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Ost und West · 1909-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1909) · p. Seite 537 - 538

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1909)
Article
Thamar
Date
1909-08-01
Page
Seite 537 - 538 (sequence 2)
Language
German
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537 Clara Steinitz: Thamar. 538 Und die ich doch beging, als sich kein Weg Mir zeigte, Bath-Seba den Würgerhänden Urias zu entziehn. Joab. Und darob sollte Dir Gott noch zürnen? Seinem Auserkornen? Den Spuren deiner Füsse folgen ja Zahllose Segnungen-in Krieg und Frieden! Als Hirt schon hast du aus des Löwen Rachen Dein Lamm gerissen, standest wie ein Mädchen Dem Goliath rosenwangig gegenüber, Dem Schrecken eines Heers. Mit ein paar Kieseln Und einem Hirtenstab erschlugst du ihn. Zerrieben hast die Feinde du wie Staub, Das Reich im Süden bis ans Rote Meer, Vom Grossen Meer zum Euphrat ausgestreckt. Und deine Friedenswunder? Durch Musik Und Dichtung hast du unser Volk erhoben Zum ersten Volk der Erde! Pharao Sogar will deinem Hause sich verschwägern. Und wird der Aufruhr, den uns Amnons Frevel Heraufbeschworen hat, im Keim erstickt — David. Das überlasse mir. Du trage Sorge, Dass hier im Tempel keine Friedensstörung Den Gottesdienst entweiht. Lass auf mein Zeichen Chenanja mit dem Hochgesang beginnen, Den jüngst von mir dem Chor er eingeübt. Und nun zu Amnon! Kommen wird er doch? Ich hatte früh vom Fasten ihn entbunden, Weil krank ich ihn gewähnt. — Das gilt nicht mehr. Joab. Er muss bald hier sein — bald. An strengen Worten Hab ich's nicht fehlen lassen. David. Alle Gänge Sind offen für die Beter. — Augenblicklich Ist wohl noch keiner da, der horchen kann? Joab. Jedithuns Söhne, stehn am Hauptportal Und lassen keinen von der Menge ein. Allein die Grossen Dreissig, Gad und Nathan, Das Volk der Beter mit erhitzten Köpfen Umscharen schon den Eingang. Hör* ihr Toben! David. Ich sehe Amnon kommen. Geh denn, Joab, Hol Absalon und lasse ihn herein Durch jene Seitenpforte links vom Gang. So lange nur, bis ich der Söhne Streit Geschlichtet habe, halte jeden fern. (Joab verneigt sich und geht ab.) Zweiter Auftritt. David. Amnon. AtnnOfl (wirft sich vor David nieder). David. Was tatest du? Die hohe Thamar hab Ich dir vertraut — und schändlich überwältigt Hast du sie und entehrt? Noch nicht genug Des Bubenstreichs, fegst du wie Kehricht sie Aus deinem Hause? Hat ein Dämon dich Befallen? — Antwort gib! Amnon. Im Staube, Herr, Bet' ich dich an. — Ja, ich bin schuldig. Ja! Mein heisses Blut — und eine schwache Stunde, Und sie war willfährig ... So richte mich In deiner Güte mit Barmherzigkeit. David. Das will ich — trotzdem deine Missetat Mich niederbeuget. — Dennoch will ich es. Hoff ich doch selbst auf Gnade und Erlösung. (Macht ihm eine Bewegung, aufzustehn.) Verstehn nur kann ich dich nicht. Wenn dir Thamar, Die als verschlossne Quelle ich geschätzt, Willfährig war, warum dann hast du sie Verstössen? Amnon. Weil mein Abscheu nach der Tat Sich gegen sie wie mich gerichtet hat. David. Und hast du nicht an Absalon gedacht? Des Lichtes seiner Augen hättst du ihn Berauben eher dürfen, als der Schwester, Der abgöttisch geliebten, Unglimpf antun! Und, Knabe, weisst du nicht, was eine Torheit Wie diese bei uns zu bedeuten hat? Gerecht und weise hab ich dich geglaubt Und finde einen Toren, der mein Herz Mit Gram belastet und sich selbst entehrt. Amnon. Ein böser Geist hat mich zur Tat getrieben. Kaum hatt' ich sie begangen, legte sich Mein siedend Blut, und gegen mich und sie, Die mit mir sündigte, empfand ich Hass. David. So dass du Thamar nicht zur Gattin willst? Amnon. Mit Abscheu und Verachtung denk* ich ihrer. David. Ei! Kedest du mit stolzer Zunge noch? Die Folgen deiner Tat sind Blut und Aufruhr. Vergeben kann dir niemals Absalon, Und mir desgleichen nicht, wenn ich dich nicht Mit schwerer Sühne zücht'ge. Amnon. Gerne will Ich sühnen, will mich fügen dem Gesetz, Erweist es sich, dass ich es übertreten. David. Willst du als frevelhafter Zeuge Thamar Bezichtigen, des sie nicht schuldig ist? Wie, oder möchtest du die schlimme Tat Mit Gold und Silber abtun? Weisst nicht, dass Sie eine Wurzel ist, die GalF und Wermut Dir, mir, uns allen trägt? Thalmal wird Sein Grosskind, Absalon die Schwester rächen. — Ein andres weiss ich, Absalon zur Sühne: Für deinen Frevel Übertrag' ich ihm Das Recht der Erstgeburt. Amnon. So tief erniedern Will mich mein Vater? — Besser ist's, ich sterbe. Ja, töte Heber deinen Knecht, eh' du Ihn so zu Boden trittst. Noch einmal lass Mich dir zu Füssen flehen. Ahinoams Gedenke, deiner ersten Gattin! Bist Du doch durch sie zum ersten Male Vater Geworden. Ihren Grabesfrieden wolle Mein König grausam ihr nicht stören — sonst Wehklagt sie wie einst Bahel aus der Gruft. David (macht eine Gebärde der Abwehr). Ich muss dich strafen, eh' das Volk es tut, Eh' sich Propheten wider dich erheben, Eh' meine Helden murren und mein Heer. Hörst du es nicht? Bis hierher in den Tempel Dringt die Empörung schon. Amnon. Und darum willst du Ein unveräusserliches Recht mir nehmen? Willst strenger mit mir sein als das Gesetz?

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