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Ost und West · 1909-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1909) · p. Seite 555 - 556

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1909)
Article
Thamar
Date
1909-08-01
Page
Seite 555 - 556 (sequence 11)
Language
German
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555 Clara Steinitz: Thamar. 556 Wenn ich genesen bin, ich dank es dir — Und daran wolle denken^ AmnOn (leert einen Becher, ohne die Speisen zu berühren). Doch das Kind, Das du im Schosse trägst, es müsste, dächt* ich, Für seinen Vater sprechen. Thamar. Nein, ach nein! Das Ungeborene spricht gegen dich. Eh' es gezeugt war, hättest du's in mir Schon lieben sollen. Doch du zeugtest es Und hasstest seine Mutter. Amnon. Immer noch Sprichst du von Dingen, die für alle Zeit Du in Vergessenheit versenken solltest. (Stürzt den zweiten Becher Weins hinab.) Thamar. Wie gerne schwieg ich, miede jedes Wort, Das dich verletzen könnte, und behutsam Erwäg' ich jede Silbe. Fremd bist du Geworden meinem Sinn. Und wer will Fremde Beleidigen? Drum heiss mich lieber schweigen, Da ich nicht wahr sein darf. Amnon. Lass mich versuchen Dich andern Sinns zu machen. Wenn du wüsstest, Wie tief dein Angesicht und deine Rede Mein Innerstes bewegen. Unerträglich Wird der Gedanke mir, dass du mich hassest. Thamar. Ich hasse dich nicht mehr. Amnon. Noch einmal sprich Dies Wort, das mich beseligt. Nur so still, So kalt musst du's nicht sprechen. Wende mir Dein Antlitz freundlich zu, in deine Augen Entsende Wärme, und der strenge Zug Um deinen Mund mach' einem Lächeln Platz. Thamar. Die alte Melodie! Noch einmal will Sie schmeichlerisch durch's Ohr ins Herz mir schleichen. Vorbei! Es ist in Winterschlaf versunken. Kein Lockruf weckt's aus seiner Eisesruh. Amnon. Erst sei mein Weib! Aus der Erstarrung wird Dich meine Liebe, neu entfacht, erlösen. Thamar. Versteh' mich besser — und lass ab von mir. Nicht täuschen darf ich dich. Mein Frauenschicksal Ist abgeschlossen. Wenn du lieben willst, Geh nach Aegypten — Amnon. Dieser Argwohn also Hat dich mir fremd gemacht? Lass mich dir schwören, Dass meine Zukunft dir allein gehört. Thamar. Mehr willst du geben, als ich nehmen kann, Denn nur des Friedens wegen siehst du mich Bereit, dein Weib zu heissen . . . Lass mich dann Entfernt von dir dem Kinde einzig leben. Amnon. Bist du mein Weib, halt ich dich ewig fest, Dein Kind ist meins, und du gehörst dann mir — Thamar. Ich werde niemals dein — und auch mein Kind Werd' ich zu schützen wissen . . . Amnon (leert den dritten Becher und starrt vor sich hin). Jonadab (tritt an den Tisch zu Amnon). Trink nicht mehr! Der Wein ist heiss. Zur Vorsicht mahn ich dich. Folg* meinem Rat und trink nicht! Amnon. Lass mich jetzt! Ich habe mit der Fürstin noch zu reden. Jonadab. Ich gehe schon. Doch sei auf deiner Hut! (Entfernt sich.) Amnon. Versöhnung zwischen uns ist nicht mehr möglich? Thamar. Du starbst mir. Einem Toten groll* ich nicht. Amnon. Lass mich dir auferstehen und vergiss, Was einmal war. Das eine denke nur: Durch dieses Kind, das du mir schenken wirst, Bist du ja mein. Thamar. Ich war's. Und bin's nicht mehr. Kann es nie wieder sein. Drum gib mich auf! Dass ich dein Weib zu heissen mich erbiete, Missdeute nicht, denn nicht um meinetwillen Bin ich dazu bereit. Nicht um mein Leben Ist mir's dabei zu tun, das glaube mir. Sieh, Chileab ist hier, er segne uns! Zieh dann in Frieden heim — und niemals mehr Sollst du mich wiedersehen. Amnon (abermals trinkend). Weil du mir Nicht glauben willst. Gibt es denn nichts, womit Ich mir dein Zutraun neu erwecken kann? Dich heimzuführen kam ich, dem Befehl Des Königs zu gehorchen. Da stehst du In Frauenreife und in Mutterstolz, Ein zaubrisch süss Naturgeheimnis da. Wie umgewandelt bin ich, ehr* in dir Die Gattin meiner Wahl und meines Kindes Glücksel'ge Mutter. Thamar. Ach, schon einmal hat Wie Harfenton dein Werben mich betört Zu schrecklichem Erwachen. Spare drum Ein weitres Drängen deinem Mannesstolz. Amnon. Versuch's mit mir! Stell mich auf jede Probe Du wirst die Königin Judäas sein. Dein Kind blüht einem glänzenden Geschick Entgegen. — Dafür will ich eines nur: Mir angehören, lieben sollst du mich. Thamar. Der Erdball könnte dein sein. Nicht frohlockend. Mit neuem Schmerz hör' ich dein Werben an. Amnon. Und doch verwirfst du mich? Thamar. Um deinetwillen Erfülle meinen Wunsch mir, damit ich Den Namen deines Weibes tragen kann. Amnon. Noch einmal! Du verschmähst mich? Thamar. Nenn's nicht so! Kein Ehrgeiz treibt mich, keine Eitelkeit. Um Davids, Absalons und deinetwillen Spiel ich dies Gaukelspiel und nehm dich an. Amnon (steht auf). Ihr Brüder wisst! Zu einem Gaukelspiele — — So hör' ich eben — sind wir hergelockt. Die Fürstin will mich — und sie will mich nicht — Sie will mich — nur zum Schein — AbSalon (tritt vor ihn hin). Wie sie dich will, Hast du sie auzunehmen. Wage nicht, Bedingungen zu machend Hole dir Von allen Glücklichen, um die zu werben Vergönnt dir ist, die höchste, königlichste, Und lass von Thamar, wenn es deinem Stolze Noch immer nicht genügt, dass sie dir jetzt, Noch jetzt gestattet, sie dein Weib zu nennen.

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