Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1909)
- Article
- Jabneh
- Date
- 1909-08-01
- Page
- Seite 479 - 480 (sequence 2)
- Language
- German
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479 Dr. Simon Berufeld: Jabneh. 480 die Judenfrage lediglich eine politische und eine wirtschaftliche Frage sei und nur auf dem Wege der Politik gelöst werden könne. Ich möchte dies als eine Preisgabe der Idee des Judentums bezeichnen. Als nun die Revolution ausbrach, glaubte man die Judenfrage als eine Frage der materiellen Kräftemessung behandeln zu können. Noch wurde den russischen Juden auch nicht die kleinste Besserung ihrer Lage gewährt; aber schon die blosse Aussicht auf politische Gleichberechtigung genügte dort, um in vielen Kreisen mit dem Judentum als religiöser und kultureller Erscheinung gründlich brechen zu lassen. Die Juden sollten völlig im Russentum aufgehen. Als sichtbare Frucht der Freiheitsbewegung unter den russischen Juden muss man das rapide Verschwinden der hebräischen Literatur bezeichnen, den völligen Niedergang alles jüdischen Lebens auch in den grössten Gemeinden* Jede Warnung, doch in diesen Dingen Mass zu halten und an die Zukunft des Judentums zu denken, wurde von den begeisterten Freiheitskämpfern mit Hohn und Spott aufgenommen. Es ist für alle, die das traurige Ende dieser Bewegung vorausgesehen haben, eine schmerzliche Genugtuung, dass sie durch die Ereignisse Recht behielten. Andererseits aber ist es erfreulich, dass nunmehr eine Ernüchterung eingetreten ist, dass sich unter den russischen Juden wieder geistige, und zwar jüdisch kulturelle Bedürfnisse bemerkbar machen. Nun beginnt wiederum die hebräische Literatur aufzuleben; in den grösseren Gemeinden zeigt sich das Bestreben, das Erziehungswesen zu verbessern und zu heben. Allerdings bedarf es ungewöhnlicher Kräfte, zumal unter den schwierigen politischen Verhältnissen, um auf den Trümmern neues Leben erstehen zu lassen. Seit Jahrzehnten sind die jüdischen Gemeinden in Russland durch staatliche Massregeln aufgelöst. Es war dies verderblich nicht nur für das Judentum, sondern auch tür den Staat, der ohne jede Kenntnis der Dinge und auch ohne jede kluge Berechnung die jüdischen Religionsgemeinden zerstörte. Was sich früher noch mühsam erhielt, wurde durch die stürmischen Ereignisse der Revolution völlig desorganisiert. Die Gotteshäuser, die Religionsschulen und die Wohltätigkeitsanstalten entbehren jede rechtmässige Verwaltung und jede rechtmässige Vertretung. Ihr Dasein und ihre Erhaltung sind dem Zufall und der Willkür überlassen. Sehr schlimm steht es insbesondere mit dem Rabbinatswesen. Es herrschen Zustände, die man im westlichen Europa, in der zivilisierten Welt, geradezu für unglaublich halten muss. Es hat sich seit Jahrzehnten ein Uebel fortgeerbt, das sich im Lauf der Jahre vervielfältigt hat. Kaiser Nikolaus I. wollte die Juden in Russland freisinnig, aber nicht frei machen; er wollte sie gewaltsam aus ihrer mittelalterlichen Abgeschlossenheit herausreissen und der europäischen Kultur zuführen. Von welchen Absichten er dabei geleitet war, ist noch heutzutage nicht ganz geklärt. Manche Anzeichen sprechen dafür, dass Nikolaus I. seine jüdischen Untertanen der griechisch-orthodoxen Kirche zutreiben wollte; aber es ist doch zu bemerken, dass seine bildungsfreundlichen Bestrebungen von gebildeten Juden, auf deren Gesinnung auch nicht der Schatten von Verdacht ruht, gebilligt und gefördert wurden. Es mag an die Tatsache erinnert werden, dass der damalige Minister der Volksaufklärung Uwarow, der hebräische Studien trieb, sich an S. D. Luzzatto wandte und dessen Rat einholte, als die Regierung im Begriff war, in Russland Rabbinerschulen zu gründen. Wer sich in solcher Angelegenheit an Luzzatto wandte, von dem ist schwer anzunehmen, dass er die zu begründenden Rabbinerschulen zu Anstalten der christlichen Mission unter den Juden machen wollte. Wie dem aber auch sein mag, in den Mitteln hat sich der despotische Herrscher gewiss vergriffen. Die jüdischen Massen hegten Misstrauen gegen die von der Regierung gegründeten Volksschulen. Es hiess nun, sie würden von den ungebildeten Rabbinern fanatisiert. Darauf erfolgte die Eröffnung zweier Rabbinerschulen (die eine in Wilna und die andere in Schitomir), aus denen moderne, europäisch gebildete Rabbiner hervorgehen sollten. Da die jungen Leute jedoch in jenen Anstalten gar nicht religiös erzogen wurden, weigerten sich die Gemeinden später, Zöglinge der Rabbinerschulen in die Rabbinate einzusetzen. Die Regierang ging mit Gewaltmassregeln vor, indem sie ein Gesetz erliess, dass nur Zöglinge der Rabbinerschulen als Rabbiner angestellt werden durften, und dass ferner jede Gemeinde einen Rabbiner anstellen musste. Dadurch bildeten sich in der Folge die sonderbarsten Zustände aus. Die Gemeinden stellten die sogenannten „Kronrabbiner" an, die in der Regel nur als Regierungsbeamte galten, oft sogar als viel schlimmeres; für die Regelung der religiösen Angelegenheiten beriefen sie talmudisch gebildete Männer, welche wiederum die Regierung nicht anerkennen wollte. Tatsächlich hatte weder der „Kronrabbiner" noch der