Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1909)
- Article
- Thamar
- Date
- 1909-07-01
- Page
- Seite 445 - 446 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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445 Clara Steinitz: Thamar. Amnon. Im Rausch Der Sinne wägen wir die Worte nicht. Wir wägen sie, wenn er vorüber ist. Thamar. Wie du jetzt? Amnon. Soll ich wahr sein, ja, wie ich. Thamar. Die Wahrheit sage, nichts verhehle mir — Und sei sie zu ertragen noch so schwer. Amnon. Die andern hörten lieber Schmeicheltrug Als Wahrheit. Thamar. . . . Welche andern? Amnon. Die wie du Sich mir geschenkt, wenn ich sie angefleht. Thamar (für sich). 0 Absalon! — (Zu Amnon.) Und bin ich ihnen gleich? Amnon. Nicht eine ist der andern völlig gleich. Zum Glück! Denn sonst erkaltete der Rausch Doch gar zu schnell — Thamar. Und deine Wahrheit? Sprich! Amnon. Bestehst du noch darauf? — Du weisst ja selbst, Wie strenge man auf Zucht und Sitte hält Bei Mädchen jeden Standes. Und der Mann, Der sie als Gattin heimführt in sein Haus, Legt höchsten Wert auf die Jungfräulichkeit Der Auserwählten. Darum wachset ihr So sorglos wie in einem Garten auf, Wie Blumen, die der Gärtner pflegt und schützt Vor jeglicher Berührung. Unantastbar, Unnahbar sein — ist, wie beim Diamant Der Härtegrad — die Bürgschaft ihres Wertes. — So heiss wir sie begehren, jubeln wir Bewundernd auf, wenn sie uns widersteht. In Demut fast naht der Bewerber ihr: Denn göttlicher Natur scheint sie ihm dann, Der er getrost die Siegel seines Herzens Und seines Hauses anvertrauen darf. Thamar. Vor einer Stunde noch gehörte ich Zu denen, die beredten Mundes du Mir schilderst. — Und der Mann? Amnon. In rauhe Schule Nimmt ihn das Leben, packt mit Fäusten ihn Und macht ihn wetterhart. Er lernet früh Des Lebens Last auf seinen Schultern tragen. Dafür verzeiht man seinem wilden Blut Ein Ueberschäumen — und ein Vorzug ist Sogar bei ihm dies wilde heisse Blut. Thamar. Und schützet kein Gesetz das arme Weib, Das diesem wilden Blut zur Beute fallt? Amnon. Dem Weibe abhold zeigt sich das Gesetz Und legt dem Manne keine Busse auf Für eine Leichtbesiegte. Die Natur Sogar — doch dränge mich nicht, mehr noch-- Thamar. Sprich weiter! Sprich! Enthülle dich mir ganz! Lass jeden Schleier fallen, rede frei! Amnon. Auch wenn es grausam klingt? Denn nicht verletzen Will dich mein Wort — Thamar. Und wenn es tödlich Gift Verspritzte, lass mich deine Meinung hören--- Amnon. Nun denn — auch die Natur scheint es zu wollen, Dass sich des Mannes Neigung, schnell erhört, Ins Gegenteil verwandelt — Thamar. Wie bei dir? Amnon. Wie bei der Flur, auf die, von Glut versengt, Des Himmels Regen fällt. — Sie ist gesättigt Und kühl — beinahe feindlich — 0 verzeih! Allein dein Fragen treibt mich viel zu weit, Und mehr lässt du mich sagen, als ich will ... Thamar. Doch mehr nicht, als du denkst. Drum fahre fort! Amnon. 0 wärst du festgeblieben! Hättest nicht Mir nachgegeben! — Aber warum lockst Unwiderstehlich du mir auf die Zunge, Was ich in meines Herzens Innerstem Verschliessen sollte? Thamar. Wahrheit rettet uns — Sie rettet dich vor mir und mich vor dir . . . Drum gönne mir den Einblick in dein Herz. Amnon. Du solltest schweigen mich, nicht reden heissen, Denn wider meinen Willen drängt sich schon Mir das Bekenntnis auf die Lippen. Thamar. Sprich Es ruhig aus — lass mich die Wahrheit hören! Amnon. Noch kann ich widerstehn — noch reisst mich nicht Mein wildes Blut jäh zum Bekennen hin. Drum dränge nicht! Vergiss, was ich gesagt. Aus Klugheit scheu' zurück, aus Eitelkeit Vor meinem rauhen Wort. Thamar. Lass miclrs ertragen! Sprich es ruhig aus — Amnon. So kühl bedächtig Fragt keine Liebe. Ja, wir fühlen gleich — In deinen frost'gen Mienen les' ich's klar — Dir geht's nicht besser. Und bei dir auch ist Der Abscheu grösser als die Liebe war. Thamar. Der Abscheu? Weh! Auch meine Liebe stirbt — Dein Wort erschlägt sie — Amnon. Denn misstrauen hast Du selber Fürstenmädchen mich gelehrt . . . Thamar. — Allmächtig ist Natur, und wir erliegen Ihr ungerüstet. Wehrlos kam ich her Und sicher vor Verführung, der das Weib, Das nicht ihr Wesen kennt, erliegen muss. Macht unsre Unschuld, die Unkenntnis ist, Doch unsern Stolz aus! Schuldig — wenn ich's bin — - Hat meine Unschuld mich gemacht. Amnon. Das ist es, Das ist es ja, dass Frauen solcher Art Es nie an Worten und Gebärden fehlt. Die ihren Leichtsinn schminken. Thamar. — In die Irre Ging meine Seele, da sie dich gesucht.-- Doch meine Ehre wirst du wahren wollen. So sprich! Was soll ich tun? Wo soll ich hin? Amnon. Zu Absalon. Und eilig musst du fort. Vorangegangen sind dir deine Frauen. Thamar. Verstössen willst du mich? Willst meine Ehre, Die Absalons und Davids Ehre ist, In Schande kehren? Grösser als das andre, Das du mir angetan, ist dieses Uebel. Amnon. Wer wird um die bei mir verbrachte Zeit^ Zur Rechenschaft dich ziehn? Und wer erfahren, Was hier geschah? Denn meine Knechte schweigen. So schweig auch du. Hast du die Wahrheit mir Entlockt, so trage sie.