Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1909)
- Article
- Ketten
- Date
- 1909-08-01
- Page
- Seite 497 - 498 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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497 Nathan]a Saluiwi: Ketten. 498 „Ketten" von Hermann Reichenbach. (Premiere im Deutschen Theater, Berlin.) Szene aus dem IV. Akt. könnte nur siegen, er könnte nur zugrunde gehen durch sich selbst. Die armselige Umwelt müsste schweigen, da die Kämpfe durch diese Heldenseele toben: dem Tode oder der Befreiung entgegen. In dem heiligen Ernst dieses Ringens müssten der Alltag, die kleinliche Sorge, der trügerische Schein der Ehren und der Gnaden verschwinden, wie der Schwärm von Eintagsfliegen, der sich anmasslich vor die Sonne stellt. Siegmund, des Abraham Sender Lehmann Sohn, ist dieser Held nicht! Wir ahnen die schweren Kämpfe seiner Seele wohl. Aber wir dürfen den erschütternden inneren Vorgängen nicht folgen. In die Tiefe dringen wir nicht ein, auch nicht so weit, dass unsere eigene Seele selbstschöpferisch den Weg des Geschehens bahnen könnte. Um das Drama der Seele liegt eine schwere Decke, die dem Blicke den Eingang wehrt. Was wir sehen, ist — Theater. An einer dummen Kugel stirbt der Held. An einem Konflikt, der voller Effekte, aber armselig ist gegenüber dem Zentaurenkampf von Liebe und Lüge. Sein Tod ist Zufall. Nicht Naturgesetz. Ein Umfallen. Nicht ein jäher Sturz in den Abgrund, den die Kraft der Lebensimpulse nicht überwinden konnte. Siegmund ist kein Mensch, kein Jude, in dessen Adern das Blut der Ahnen rollt, in dessen Busen das alte Herz pocht, das sich zu jung wähnt zum Sterben. Ihn durchflutet nicht das Leben, das ein Problem ist. Es ist die Marionette, die eine These trägt, und sie wacker und geschickt durch alle Fährnisse führt. Die entschiedene Logik des dramatischen Technikers leitet sie an dünnen Fäden. Ueber den Mangel starker innerer Erlebnisse, die allein einen jüdischen Helden gebären könnten, kann die Technik nie hinwegtäuschen, und hätte sie die überraschende Sicherheit und die Konsequenz Hermann Reichenbachs. Menschen aber, zu deren Gestaltung eine intime Beobachtung — die liebevolle und die überlegen-höhnische — genügt, weiss der Dichter mit lebendiger Frische zu geben. Den alten Salomon, diesen braven Junggesellen, den Lachonkel, urwüchsig und geradeaus und dabei immer zu Konzessionen geneigt, diesen geborenen Friedenstifter, der nicht aus Weisheit, sondern aus seiner herzigen Milde die Relativität alles Irdischen erkennt, der am Alten mit Liebe hängt, und doch die ,,neue Zeit" immer als berechtigt in Schutz nimmt, der die Mesusaus küsst und für das preussische Militär schwärmt, dieses Juwel, das in seiner Vielkantigkeit und Eckigkeit in allen Farben der Güte, Lebensfreude und Innigkeit glitzert: wir möchten ihm wie einem lieben Freunde die Hand reichen. Diesen köstlichen Typus hat der Dichter gerettet. Ein Stück Kulturgeschichte, das zu Ende geht. Um so länger wird aber die biderbe Stammtischrunde leben — der Honoratiorentisch der Kleinstadt, bei dem die Unterhaltung im wesentlichen im — Schweigen besteht und in einem „Na, Prosit", das dieses Schweigen gelegentlich unterbricht. Reichenbach karikiert ein wenig. Brauchte es dessen? Wir wissen, wo er steht. Sabbattisch und Honoratiorentisch — die Symbole zweier Kulturen. Die verinnerlichte, fast wortlose Sabbatfeier und 2