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Ost und West · 1909-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1909) · p. Seite 515 - 516

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1909)
Article
Moses in der bildenden Kunst
Date
1909-08-01
Page
Seite 515 - 516 (sequence 4)
Language
German
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515 G. Kntna: Moses in der bildenden Kunst. 516 Michelangelos Zwickelbild an der Decke der Sixtinischen Kapelle, wo trotz der typologischen Beziehung ein Lebensbild sich eröffnet, das von gewaltiger Tragik durchbebt ist. Durch das Erzbild einer sich hinaufwindenden Schlange geteilt, stehen sich Vernichtung und Errettung gegenüber, die sterbenden Leiber pressen sich zu einem durchwühlten Haufen zusanmen, die Geretteten schauen in ungestümem Lebensdrang zur Schlange hinauf. Ein Maiwerk von berauschender Schönheit ist das Bild von Rubens in London (das Bild in Madrid ist unvergleichlich schwächer an Temperament und Phantasie und mag vielleicht mit Recht van Dyck zugesprochen werden). In einen herrlichen Goldton, der durch das Bild flutet, sind die Leiber getaucht; daraus strahlen in Schimmerpracht die nackten Glieder, die Kleider und das blonde Haar der Weiber. In wilder Gier ringeln sich die Schlangen um die Körper und beissen sich ins Fleisch ein, die Gebissenen wenden sich aber zu dem heilenden Erzbild hin und sind in ihren Qualen Bilder prangenden Lebens. Neben der ehernen Schlange stehen Moses und Ahron unter leuchtendem Gewölk, lohend in Haltung und Wesen, in malerischem und linearem Pathos überragen sie die Gruppen und bilden einen mächtigen Stützpunkt für das Gewoge von Kräften und Formen. Die starke Leuchtkraft der Farben, die symphonische Fülle und hinreissende Prächtigkeit der Gestalten wandeln die Schrecken des Todes zu jubelnder Daseinsschönheit. Die Abschiedsrede und der Tod Moses' sind in der Bibel mit einer wundersamen Elegie geschildert, in der bildenden Kunst wird mehr das Seltsame und Aussergewöhnliche betont. Auf einem nicht ganz ausgeführten Blatte in Aelfrics Pentateuch steht Moses riesengross vor dem Volke, das ergriffen zuhört; dann zeigt ihm ein Eneel mit Kreuznimbus das Land und fas-t seine umhüllte Leiche, um sie zu bergen. In der „Toggen burgbib el" schaufelt Gott Erde über den Leichnam, der mit Kopf und Brust noch sichtbar ist. In einem französischen Bibelmanuskript (Sussex Coliection 35247) des Brit. Mus. sitzt er nackt und bartlos auf dem Sterbebett und reicht zwei erschreckten Männern ein Buch, in dem Ital. Ms. (15277) steht das Volk trauernd um seinen Leichnam, worauf die mumienartige Leiche ins Grab gelegt wird; in der flämischen Bibelübers. (10043) liegt er auf dem Rasen, und Gott steht mit segnender Geste darüber auf dem Berge. Dem Fresko in der Sixtinischen Kapelle, das als Gegenstück zu Rosseiis Abendmahl die letzten Stunden Moses1 schildert, fehlt auch die grosse tragische Anschauung, trotzdem es Luca Signorelli — mit geringer Beihilfe von Bart, della Gatta — zum Schöpfer hat. Die Gruppen, die den Thron des lesenden Moses umstehen, sind portraithaft individualisiert und indifferent in ihrer Teilnahme, die Uebergabe der Führerschaft an Josua links ist episodenhaft. Eindrucksvoller sind die Szenen des Hintergrundes, der gebückte Greis, den der Engel ins Tal blicken lässt, die sinnende Gestalt, die vom Berge ins Lager hinabsteigt, und die klagenden Männer an der Leiche des Propheten. Mit antikischer Romantik hat sich Gustave Moreau auf einer Skizze (Gustave Moreau-Museum, Paris) an dem Gegenstand versucht. Der greise, steinern ernste Moses steht an einem Bergeshang, von dem das Volk in die blaue Weite HENDRIK VAN BALEN d. Aelt. Die Mannalcsc in der Wüste. BRAUNSCHWEIG.

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