Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1909)
- Article
- Jabneh
- Date
- 1909-08-01
- Page
- Seite 483 - 484 (sequence 4)
- Language
- German
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483 Dr. Simon Bernfeld: Jabneh. 484 Tim in philanthropischen Werken erschöpft; für kulturelle Bedürfnisse haben wir wenig Sinn und noch weniger materielle Mittel. Auch die allgemeinen jüdischen Organisationen verfallen zum Teil diesem Irrtum, in dem sie stets nur der materiellen Not steuern wollen und alles andere unbeachtet lassen. Ich halte es deshalb für zeit- Erlebnisse können zuweilen wie ein Roman anmuten; seltener bedeutet ein Roman ein Erlebnis. Mit Rüchern ist es wie mit den Menschen: man mag viele kennen und alle zusammen mögen einem nichts bedeuten. Dann kommt Einer, der unser Herz, unser Fühlen gewinnt, in dessen Welt wir uns versenken, bis sie die unsrige wird. So kanns auch in der Welt der Rücher sein, die wohl oft, aber nicht immer eine papierene Welt ist. Da habe ich nun wochenlang in freiwilliger Einsamkeit gelebt und in der Flucht vor grossstädtischen Erlebnissen die Sommertage an einem Seestrande verträumt. Und dennoch lernte ich hier, fern von der Welt, eine Welt kennen, ihre Menschen, ihr Leben und ihre Schicksale. In der heiligen Stille, die auch das Rauschen der See nicht stört, erscheinen die Zeichen des Alltaglebens, wie sie uns Zeitungen und Gespräche vermitteln, nichtssagend, wesenlos. Und diese Stille befreit und macht hellhörig und hellsichtig; das Leben, wie es uns sonst umgibt, erscheint aus dieser Distanz freundlich und versöhnlich. Vielleicht ist dies das Geheimnis des Glückes: den Stachelzäunen des Lebens nicht zu nahe kommen, Entfernungen zwischen sich und das Leben legen. Dann kann man es „haben und doch sein vergessen" . . . Zwei Rücher begleiteten mich in die Einsamkeit, In ihnen fand ich jene Welt, von der so Wenige wissen, fand ich das Leben, von dem wir alle gehört, die Menschen, deren Einzeltypus wir kennen, und die Schicksale in ihrem ewigen Wechsel — das einzig Bleibende an ihnen. Viele, viele Stunden habe ich in diesen Rüchern gelesen und reicher Gewinn war mir beschieden. Ein Erlebnis, wie es die hundert Rücher, die mir im Laufe eines Jahres durch die Hände gehen, nur selten schaffen konnten. Die Welt, die sich in diesen zwei Rüchern offenbart, war mir nicht fremd; hier erschien sie mir neu, gleichsam beleuchtet, durch nichts verhüllt . . . Ihr bescheidener Titel: „Aus einer stillen Welt".*) Novellen moderner Jargonautoren sind hier zu zwei Ränden vereinigt — vorläufig, denn *) Aus einer stillen Welt. Erzählungen aus der modernen jüdischen Literatur. Uebersetzt und eingeleitet von Theodor Zlocisti. BandI und Einleitung: Abramowitsch, Perez, Braudes, Steinberg, Asch, Spector. — Preis Mk. 3,—. Band II: Pinsky, Weissenberg, Reisen, Scholaum Aleichem, Nomberg, Onauchi. — Preis Mk. 2,50. Verlag Winz & Co., G. m. b. H., Berlin 1909. gemäss, in Erinnerung zu bringen, dass die geistige Not nicht minder dringend Abhilfe erheischt. Ohne EihalliiDg des Judentums hat die Erhaltung des jüdischen Volksstammes gar keinen Sinn. Wo jüdische Gemeinden grosse Lehranstalten nicht durch eigene Kraft fördern können, wird deren Eihaltuüg zur Pflicht der Gesamtheit- Nachdruck verboten. die erstaunliche Produktivität der Jargonisten lässt uns hoffen, dass die zwei Bände nur der Anfang einer Serie sind. Nicht zum erstenmal erscheint Jargonpoesie in deutscher Uebertragung. Und doch zum ersten Male! Denn was bisher aus dieser reichen Literatur erschien, war nur geeignet, den Eindruck der Aermlichkeit zu verstärken, wie er ja bezüglich des Ostjudentums seit langem in Westeuropa besteht. Die Treue des Originals, sonst leichtfertig ignoriert, ist hier gewahrt. Diese Uebersetzung unterscheidet sich von anderen schon dadurch, dass sich in ihr eine ebenso gründliche Kenntnis des Jargon, wie ein vollendetes Stilgefühl zeigt. Das äussere Gewand dieser zwei Bücher harmoniert mit der vornehmen Gestaltung ihres Inhaltes; ganz im Gegensatz zu früheren Erscheinungen aus der Jargonliteratur, wo das Schlechteste an Ausstattung gut genug erschien, um dem breiten Publikum Interesse für den Inhalt einzuflössen. Den ersten Band eröffnet ein Essay von Theodor Zlocisti, dem Uebersetzer des Werkes. Seine Einführung zähle ich zu den besten Studien über die moderne Jargonliteratur. Zlocisti gibt eine Historie der Jargondichtung und damit auch eine Begründung ihrer Existenz, die von einem Teile beharrlich angefochten und als überflüssig hingestellt, dennoch die jüdische Volkssprache des Ostens bleiben wird, weil sie die Alltagssprache von Millionen ist; den Wert ihrer Existenz bestreiten heisst demnach auch Untersuchungen über den Daseinszweck jener Millionen anstellen, die sich dieser Sprache bedienen. Zlocisti findet für die Bedeutung der Sprache überhaupt die gedankenreiche Formel: „Sprache ist kristallisierte Volksseele. Sprache ist Volksgeschichte; die Gegenwart des Vergangenen/' Die Geschichte der jüdischen Diaspora beweist die Wahrheit dieser Worte. ,,Die Sprache der Verachteten'e . . . nennt Zlocisti den Jargon, und er ist ihm ,,ein Instrument der Trennung und Absonderung". Aber dennoch wieder Volkssprache, denn er ist ein Produkt der Volksgeschichte. Einer Volksgeschichte, die in ihrer Zerrissenheit, in ihrem Jammer nichts Einheitliches, nur Mischungen erzeugen konnte. Ihr Bild: eine kranke, sieche Mutter, sich dahinschleppend auf staubiger, sonnendurchglühter Landstrasse, ein weinendes Kind im Arm: ein Kind der Landstrasse, geboren im Schmerz der Verlassenheit ... Doch Zlocisti weiss neben einer Fülle historischer und gedanklicher Argumente feine Gefühlsmomente zu bringen, die dem Jargon seine Bedeutung als Volks- AUS EINER STILLEN WELT. Von Max Schacherl.