Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1909)
- Article
- Eine Mittelmeer-Reise
- Date
- 1909-08-01
- Page
- Seite 559 - 560 (sequence 1)
- Language
- German
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559 560 EINE MITTELMEER-REISE. Von Rabbiner Dr. Wilde- Magdeburg. Im vorigen Jahr war ich in Spitzbergen. Also musste ich dieses Jahr nach Afrika reisen. Bei der Fahrt nach dem höchsten Norden der Erde hatte ich einheimische Juden überhaupt nicht gesehen — allen Antisemiten, jüdischen und christlichen seien die Länder jenseits des nördlichen Polarkreises zur dauernden Absiedlung bestens empfohlen — darum beschloss ich diese Lücke auf meiner Mittelmeerreise auszufüllen. Vor Antritt der Reise wandte ich mich an das Deutsche Bureau der A. J. U. mit der Bitte, mir einen Empfehlungsbrief an die Direktoren aller in Betracht kommenden Allianceschulen mitzugeben. Prompt bekam ich aus Paris den Brief, in dem mir, im Vertrauen gesagt, Verdienste um die Alliance nachgerühmt wurden, die ich mir bisher leider noch nicht indem erwünschten Masse erwerben konnte. Das Berliner Bureau benachrichtigte auch noch voller Entgegenkommen einen Vertreter in Konstantinopel von meiner baldigen Ankunft. Ich wusste allerdings, dass ich von diesen Empfehlungen nicht gar zu oft würde Gebrauch machen können. Denn in meiner Tasche steckte schon das Billet der Deutschen Levante-Linie für die Reise Konstantinopel—Hamburg „mit Landausflügen". Das bedeutet alle mögliche Bequemlichkeit am Lande, aber auch Verzicht auf jede Individualität; man wird nur in seiner Eigenschaft als gebildeter Mitteleuropäer und Herdenwesen nach vorgeschriebenem Programm herumgeschleppt. Aber die Hinreise nach Konstantinopel konnte ich ja noch als freier Mann machen und diese Zeit nach meinem Geschmack ausnutzen. In Breslau holte ich mir meinen Leibfuchs ab, um dann in Budapest die erste Auslandsstation zu machen. Hier kann der grösste Philosemit seinen Bedarf an Juden decken. Trotzdem die grosse Synagoge — ich war über Sabbat in Budapest — sehr gut besucht war, schien es mir doch, als ob auch in Budapest am Sabbat mehr Juden ausserhalb als in der Synagoge sind. Tröstend wirkt in solchen Fällen auf mich die Ueberzeugung, dass Kirchen verhältnismässig noch viel schlechter besucht werden als Synagogen. Als wir im frommen Spanien am Sonntag vormittag der Messe in dem berühmten Dom zu Malaga beiwohnten, zerfielen die Anwesenden in drei gleiche Teile: reisebuchgerüstete Fremde, diensthabende Priester, betende Andächtige; zusammen wohl kaum mehr als hundert Personen. — In Budapest genoss ich am Sonnabend vormittag eine ungarische Predigt. Ich verstand natürlich kein Wort, konnte aber meinem einheimischen deutschsprechenden Nachbar zu seinem grössten Erstaunen erzählen, was der Rabbiner gesagt hatte. Aus dem hebräischen Text, der erkennbaren Zweiteilung, den Gesten und dem. Tonfall, war es für den Kundigen gar nicht schwer, alles Uebrige zu erraten. Am Sonntag reisten wir weiter und kamen mitternachts in Belgrad an. Ich hatte in den Tiefen meiner Phantasie eigentlich erwartet, dass der Kronprinz revolverschiessend auf dem Bahnhof umherlaufen würde Nachdruck verboten. oder sonst so etwas Schauriges — aber der Bahnhof sah aus wie alle Bahnhöfe, und der Regen strömte so schön, dass man glauben konnte, in einem deutschen Sommeraufenthalt zu sein. Nur einige martialisch aussehende Soldaten und die ersten türkischen Kopfbedeckungen zeigten, dass wir uns dem Orient näherten. In Sofia, am anderen Tage, holte ich zum ersten Male den Empfehlungsbrief der Alliance aus der Tasche. Wegführer war der weithin leuchtende Bau der neuen Synagoge: da ich auf der Schule ein guter Turner gewesen bin, so kamen wir schliesslich auch über ungepflasterte Wege, Steine, Sandhaufen und Wasserlachen ohne wesentliche Beschädigungen nach der Synagoge. Ein prächtiger Bau, wenn auch für europäischen Geschmack etwas zu orientalisch bunt. Am nächsten Neujahrsfeste soll die Synagoge eingeweiht werden. Einen dort herumlungernden Juden fragte ich nach d6r Allianceschule. Aber, o weh, er verstand mich nicht; nicht deutsch, nicht französisch, nicht hebräisch; es war ein alter spaniolischer Jude, dessen Erziehung sichtlich noch nicht von der Alliance beeinflusst war. Ein biederer deutscher Zimmermann, den das Schicksal von Schwaben nach Bulgarien verschlagen hatte, um dort am Bau der Synagoge zu helfen, zeigte uns schliesslich den Weg. Kaum hatte ich das Allianceschreiben dem Direktor ins Haus geschickt, so kam er uns schon mit der grössten Liebenswürdigkeit entgegen, und ich bemühte mich, mit meinem Königlich Preussisch abgestempelten Gymnasialfranzösisch ein Gespräch in Gang zu bringen. Mein Freund, es sei ihm gern zugestanden, dass er besser französisch spricht als ich — was allerdings nicht viel besagen will — half krampfhaft mit, bis das deutschsprechende Töchterlein des Direktors, von beiden Seiten erleichtert begrüsst, als dolmetschender Engel erschien. Da uns der Direktor die Schule leider nicht zeigen konnte — es waren Ferien — so geleitete er uns durch die Sehenswürdigkeiten der Stadt und brachte uns zu dem Oberrabbiner von Bulgarien. Ich hatte einen ehrwürdigen alten Herrn erwartet und war angenehm überrascht, einen jungen Kollegen und eine noch viel jüngere elegante europäische Dame als Rebbezin zu finden. Im angenehmen Geplauder — hier brauchten wir nicht französisch zu radebrechen — verbrachten wir den Abend und bekamen einen flüchtigen Einblick in die jüdischen Verhältnisse Bulgariens. Wenn man von Norden kommt, merkt man gleich am äusseren Aussehen und Leben der Stadt, dass sich hier Orient und Occident die Hand reichen — die Hand ist nicht immer ganz sauber. — So sind auch die inneren Verhältnisse der Juden ein Gemisch von Abendland und Morgenland: in der Kindererziehung, im Unterricht, in der Ehe. Der Inspektionsbericht des Herrn Rabbiner Dr. Porges zeigt ja, mit welchen Schwierigkeiten hier die Allianceschule zu kämpfen hat und wie ,man bereits ein neues Programm für die bulgarischen