Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1909)
- Article
- Ketten
- Date
- 1909-08-01
- Page
- Seite 499 - 500 (sequence 4)
- Language
- German
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499 Nathanja Sahuwi: Ketten. 500 die Bierbegeisterung bei einer verständnisvoll „exklusiven" Sedanfeier kleinstädtischer Würdenträger; der würdevolle Greis, der fest in seinem Glauben wurzelt und nun den tiefsten Schmerz seines Lebens erfahren soll, und Herr Stadtrat Knochen, dessen kategorischer Imperativ ist: Man soll sogar ins Wirtshaus gehen; die Welt der Kettenträger und die Welt der Freiheit; die verrostete Vergangenheit und die — neuen Werte des Lebens. . . „Auf der einen Seite das Gewicht des Judentums, auf der anderen Seite unsere Voreingenommenheit. Da kann man manches verstehen; er stand mit seinem ganzen Sein im neuen Leben, wollte vorwärts, er fühlte sich berufen dazu — da musste er eben balanzieren und fiel." In dem engen Raum der Bühne stossen sich die Was selbst der berühmte Dr. Tanner nicht hatte durchführen können, das hat Chaim Cheikin, ein einfacher Jude aus einer Kleinstadt Litauens, fertiggebracht. Die Absicht des Dr. Tanner war es, zu beweisen, daß ein Mensch vierzig Tage fasten könnte, und konnte es doch nur achtundzwanzig Tage aushalten, nicht mehr, wobei man ihm sogar Löfflein Wasser zu schlürfen und Stückchen Eis zu schlucken gegeben, seinen Pulsschlag sorgfältig beobachtet hatte, und wer weiß, was sie noch alles taten. Chaim Cheikin dagegen bewies, daß es kein Kunststück sei, vierzig Tage zu fasten—natürlich nicht hintereinander, aber im ganzen können auf diese Weise hundert Tage im Jahre zusammenkommen. Hundert Fasttage! Und nicht etwa durch Tropfen Wasser und durch Eisstückchen unterbrochen, sondern fasten im wahrsten Sinne des Wortes: nicht essen und nicht trinken ganze vierundzwanzig Stunden hindurch. Und nicht etwa Ärzte dürfen zur Seite stehen und den Puls befühlen, Gott bewahre. — Wie verhält sich nun die Sache mit Chaim Cheikin? — Chaim Cheikin war ein sehr armer Mann und — zum Unglück — kinderreich, und diese seine Kinder sind seine — Ernährer. Seine Kinder "sind fast alle weiblichen Geschlechts und sie arbeiten in einer Fabrik, in einer Zigarettenfabrik, und verdienen teils einen ganzen, teils einen halben Gülden*) täglich; und das nicht etwa alle *) Ein in Litauen gebräuchliches Geldstück; Wert 30 Pf. (Anm. des Uebers.) Dinge! Die Gedanken können dicht beieinander wohnen. Im grellen Licht der Rampe engen sich die Jahre, in denen das Schicksal uns hämmert, zu hastigen Stunden. Die Differenzierungen seelischer Art weiten sich zu harten Kontrasten. Vorderhaus und Hinterhaus . . . Spieler und Gegenspieler. Die Kunst aber, will sie nur ein Spiel sein, eine Lust der Sinne? Oder ist sie nicht ein Spiegel, in dem die Seelen sich wiederfinden, von dem eigenen Bildnis erschüttert und erheitert? Erschüttert, wenn sie die Ketten sehen, die ihnen schmerzhafte Wundmale geben. Erheitert, wenn sie Ketten sehen, die sie nie, auch nie bedrückten. ... Reichenbach aber schrieb ein derb zugreifendes Bühnenstück. Nathanja Sahuwi. Nachdruck verboten. Tage: da sind doch die Sabbattage, die Feiertage. An manchen Tagen müssen sie auch noch streiken. Gott sei Dank und Lob, auch in diesem kleinen Städtchen ist es Mode zu streiken. Und von diesem so jämmerlich verdienten Gelde muss man Miete zahlen,—Miete für einen nassen Kellerwinkel. Und von diesem Gelde muss man alle bekleiden und beschuhen — Kleider müssen doch alle haben, Schuhe genügen allenfalls ein Paar für zwei Personen. Und von diesem Gelde muss man essen — Brot, eingeschmiert mit Knoblauch, manchmal Hafergrütze, manchmal sogar einen Schwanz Hering, der das Herz versalzt; die ganze Nacht danach muss man trinken. Kommt's schon zum Essen, muss man teilen, jedem ein Stück vom Brot verteilen, ein Stück — wie Honigkuchen. „Ach Gott, immer und ewig wollen sie essen!" So sagt Chaike, Chaim Cheikins Weib, ein krankes Weib; alle Nächte bekommt sie Husten. „Sei nur still l" seufzt Chaim Cheikin und er sieht zu, wie die Kinder grosse Stücken Brot verschlingen; er selbst würde auch gern etwas essen, aber wenn er einen Bissen nimmt, werden die beiden Kleinen, Fredchen und Bella, leer ausgehen müssen. Und er zerschneidet das ihm zuerteilte Stück Brot in zwei Teile und verteilt sie unter die beiden Kleinen, Fredchen und. Bella. „Fredchen, Bella, da habt ihr noch ein Stück Brot. Wenns geht, hebt es zum Abendbrot auf." Fredchen und Bella strecken die dünnen Ärmchen aus, sehen dem Vater in die Augen, wollen es nicht glauben: vielleicht treibt er sein Spiel mit ihnen? . . . LEICHT WAR IHM'S FASTEN. (Eine Epistel zum 9. Ab.) Von Scholaum Aleichem.