Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1909)
- Article
- Eine Mittelmeer-Reise
- Date
- 1909-08-01
- Page
- Seite 563 - 564 (sequence 3)
- Language
- German
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563 Rabbiner Dr. Wilde-Magdeburg: Eine Mitielmeer-Relse. 564 Träger des Deutschtums; zum Dank dafür wird uns in unserem Vaterland von antisemitischer Beschränktheit und alldeutschem Maulheldentum die deutsche Gesinnung bestritten. 1 Ein hübsches Boot führte uns schnell durch das Goldene Horn zurück, unserem Schiffe zu. Mit uns fuhr ein kleiner Junge. Am Tage vorher war die Baracke abgebrochen worden, in der er mit seiner Mutter hauste. Beide lagen jetzt odbachlos auf der Strasse herum. Deswegen nahm der deutsche Lehrer sich den Jungen mit in sein Haus. Aber mit frohem Gesicht sah sich der Junge um; über der Freude, in einem schönen mit Sonnendach versehenen Boot fahren zu können, vergass er schnell alles Leid. Beneidenswerte Jugend, die eine kurze, wenige Pfennige kostende Fahrt glücklich machen kann! Später kann man vom Nordpol bis zum Südpol der Erde fahren, ohne das Glück zu finden. Durch all die Inseln hindurch, die ich aus seeligen Quartanerzeiten im Gedächtnis hatte, fährt uns das Schiff nach Smyrna. Ein Tag war für die Stadt und nächste Umgebung, ein zweiter für Ephesus vorgesehen. Nur flüchtig führte uns der Weg durch das Judenviertel, das aber einen bedeutend sauberern und wohlhabenderen Eindruck machte, als die Judenviertel von Konstantinopel. Nirgends sahen wir jüdische Bettler. Hier soll die Alliance besonders günstig auf die Hebung der sozialen Verhältnisse der Juden gewirkt haben. In der Nähe der Stadt, aui dem Berge Pagos, zeigte uns der Führer einen Turm, von dem eine Kanone abgefeuert wird, wenn es in der Stadt brennt, ein Schuss, wenn es in dem Judenviertel brennt, 2 Schuss bei den Armeniern, 3 bei den Griechen und 4 bei den Türken. Von Smyrna führte uns das Schiff nach Athen; von den Verhältnissen der wenigen Juden Griechenlands habe ich dort nichts erfahren können. Von dort nach dem englischen Malta, dann nach Afrika hinüber, nach Algier, aber auch hier an den kurzen Aufenthalt des Schiffes gebunden. Die Synagoge sahen wir nur von aussen, Hessen uns dort von einem Juden die Adresse der Alhanceschule aufschreiben, ohne aber dann Zeit zu finden, sie aufzusuchen. Nur in der Teppichfabrik, die wir besichtigten, sagte mir der Direktor auf meine Frage, dass ein Teil seiner Arbeiterinnen Jüdinnen seien, woraufhin ich mir einen Teppich kaufte. In Malaga sahen wir, wie spanische Truppen eingeschifft wurden, um widerwillig hinüber nach Afrika in den Kampf gegen die Mauren geführt zu werden. Ein Land, das seine Glanzzeit hatte, als die Juden im Lande waren, das immer tiefer gesunken ist, seit es „judenrein" ist, und das heute in der Kultur gegen die Türkei zurücksteht. Bald grüsste uns der mächtige Felsen von Gibraltar, dieser Zeuge englischer Weltmacht. Dann nahm uns der atlantische Ozean auf, der uns schnell, als wir das Kap Vincent erreicht hatten, seine Mucken zeigte. Es war am 9. Ab. Unruhig rollten die Wogen auf und nieder, nach allen Richtungen schwankte unser Schiff, bald Berge erkletternd, bald in Tiefen versinkend. Mein Freund ging bleichen aber mutigen Angesichts wie ein kleiner Held auf dem schwankenden Schiff hin und her, ich aber lag langgestreckt auf einem Stuhl, und, — ich versichere es feierlich — noch nie habe ich an einem 9. Ab einen"so leeren Magen und ein s o zerknirschtes Gemüt gehabt. Aber nach dem 9. Ab kommt der Schabbos Nachamu. Und als er gekommen war, da fuhren wir der Heimat zu, lagen am Abend schon vor Kuxhaven. Noch einmal vereinigten sich alle deutschen Passagiere — die Engländer hatten wir in Dover ans Land gesetzt — mit dem Kapitän und den beiden ersten Offizieren zu einer Abschiedsbowle. Deutsche Studentenlieder erklangen, und aus ehrlicher Begeisterung sangen wir, zur deutschen Heimat zurückgekehrt, „Deutschland, Deutschland über alles". In der Ferne hatten wir die Heimat von neuem und heisser lieben gelernt. In der Ferne war mir aber auch wieder das Gefühl lebendiger geworden für die Zusammengehörigkeit aller Juden, für die Verpflichtung, auch für unsere orientalischen Brüder zu sorgen, so wie es durch die Alliance geschieht. REVUE DER REVUEN. Aus dem letzten Band der englischen Regierung über Indien bringt die „Neue National-Zeitung" einen Auszug über die J u d e n i n I n d i e n. In Indien existieren zwei gut eingerichtete jüdische Kolonien, die eine in Bombay und die andere in Kochin. Die Entstehungsgeschichte der Kolonie „B'nei Israel" in Bombay ist sehr dunkel und wenig aufgeklärt, hingegen sind in Kochin noch zwei Kupfertafeln erhalten, aus deren Inschriften hervorgeht, dass daselbst schon im achten Jahrhundert eine jüdische Siedelung bestanden hat. Die jüdischen Kolonien bestehen aus einer weissen und einer schwarzen Volksschicht. Die schwarzen Juden haben sich mit den Eingeborenen vermischt, sowie auch viele Indier zum Judentum übergetreten sind. Die meisten der schwarzen Juden in Indien sind Nachkommen dieser Mischungen. In Aden wohnen 3049 Juden. Das Werk gedenkt sogar der acht jüdischen Familien in der Provinz Baroda. In der Stadt Bombay lebten im Jahre 1901 rund 5360 Juden, gegenüber einer Gesamtbevölkerung von rund drei Viertel Million. In Kalkutta wohnen 1889 Nachdruck verboten. Juden. In ganz Zentralasien finden sich nicht mehr als 24 Juden, die in den englischen Kolonien und Schutzstationen wohnen. In Kochin betrug im Jahre 1901 die Zahl der Juden 1137 und in Ernaculas 412. Diese Stadt bildet die Endstation der Kochiner Eisenbahn und hat in kurzer Zeit einen grossen Aufschwung genommen. Der Handel, der jetzt in Entwicklung begriffen ist, befindet sich zum grossen Teile in den Händen der Juden. Nicht weit von da liegt die Stadt Mathanchery mit 474 Juden. Interessant ist auch der Teil des Berichts, der sich mit einer Ortschaft beschäftigt, die den Namen „Jüdische Stadt" trägt und ausschliesslich von weissen und schwarzen Juden bewohnt wird. Diese Juden stammen aus Spanien, woher sie nach der Vertreibung im sechzehnten Jahrhundert eingewandert sind und eine grosse Kolonie gründeten. Mit der Zeit ist diese historisch interessante „Jüdische Stadt" stark zurückgegangen. Von ihrer alten Blüte sprechen drei alte Synagogen.