Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1909)
- Article
- Jabneh
- Date
- 1909-08-01
- Page
- Seite 481 - 482 (sequence 3)
- Language
- German
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481 Dr. Simon Bernfeld: Jabneh. 482 sogenannte „geistliche" Rabbiner Einflass und' Ansehen in der Gemeinde. Vor mehr als 30 Jahren wurden die Rabbinerschuien, von deren Nutzlosigkeit sich die Regierung überzeugt hatte, geschlossen; es blieb aber das Gesetz, dass die Gemeinden „Kronrabbiner" anstellen müssen, die eine Schulbildung von wenigstens sechs Gymnasialklassen nachzuweisen haben. Ob sie auch jüdisches Wissen haben, das geht die Regierung nichts an. Nun haben die jüdischen Gemeinden in Russland, selbst die grössten und bedeutendsten, Rechtsanwälte, Aerzte, Zahnärzte, Tierärzte, Techniker, Bergingenieure usw. als Rabbiner; die meisten von ihnen können kaum hebräisch lesen und leben auch gar nicht jüdisch. Neben ihnen wirken nicht anerkannte talmudisch gebildete Männer als „geistliche" Rabbiner, deren Gehalt nicht sichergestellt und deren Anstellung eigentlich keine legale ist. Dass unter solchen Umständen das Judentum in den russischen Gemeinden nicht gedeihen kann, wird man leicht einsehen. Der gebildeten Jugend fehlt auch jedes Verständnis dafür, denn weder der in das Rabbinat hineingeschneite Tierarzt noch der weltfremde und ungebildete „geistliche" Rabbiner kann ihr Kenntnis und Würdigung des Judentums beibringen. Die russische Judenheit ist so geartet, dass ihr theologische Lehranstalten, wie wir sie im westlichen Europa haben, kaum Nutzen bringen können. Man muss doch damit rechnen, dass dort jüdisches Wissen in beträchtlichem Masse vorhanden ist. Es genügen nicht bloss Prediger; es müssen dort gelehrte Rabbiner sein, die bedeutendes talmudisehes Wissen mit moderner Bildung vereinigen. Nur auf diese Weise würden sie allmählich das Neue mit dem Alten versöhnen und geistige Führer der Gemeinden werden. Eine Anstalt zur Ausbildung von Rabbinern von solcher Qualifikation tut der russischen Judenheit dringend not. * * * Es ist die talmudische Erzählung bekannt, dass während der Belagerung Jerusalems durch Vespasian der gefeierte Rabbi Jochanan ben Sakka'i sich zum römischen Feldherrn rettete, auf den er in einer Unterredung tiefen Eindruck machte. Von Vespasian aufgefordert, sich von ihm etwas zu erbitten, verlangte er die Begnadigung des Hauses Hillel, dessen Oberhaupt (Simon ben Gamliel) im Kriege gegen Rom eine bedeutende Rolle spielte, und die Erhaltung des Lehrhauses zu Jabneh, das während der Belagerung Jerusalems für die gesamte Judenheit die Funktionen des jerusalemitischen Synedrions übernommen hatte. In neuester Zeit wurde Jochanan ben Sakka'i für seine Unterhandlung mit dem Feinde in gewissen Kreisen heftig geschmäht. Diese pikanten Schmähungen eines jüdisch-engliehen Dichters haben nicht einmal den Reiz der Neuheit; denn sie wurden schon vor etwa 35 Jahren durch Lebrecht in seinem obstrusen Schriftchen „Bethar" in die Welt geschickt. Sie zeugen jedenfalls von einer gründlichen Unkenntnis unserer Geschichte. Nach der Zerstörung Jerusalems und des Heiligtums wäre ohne Jabneh das Judentum und mit ihm das jüdische Volk vom Erdboden verschwunden. Jabneh hat dem jüdischen Volke eine Idee gegeben: den Glauben an sein Fortbestehen und an seine Zukunft. Sonst wäre es vom Christentum in kurzer Zeit völlig aufgesaugt worden. Auch die russische Judenheit braucht jetzt ein Jabneh, eine Kulturstätte von jüdischer Prägung, wo sich der jüdische Geist betätigen kann, und aus dem geistige Führer hervorgehen sollen. Vor einigen Jahren ist in Odessa unter unsäglicher Mühe eine ,,Höhere Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" ins Leben gerufen worden, die jetzt von der Regierung bestätigt wurde. Der Gründer dieser Hochschule, Rabbiner Chajjim Czernowitz, ein Mann von gediegener talmudischer Bildung, wissenschaftlich geschult, und auch im Besitz von profanem Wissen, leitet die Anstalt seit ihrer Begründung mit grosser Opferfreudigkeit. Er hat sie trotz der vielen Schwierigkeiten geistig und materiell weit gefördert. Aber es ist doch nur ein Anfang. Wenn die Hochschule ihre Aufgabe für die russische Judenheit erfüllen soll, muss sie aufhören eine lokale Angelegenheit der Odessaer Juden zu sein. Die gesamte russische Judenheit. und ich glaube sogar auch die westeuropäische, müsste ihr Aufmerksamkeit und materielle Unterstützung gewähren. Der Einfluss der russischen Juden auf die gesamte Judenheit in kultureller Beziehung ist nicht gering. Die religiöse und kulturelle Entwicklung der russischen Juden geht uns im westlichen Europa gewiss nicht weniger an als ihre politische Lage; nach meinem Dafürhalten sogar noch viel mehr. In den grossen und reichen jüdischen Gemeinden begegnen wir einem oft gerügten Misstand, dass sich bei uns alles gemeinnützige