbiner Dr. Wilde-Magdeburg: Eine Mittelmeer-Reise. 562 Schulen entworfen hat. Die Schule soll eine jüdische sein, die das Bulgarische ausreichend berücksichtigt. Falls noch eine fremde Sprache gelehrt wird, so wäre hier allerding3 vielleicht die Frage, ob nicht die deutsche genommen werden soll. Ich habe mich im ganzen übrigen Orient überzeugt, dass Französisch unbedingt zum weiteren Fortkommen notwendig ist; es ist nun einmal im ganzen Orient die internationale Verkehrssprache. In Bulgarien aber ist der deutsche Einschlag so gross, — es sprechen in Sofia, wie mir gesagt wurde, 10 000 Personen deutsch — dass mindestens für die Knaben die deutsche Sprache vielleicht wichtiger ist, als die französische. Doch will ich hier weiter nichts als einen flüchtigen Reiseeindruck wiedergeben. Am nächsten Tage ging die Fahrt hinunter in die Türkei. Auf dem Bahnhof zu Adrianopel erzählten uns zwei einheimische jüdische Studenten — ehemalige Allianceschüler, von denen der eine schon ein Semester in München gewesen war,—dass an diesem Tage in Adrianopel sieben Soldaten wegen reaktionärer Bestrebungen gehängt worden wären. Auf andere Weise, meinten sie, wäre das alte Regime nicht auszurotten. Mit diesem etwas gruseligen Eindruck von türkischen Verhältnissen kamen wir Mittwoch früh in Konstantinopel an. Der Dragoman der Levante-Linie stand schon zu unserem Empfang bereit. Mandelbaum ist sein Name. Mit anheimelndem Klang wirkte dieser Name auf mich. Er hielt mich erst für einen „Goi"; nachdem ich ihm aber gesagt hatte, dass ich sogar Rabbiner sei, umschlossen uns beide inmitten der Gesellschaft, die er herumführte, unsichtbare innere Bande. Er hat sogar zum Abschied fest versprochen, mir zu rauschhaschonoh zu gratulieren. Wenn er sein Wort hält, soll er diese Nummer von Ost und West bekommen, um zu sehen, dass ich ihn als den besten und intelligentesten Führer, den wir auf der ganzen Reise hatten, verewigt habe. Trotzdem war ich unter seiner Führung doch nur Herdenmensch und musste mir all das ansehen, was für jeden Europäer in Konstantinopel hochinteressant ist, aber in den Raum dieses Reisebriefes, der ja nur jüdische Dinge berücksichtigen soll, nicht hineingehört. Durch das Goldene Horn nach den süssen Wassern von Europa fahrend, legten wir auch an dem Stadtteil Balat an. Zahlreiche Aufschriften, mit hebräischen Buchstaben, aber in spaniolischer Sprache, zeigten, dass dieser Ort fast nur von Juden bewohnt sei. Auf asiatischer Seite fuhren wir durch das Judendorf Rusgundschuk an einem grossen aber zerfallen aussehenden jüdischen Friedhof vorbei. Als wir am anderen Tage den Bosporus hinauffuhren, machte mich unser Führer auf einen Herren im türkischen Fez aufmerksam. Der Herr wäre ein hiesiger, aber europäisch gebildeter Rabbiner der askanasischen Gemeinde. Ich ging sofort auf den Kollegen zu und stellte mich ihm vor. Aber zu meinem höchsten Erstaunen erwiderte er ruhig: „ich weiss bereits, dass der Magdeburger Rabbiner in Konstantinopel ist". Er hatte den Tag zuvor den Vertreter der Alliance Herrn Kaufmann gesprochen, der mich in liebenswürdigster Weise in meinem Hotel aufgesucht hatte. Am Freitag abend schickte uns der Rabbiner einen Mann ins Hotel, der uns nach einer sephardischen Synagoge geleitete.*) Am Sabbat suchten wir dieselbe Synagoge auf — wir hatten uns diesen Tag von unserem Führer freigemacht. — Ich wurde als „dritter" aufgerufen, bekam einen Ehrenplatz in heissester Sonne und fühlte wieder, trotz der anderen Aussprache des Hebräischen und einiger abweichenden Gebräuche, dass die hebräische Sprache und die Grundzüge der Gebetordnung das einigende Band für die Juden der ganzen Welt sind. Können wir auch bei gegenseitiger Unkenntnis der Muttersprache nicht mehr miteinander reden, so können wir doch wenigstens zusammen beten. — Montag vormittag nun, von allem anderen uns freimachend, beschlossen wir, eine Allianceschule aufzusuchen, die in Balat, weil dort, dicht zusammengedrängt, das jüdische Proletariat haust. Ein kleiner Judenjunge, deutsch sprechend, der selbst eine Missionsschule besucht, eine zufällige Strassenbekanntschaft, machte unseren Führer. Auch hier löste wieder das Schreiben der Alliance grösstes Entgegenkommen des Direktors aus, der in freundlichster W^eise uns durch alle Klassen während des Unterrichts geleitete. Gut besuchte Klassen, einzelne Schüler, die ältesten gewöhnlich, mit dem. Fez auf dem Kopf, Muhamedaner, wie mir erklärt wurde, die die Allianceschule besuchen. Einer sass auch ohne Fez „ein Liberaler". Die Kinder, besonders die Mädchen, überraschend sauber gekleidet, einen durchaus wohlerzogenen Eindruck machend. Eine nicht hoch genug zu schätzende Wirkung der Allianceschule. Die Mädchen der ersten Klasse halb erwachsen. Durch die Allianceschulen wird auch vielfach das gar zu frühe Heiraten der Mädchen verhindert. Fast zwei Stunden haben wir dem Unterricht beigewohnt. Die Unterrichtssprache ist französisch, und ich beneidete fast die Kinder wegen der Leichtigkeit, mit der sie sich der französischen Sprache bedienten. Das grösste Interesse hatte ich natürlich für den hebräischen Unterricht. Ich fand in allen Klassen Kenntnisse, wie wir sie in unseren Religionsschulen schwerlich erreichen können. Mit der ersten Knabenklasse, die deutschen Unterricht hat, konnte ich mich ganz gut verständigen, und richtige genaue Antwort bekam ich auf die Frage, wie man zu Wasser und zu Land von Konstantinopel nach Berlin fährt. Nachdem wir uns von dem freundlichen Direktor verabschiedet hatten, suchten wir noch schnell die nicht weit entfernt gelegene Schule des Hilfsvereins auf. Ein deutsches Volkslied „Das Wandern ist des Müllers Lust", von türkischen Judenjungen im deutschen Unterricht gesungen, bildete den Abschied von der Schule und damit von Konstantinopel. Fast gerührt hörten wir hier im Orient das deutsche Volkslied erklingen. Aber in mir stieg auch das bittere Gefühl auf: In der ganzen Welt sind wir deutschen Juden die besten *) Der Chacliani — sj mag Abraham in seinen jungen Tagen ausgesehen haben — geleitete uns iri voller Amtstracht ins Hotel zurück.

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