Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1909)
- Article
- Ketten
- Date
- 1909-08-01
- Page
- Seite 495 - 496 (sequence 2)
- Language
- German
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495 Natlianja Sahnwi: Ivetten. 496 gütiger Vater, dem das Leben die zarte Verträumtheit der Resignation gegeben, war dieses Willens ein Pfleger und Lenker. Und —: in der Stille dieses Heimatwinkels pochte das Herz eines Mädchens, das einsam aus fernem Osten gekommen war, und die Bedrücktheit der Geduldeten vergessen durfte in der Seligkeit, geliebt zu sein. Aus diesen Banden sich zu lösen, war ein Schmerz. Siegmund wurde Soldat. Er musste es werden. Er leidet in dem neuen Kreise. In der Härte des Dienstes wird die Selmsucht nach dem Elternhause zur Qual. Die Briefe sind nichts als ein Stöhnen und Klagen. Ei* möchte seinen Geist gehen, und man will nur seine Knochen. Aber die Verzweiflung versiegt. Er versöhnt sich mit seinem Geschick. Er sieht die Lichtseiten des neuen Berufes. Und bald quillt er in jugendlich-stürmischer Freudigkeit über und über. Seiner Tatkraft, seinem Sehöpfcrdrangc ist ein neues Ziel gesetzt. Soldat sein und vorwärts kommen: er hat den Sinn seines Lebens gefunden. Eine militärtechnische Arbeit macht auf den jungen Makkabäer aufmerksam. Dio Vorgesetzten ermuntern ihn. Er greift nach dem neuen Leben und zerrt die Ketten von sich, die seine Schritte hemmen im Aufstieg zur freien Entfaltung seiner Kraft. Er zerreisst die Ketten und weiss nicht, dass er sich seihst zerreisst. . . im Schaffen sucht er die Iii die der Seele. In den wachsenden Erfolgen wächst ihm die Hoffnung auf die innere Versöhnung mit dem Vater, an dem seine Seele mit tiefer Liebe hängt. Die Liebe, die alles überwindet, muss sie nicht auch der — Lüge trotzen? Die Ketten sind geborsten. Aber ihr unheimliches Klirren tönt ihm in die Ohren und folgt ihm auf allen Wegen. [Im Kreise seiner Genossen geht ein Raunen. Jude — Morgenlandluft. Sie mögen ihn schätzen. Aber sie haben der Liebe nicht: sie können niemals verzeihen. Von seinen Kämpfen wissen sie nichts. Von der Tragik seiner Lebenslüge wird ihnen keine Ahnung. Er muss immer tiefer in die Lüge sinken, muss den Freund seines Vaters verleugnen. Und bricht zusammen hingestreckt von der Kugel eines Genossen, den die brutalste Lebenslüge nicht bedenklich macht, aber die kleinliche Verleugnung eines Bekannten empört. Und das ist das letzte Wort an seine Eltern: „Du wirst ihnen sagen, wie schwer mir die Ketten geworden sind, die wir Juden aus den Trümmern und dem Geröll der Vergangenheit mit hinüberschleppen in die neue Zeit, und wirst ihnen sagen, dass die selbstgewählten Ketten noch schwerer waren, dass sie mich niedergezogen haben, ganz tief, bis auf den Boden." Bis in den Schacht der letzten Geheimnisse des Judenproblems kann dieser Leitsatz führen. Er muss uns die ganze Tragödie unseres Schicksals zeigen und kann den Wog des Heiles weisen. Dein jüdischen Künstler aber, in dem zweitausendjähriges Martyrium zur selbsterlösenden Gestaltung drängt — ist es nicht ein Problem. Sondern das Problem, in welche Formel man immer es presse. Der Held, d ir es trüge, in dem die stolze und so tränenreiche Geschichte unseres Stammes verdichtet wäre, der Duldermut, die Treue und die ganze Sehnsucht: er K V - ■ l< " * % »hirMik i .-^f^ ®*&rf&läm -V ~ « . <*fu Zu & fvi „Ketten" von Hermann Reichenbach. (Premiere im Deutschen Theater, Berlin.) Szene aus dem HL Akt.