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Ost und West · 1909-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1909) · p. Seite 503 - 504

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1909)
Article
Leicht war ihm's Fasten
Date
1909-08-01
Page
Seite 503 - 504 (sequence 3)
Language
German
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503 Scholaum Aleichem: Leicht war ihm's Fasten. 504 Aber Kinder sind Nascher; sie spielen erst mit dem Stück Brot des Vaters, sie spielen weiter und beissen jedesmal ein Stückchen davon ab. Das sieht die Mutter, sofort schreit sie hustend: ,.Immer essen sie! Sie essen ja nur!" Der Vater kann das nicht hören, will ihr antworten, aber er schweigt; das Wort will ihm nicht zum Munde heraus. Was hat er für ein Recht dazu, er, der zerbrochene Mensch. Er wäre der letzte dazu, der allerletzte, er, der keinem nützte, nicht einem Fremden, nicht den Seinigen, nicht einmal sich selbst. Und wirklich, er arbeitet doch nichts, rein gar nichts; nicht etwa, weil er nicht will oder weil es ihm nicht ansteht, bewahre, sondern, weil es nichts zu tun gibt. Im ganzen Städtchen klagt man über Arbeitsmangel, in diesem jüdischen Städtchen, in dem Juden von allen Seiten zusammengeströmt und wie Heringe zusammengepfercht sind, einer den andern drängen und drücken und — o Freude — sich lieben .. . „Auch das ist wenigstens gut!" sagt sich Chaim nämlich dass er Kinder hat, andere haben auch das nicht. Aber von Kindern erwarten, dass sie ihn ernähren!? Versteht ihr? Es ist nicht gut, auf seine Ernährung durch die Kinder zu warten; nicht etwa, weil sie es nicht gern tun, aber er will nicht, er kann es nicht. Er weiss, wie sich die Kinder den ganzen Tag abquälen, er weiss, dass sie im Schweisse ihres Angesichtes arbeiten müssen; oh, er weiss!! Jeder Bissen Brot gilt ihm ein Tropfen von ihrem Blut; so trinkt er der Kinder Blut; Ihr versteht, er, Cheikin. trinkt seiner Kinder Blut!? das kann er nicht! „Väterchen, warum isst du nicht?" fragen die Kinder. „Ich habe heute Fasttag," antwortet ihnen Chaim Cheikin. „Schon wieder Fasttag? Wie viele Fasttage hast du denn bloss?" „Ich weiss nicht, jedenfalls weniger wie sieben Tage in der Woche." Und Chaim Cheikin lügt etwa nicht, er fastet wirklich oft, wenn es auch Tage gibt, an denen er isst. Und der Tag, an dem Chaim Cheikin fastet, ist sein schönster Tag. Denn erstens ist es eine Freude für Gott; das Jenseits, das Paradies rückt ein Stück näher an ihn heran, es wächst sein Kapital in jener Welt. Und zweitens . . . „Gibt man für mich keinen roten Pfennig aus, ich brauche niemandem Rechenschaft abzulegen. Allerdings fordert sie auch keiner von mir, aber wozu soll ich essen, wenn ich ohne das auskomme? . . ." „Und wieviel ist es schon wert, dass ich mich höher wie einen Ochsen schätzen kann. Ein Ochse frisst alle Tage, ich kann mich mit einem Tag über den anderen begnügen. Ein Mensch muss höher stehen wie ein Ochse." — „Ach, wenn es möglich wäre, dass der Mensch noch höher könnte, dass er ohne Essen auskäme! ... Hat er doch aber — zum Teufel — einen Magen!" so phantasiert Chaim Cheikin; denn jedesmal, wenn der Hunger ihn zu peinigen beginnt, verlegt er sich aufs Philosophieren. „Der Magen, die Notwendigkeit des Essens, sie bilden alle Qual auf Erden! Wegen des Magens, 'wegen des Essens bin ich ein armer Mann, müssen meine Kinder mit blutigem Schweisse arbeiten, ihr Leben für ein Stück Brot aufs Spiel setzen." „W^as zum Beispiel würde geschehen, wenn der Mensch nicht zu essen brauchte? 0 Gott, wie schön das wäre! Meine Kinder könnten dann alle zu Hause bleiben. Aus wäre es mit dem Arbeiten, mit dem Schwitzen, dem Streiken, zu Ende wäre es mit den Fabriken, zu Ende mit den Reichen, zu Ende mit den Armen! Das Ende des Neides wäre gekommen, das Ende des Hasses, des Kampfes, des Blutvergiessens! Ein Ende, ein Ende — ein Paradies auf Erden! \" So denkt Chaim Cheikin und bedauert die wüste Welt, und er ärgert sich sehr, dass Gott den Menschen einem Ochsen so ähnlich geschaffen hat. . . . :»: A * Der Tag, an dem Chaim Cheikin fastet, verlasst euch drauf, ist sein schönster Tag; aber der Tag eines strengen Fastens, des 9. Ab (Tempelzerstörung) zum Beispiel, ist für ihn — er schämt sich, es einzugestehen — ein Feiertag! Versteht ihr? Er braucht nicht zu essen, zu trinken (er ist also kein Ochse), dann trinkt er auch nicht der Kinder Blut, macht Gott eine Freude und kann sich von Herzen ausweinen. Die Tempelzerstörung ist mehr das Mittel zum Zweck. „W7ie kann man weinen, wenn man satt ist? Wie kann man Schmerzen fühlen, wenn man nicht hungrig ist? Um Schmerz zu empfinden, muss man hungrig sein \" „Gott mög's ihnen verzeihen! Sie befriedigen ihren Gaumen, haben Angst zu fasten und schenken dafür Fremden Almosen und Heller \" So pflegte Chaim Cheikin zu sagen und gegen die zu wettern, die in die Armenbüchse einen harten Dreier werfen und sich so vom Fasten auskaufen. „Der schwerste Fasttag ist der 9. Ab." So spricht die Welt. Chaim Cheikin versteht sie nicht. Ist der Tag länger, die Nacht kürzer wie sonst? Schwitzt man draussen? Wer befiehlt euch denn, euch in die Sonne zu stellen? Bleibt in der Synagoge sitzen und betet. „Ich behaupte/' und dabei blieb Chaim Cheikin ständig, „der 9. Ab ist der leichteste Fasttag, weil er der beste ist, der allerbeste." „Zum Beispiel, da ist auch das Versöhnungsfest. Und es steht geschrieben: Und eure Leiber sollen

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