Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1909)
- Article
- Thamar
- Date
- 1909-08-01
- Page
- Seite 549 - 550 (sequence 8)
- Language
- German
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549 Clara Steinitz: Thamar. 550 Vierter Akt. Baal-Hazor. In der Ferne blühende Gebirgslandschaft. Reiches Landhaus mit Säulengängen im Hintergründe. Weiter vorn festlich gedeckte Tische, an die von Dienern und Mägden die letzte Hand gelegt wird. Weissgekleidete Pagen und junge Mädchen tauchen zuweilen in den Säulengängen auf und verschwinden wieder. Thamar ist im Hausgewande noch mit dem Blumenschmuck der Tafeln beschäftigt. Absalon verabschiedet vor dem Landhause einen jungen Mann in syrischer Fürstenkleidung und kehrt zurück. Erster Auftritt. Thamar. Absalon. Thamar. Du bringst den Syrerfürsten nicht zurück? Absalon. Er wäre gern geblieben, hätte gern Bas Fest mit uns gefeiert, wenn ich ihm Als seine Gattin dich bewilligt hätte. Thamar. Gibt's Freier noch für mich? Wo hat der Syrer Denn seine Augen? Absalon. Opfer über Opfer Hat er für dich geboten. Und für mich Und meinen Vater zählte er beredt Jedweden Vorteil auf, den die Verbindung Mit ihm dem Land und somit uns gebracht. Thamar. Du spottest meiner nicht? Absalon. Vor Liebe krank Beschwor er mich, bei dir um ihn zu werben, Bis ich ihm sagte, dass dein Schicksal sich Noch heut entscheide. — Der ersehnte Tag Ist endlich da. Bald kommen meine Brüder — Und Amnon kommt. Du musst entschlossen sein. Denkst du ihn anzunehmen? Thamar. Wunden gibt's, Die niemals heilen. Giftgetränkte Worte, In ein von Scham und Liebe krankes Herz Gesenkt, vergisst man nicht. Sie ranken dort Und wühlen sich in das Gedächtnis ein. Den Schmerz selbst überdauern sie. Vergeben Will gern ich sie. Vergessen kann ich nicht. Absalon. So sagst du nein? Thamar. Das Gottesurteil spricht Für ihn, denn Mutter fühl' ich mich. Allein Unmöglich kann ich ihn zum Gatten nehmen, Denn ohne Schauder hör' ich seinen Namen Nicht einmal nennen. Absalon. So ergeht es mir. Bis an den Hals bin ich von Grimm erfüllt. Du sprachst sein Urteil aus. Er falle! Thamar. Nicht doch! Verstehe recht! Ich zürne ihm nicht mehr, Als ich mir selber zürne, denn fürwahr, Zu schnell bin ich in seine Hand gefallen. Du warntest mich. Ich wusste, wie verstrickt Mich seiner Augen böser Zauber hatte, Und rannte doch ins Netz. Drum keine Rache! Im Rachewunsch lebt noch ein letzter Funke Von Neigung auf, die Sättigung begehrt. Absalon. Was also soll geschehen? Thamar. Du bist Amnon Versöhnung schuldig. Nicht missbrauchen Davids Vertrauen darfst du, der den Sohn dir schickt. Und ist er wert, dass mit des Brudermordes Entsetzenstat dein Leben du verfinsterst? Der Stolze kommt, er wirbt — und wird verschmäht.. Absalon. So warte doch erst, ob er um dich wirbt, Und wie er's tut. Die Tochter Pharaos In sichrer Aussicht, bist du weiter nichts Ihm als ein Zwischenspiel, das abgetan In heiterm Hochmut sein will. Thamar. Und dazu Willst du mich herleihn? Absalon. Ei, ich sehe zu, Wie sich die Werbung abspielt. Eher nicht Greif in das Spiel ich ein, bis auch der Schein Des Rechtes sich auf unsre Seite neigt. Thamar. Und alles das wozu? Den Ew'gen lass Des Rächeramtes walten. Nicht zu viel Und nicht zu wenig wird der droben tun. Absalon. Des Sternenzeltes über unserm Haupt Hat er zu achten, kann auf uns nicht sehn, Die wie Insektenvölker unter ihm Im Erdenstaube wimmeln. Unsrer achten, Er, dem die Himmel sich und Sterne neigen? Zu nichtig, allzu nichtig sind wir ihm. Der wüste Amnon wäre froh, käm' er So leichten Kaufs davon. — Ei sage, bist Du denn mit Blumenbinden noch nicht fertig? Thamar. Ich bins, du Ungeduld! Und alles steht Bereit schon zum Empfang. — Für Amnon lass Mich tot sein. Gar nicht zu Gesichte soll Er mich bekommen. Der Gedanke schon, Ihn sehn zu müssen, ist mir eine Pein. Empfang' ihn nach Gebühr, in ihm ist David Dein hochgeehrter Gast. Und dann entlasse In Frieden ihn. Absalon. Nicht ohne Sühne kommt Er fort von hier. Für mich ist nicht mehr Platz Im Vaterlande, blickt der künft'ge Herrscher Mit Hohn auf mich herab. Bin ich ein Mann Und lasse meine Schwester ungerächt? Thamar. Wenn König David ihm verzeihen konnte, Kannst du es auch. Absalon. An eine wunde Stelle In meinem Herzen rührst du. Grade weil Mein Vater nicht gestraft den Missetäter, Wälzt sich das Rächeramt auf meine Schultern. Thamar. Doch David hat das Recht der Erstgeburt Zur Sühne dir geboten. Absalon. Kaufen sollt6 Ich deine Schmach für seine Krone? Wer Im Volke hätte nicht darob gehöhnt! Thamar. Und warst du zur Versöhnung nicht bereit? Absalon. Weil es mir geht, wie's unsrer Mutter ging. Wenn ich ihn sehe, schmilzt vor seinem Blick Mein Wille hin wie vor der Sonne Schnee. An seinen Lippen häng* ich, gäbe gerne Mein Leben hin für den erhabnen Mann. Auch weiss ich freilich, was den Mund ihm schliesst . . . Denn kann am Sohn die Sünd' er strafen, die Er selbst beging? Und ist nicht Bath-Seba Die faule Stelle unsres Glücks und Glanzes? Und der durch sie herbeigeführte Tod Urias, unsres tapfern Feldhauptmanns? Er musste fallen, seines Weibes wegen, Sonst wär' sein Weib von seiner Hand gefallen . . . Thamar. Schon oft hat das Gerücht von dieser Tat Den hohen Mann bei mir verklagen wollen.