Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1909)
- Article
- Leicht war ihm's Fasten
- Date
- 1909-08-01
- Page
- Seite 507 - 508 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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507 Scholaum Aleichem: Leicht war ihm's Fasten. 508 fasten. Warum? Damit ihr beten gehn, damit ihr euch ein gutes Jahr erbitten könnt." Für den 9. Ab aber steht nicht, ihr müßt fasten; ihr fastet indess aus eigenem Verlangen, denn wie kann man essen an dem Tage, an dem das Gotteshaus vernichtet worden ist, an dem Juden dahingemordet, ihre Frauen geschändet, ihre Kinder erwürgt worden sind? . . . Am 9. Ab braucht ihr auch nicht zu weinen, aber man weint eben unwillkürlich, denn wie kann man die Tränen zurückhalten, wenn man sich daran erinnert, was wTir an jenem Tage verloren haben? . . . Schade, daß es nur einen 9. Ab gibt!" sagt Chaim Cheikin. ,,Ja, aber es gibt doch einen 17. Tamus," ruft ihm einer zu. ,,Ist und bleibt nur der 17. Tamus," erwidert Chaim seufzend. „Nun, aber wie steht es mit Fasten Gedalja und Esther Tanis?" fragt ihn jener wieder. „Ist und bleibt nur Fasten Gedalja und Esther Tanis," erwidert ihm Chaim Cheikin wieder aufseufzend. „Nun, nun, Chaim, Ihr seid ja direkt erpicht auf Fasttage! Fehlt es Euch an Fasttagen?" „Es fehlt, es fehlt . . ." seufst Chaim Cheikin und er nimmt sich vor, von diesem Jahre an am 8. Ab auch zu fasten, zwei Fasttage direkt hintereinander. * * £ Eine angenehme Sache, zwei Tage hintereinander zu fasten, nicht! Man vergisst dann, dass es einen Magen gibt, einen Drang zum Essen, und man entwöhnt sich so dieser Leidenschaft, die den Menschen dem Ochsen gleicht. Schwer ist es nur mit dem Trinken, das heisst, mit dem Nichttrinken! Jeden , Tag giesst Chaim Cheikin ein Glas Wasser hinunter, selbst wenn er sieben Tage fastet. Ihr meint, es ist nur so geredet? Bewahre, Chaim Cheikin ist ein Mensch, dessen Wahlspruch es ist: gesagt, getan. Schon die ganze Woche vor dem 9. Ab hatte er zu essen aufgehört, nur mit einem Glase Wasser gelebt. Wer schaute auf ihn? Cheike, sein Weib, ist krank, die älteren Kinder sind in der Fabrik, in der Zigarettenfabrik, und die kleineren verstehn doch nichts. Fredchen und Bella wissen nur, dass s i e hungrig sind (was sie fast immer sind) und dass sie gern essen möchten. „Hier habt ihr noch ein Stückchen Brot!" sagt zu ihnen der Vater und zerschneidet ihnen sein Stück Brot, und Fredchen und Bella strecken ihre kleinen schmutzigen Ärmchen aus. „Väterchen, du isst nicht?" sagen zu ihm die Aelteren beim Abendbrot, „heut ist doch kein Fasttag!" „Ich faste ja gar nicht," erwidert ihnen der Vater und denkt bei sich: Ich habe sie belogen und nicht belogen. Habe ich denn nicht Wasser getrunken? Wasser ist nicht gegessen und nicht gefastet. Und als der Abend des 8. Ab kommt, fühlt sich Chaim so leicht und gut wie niemals. Er fühlt dass er nicht nur fasten darf, dass er nicht nur nichts essen will, im Gegenteil, er fühlt, wenn er etwas essen würde, würde er es nicht herunterbekommen, es würde ihm im Halse stecken bleiben. Das heisst, in Wahrheit will er gern essen, es zittern ihm Hände und Füsse; es zieht ihn auf den Boden nieder, die Kräfte gehen ihm aus, es wird ihm schlecht, es ekelt ihn. Was will das heissen? Eine ganze Woche hätte er gefastet und am Abend des 8. Ab würde er es nicht mehr aushalten?! Und Chaim Cheikin nimmt sein Stück Brot und seinen Teller Kartoffeln, ruft den kleinen Fredchen und die kleine Bella zu sich und flüstert ihnen zu: „Kinder, da esst! Zeigt es aber der Mutter nicht!" Und Fredchen und Bella nehmen das Stück Brot des Vaters und den Teller Kartoffeln, sehen dem Vater in das totenbleiche Antlitz und auf seine zitternden Hände. Und Chaim Cheikin sieht auf die Kinder, die den Teller ergreifen, seinen Inhalt mehr verschlingen als essen, das Wasser läuft ihm im Munde zusammen, er schliesst die Augen, erhebt sich, wartet nicht auf die Kinder, die noch in der Fabrik sind, nimmt die Klagelieder mit, zieht die Schuhe aus, und macht sich davon in die Synagoge. Er schleppt sich kaum. In der Synagoge ist er der Erste. Er nimmt neben dem Standorte des Vorbeters Platz, setzt sich auf die umgedrehte Bank, die mit den Füssen nach oben liegt, schmilzt ein kleines Stückchen Kerze zum Beleuchten auf einen Fuss der Bank fest, lehnt sich an die Treppe, die hinaufführt zum Platze des Vorbeters und öffnet das Buch der Klagelieder: „Klaget, Zion und alle ihre Städte!" . . . und er schliesst die Augen und er sieht Zion vor sich stehn, schwarz gekleidet, einen schwarzen Schleier vor das Antlitz gebunden, sie klagt, weint, und ringt die Hände, sie bedauert ihre Kinder, die jeden Tag sterben, jeden Tag, auf fremdem Boden, für fremde Sünden.---------1 — Und er öffnet die Augen und sieht: Durch das staubige Fenster mit den schmutzigen Scheiben dringt ein leuchtender Strahl der Sonne, die auf der entgegengesetzten Seite des Städtchens im Untergehen begriffen ist. Selbst wenn er die Augen schliesst, sieht er den Strahl, aber nicht nur ihn, sondern die ganze Sonne, die schöne helle Sonne, die keiner sehen kann, keiner, nur er allein! Warum? Wohl als Belohnung dafür, dass er sich von der Welt mit allen