Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1909)
- Article
- Leicht war ihm's Fasten
- Date
- 1909-08-01
- Page
- Seite 509 - 510 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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509 Scholaum Aleichem: Leicht war ihm's Fasten. 510 ihren Leidenschaften zurückgezogen hat .... Er fühlt sich gut, er fühlt sich leicht .... Er wird alles ertragen. Auch dieser Fasttag wird ihm sehr leicht fallen. Versteht ihr? Der Fasttag wird ihm diesmal sehr leicht fallen. Und Chaim Cheikin hält die Augen geschlossen und vor seinen Augen ist eine neue Welt, eine, die er noch nie gesehen hat.; Engel tummeln sich in ihr und beim näheren Hinsehen erkennt er in ihnen seine Kinder; alle, die grossen und die kleinen, alle sind da. Er will ihnen etwas zurufen, aber er kann den Mund nicht öffnen, er will sich vor ihnen verantworten, er sei nicht schuldig! . . . Nicht er sei schuldig! . . . Was trüge er, Chaim, für eine Schuld, wenn so viele Juden sich auf ein Fleckchen zusammengepfercht haben, einander drängen und drücken, lieben und vor Liebe zu einander vergehen? . . . Was mache man ihn verantwortlich, dass die Menschen anderer Menschen Schweiss, anderer Menschen Blut bedürfen? . . . W7as verdamme man ihn, dass die Menschen sich nicht in einer Lage befinden, in der sie nicht nötig haben würden, einander wie Pferde zur Arbeit zu treiben? Warum verurteilt man ihn, dass man auch mit Pferden, als Gottes Gebilde, schliesslich einmal Erbarmen haben muss? Und Chaim Cheikin hält die Augen geschlossen und sieht und staunt alles an, und alles ist so hell und flatterhaft, und alles springt und tanzt wie Kobolde und er fühlt, er wird leichter — von seinem Herzen hat sich vieles heruntergewälzt — und er wird nach oben gezogen. Er löst sich von seinem Körper los, er fühlt sich ruhig, sehr, sehr ruhig, und er seufzt tief auf, tief, tief, und es wird ihm leicht und er fühlt nichts mehr, gar nichts. Ja, leicht ist ihm's Fasten! % :•: Als Beere, der Diener, ein armer Jude mit dicken Lippen, in die Synagoge eintrat, nur mit Socken bekleidet, und Chaim Cheikin erblickte, der vor sich mit offenen Augen hinstarrte, verdross ihn dies, da er glaubte, jener schlummere und döse vor sich hin. ,,Eine Frechheit von einem Juden, so zu sitzen, selbst Graf Pschangutski darf so nicht sitzen . . . mit diesem verbissenen Gesichte! Kommt der Mensch hierher schlafen! Chaim, he, erlaubt mal, Chaim, he!" Chaim Cheikin hörte schon nichts mehr. Die letzten Strahlen der Sonne fielen durch das Fenster, und das ruhige Antlitz von Chaim, das von schwarzem glänzenden Haar umrahmt ist, mit diesen starken dunklen Augenbrauen, mit den halboffenen, gutmütigen, hungrigen Augen, und beleuchteten hell sein todesblasses, ausgehungertem Gesicht . . . . Glaubt ihr? Leicht war ihm's Fasten! (Ins Deutsche übertragen von Sally Altschul.) MOSES IN DER BILDENDEN KUNST. Von G. K*utna. Nachdruck verboten. III. Der Offenbarung am Sinai wird die Kunst nur wenig gerecht, Gewölk und Posaunen, Engelsgestalten und Lichtstrahlen erwirken noch nicht den grossen Eindruck, den die Vorstellung erwartet. Gerade bei einem Ereignis von solch gewaltiger Phänomenalität erscheinen die äusseren Momente als leerer Aufwand, wenn sie nicht aus innerer Grösse heraus erstanden sind. „Wie klein erscheint der Sinai, wenn der Moses darauf stellt! Dieser Berg ist nur das Postament, worauf die Füsse des Mannes stehen, dessen Haupt in den Himmel hineinragt, wo er mit Gott spricht", sagt Heine. In der bildenden Kunst aber überragt nicht Moses den Berg, EAFAELSCHULE. das Wunder unterdrückt die Moses empfängt Persönlichkeit, und nichts erweckt den Gedanken, hier steht ein Mensch, dem das Schicksal ganzer Jahrhunderte durch die Seele bebt. Erst da er vom Berge herabsteigt und der Zorn Gottes ihn überkommt, erscheint er als der Moses, der auf dem Horeb gestanden. Die Miniaturen geben infolge der Abbreviatur des Vortrags noch mehr Eindruck als die Ausführungen in grösserem Format. In den frühen Werken (Ashburnham Pentateuch, Alcuin-Bibel) ist die Ergriffenheit des Gottesmannes betont, im hohen und späteren Mittelalter aber ist die Uebergabe eines Spruchbandes oder einer Rolle meist von didaktischer Nüchternheit. Auch erscheint Gott mit der Weltkugel in der Hand, VATIKAN, die Gesetztafeln.