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Ost und West · 1909-07-01 · Heft 7 (Juli 1909) · p. Seite 443 - 444

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 7 (Juli 1909)
Article
Thamar
Date
1909-07-01
Page
Seite 443 - 444 (sequence 7)
Language
German
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443 Clara Steinitz: Thamar. 444 Gib deine Hand mir — fühl' mein schlagend Herz — Die Pulse jagen mir — im Brand der Sehnsucht Verzehrt mein Leben sich. 0 nimm mich hin Und gib mich mir zurück. Verschmachtet pflück' ich Den Atem deines Mundes — (Reisst Thamar an sich und küsst sie, die wie erstarrt dasteht.) Thamar. Rasest du? Fort! Lass mich! Torheit und Verbrechen ist, Was du begehn willst! — Nicht in Israel Verzeihet man dergleichen — geh! Ich will nicht — Mir aus den Augen — Amnon. Schöner warst du nie — Berauschend duftest du dem Glück entgegen, Dem Glück, des Seligkeiten du nicht kennst. Lass mich dich führen! Göttlich Schöpfungswudenr - - Aus Eden der Vertriebne fleht dich an — Thamar. Mit deinem Vater sprich! Er wird mich dir Nicht weigern, Amnon. Warten soll ich? Schaurig süss Vermählen sich ja unsre Blicke schon. Ergib dich mir! Und sei's zum Taumelglück — Zu einer Stunde Eden! Sage nein — Sag' nein, wenn du es kannst . . . Thamar (rafft sich noch einmal auf, ihm zu entflielin). Ich kann's — ich will's — Zu Hilfe, Absalon! Amnon (reisst sie in seine Umarmung). (Vorhang.) * _! * * Zweiter Akt. (Bei Amnon. Zimmer, das an das Schlafzimmer stösst. Seitwärts eine Tür, die in das Schlafzimmer führt. Im Hintergrunde Ausgangstür nacli der Strasse. Vorhänge, Divans, orientalische Tische. Erzplatte mit Klopfer. Erlesne Waffen an den Wänden.) Erster Auftritt. Amnon. Jonada b. AmnOfl (sitzt mit dem Kopf in beide Hände gestützt, brütend vor einem Seitentisch). Jonadab (steht vor ihm). Sieht so ein Glück, sieht so ein Sieger aus? Amnon. In Widerwillen verzehr ich mich und Reue. Nie war mir stumpfer, trüber nie zu Sinn. Jonadab. Was hat dich so gewandelt? Sage an! Amnon. Erst die Erfüllung. Denn ein alter Fluch, Der auf dem Liebestrieb des Menschen lastet, Erfüllt ihn wie bei Adams Sündenfall Mit Unrast nach der Tat. Fort aller Zauber! Fort jede Süssigkeit, die zum Vergehn Betörend uns gelockt. — So schwach die Stolze? Soll meine Eitelkeit mich glauben machen, Dass sie nur mir nicht widerstehen kann? Jonadab. Sodann? Amnon. Das nahe Blut, das sie zur Schwester Mir beinah macht . . . Jonadab. Darüber hatten wir Uns ja geeinigt — nur vom Sündenfall Scheinst du heut früh noch nichts gewusst zu haben. — Wo ist sie jetzt? Amnon. Hier nebenan im Zimmer. Jonadab. So kommt sie bald? Amnon. In jedem Augenblick Denk ich, sie tritt herein. Jonadab. Dann will ich gehn. Der Anbück jedes Dritten muss ihr wehtun. Amnon. Doch kehr sogleich zurück. Von deinem Torweg Kannst du sie weggehn sehen. Jonadab. Düfteschwer Sank eine Saronsrose dir zu Füssen — Und leer ist deine Seele — nicht erfüllt ■ Von sei'gern Rausch? Amnon (heftig) Geh, geh! Sonst werd' ich bitter— Jonadab (mit erhobenen Händen ab). Zweiter Auftritt. A m n on. Thamar Thamar (tritt durch die Schlafzimmertür herein. Amnon bleibt ihr abgewendet sitzen). O Amnon! Amnon (wendet sich zu ihr). Thamar? Thamar. Sieh dies bunte Kleid! Du weisst, was es bedeutet? Amnon (lacht auf.) Ob ieh's weiss! Die Jungfernliverei der Königstöchter . . . Thamar. 0 spotte nicht! Ich trug sie voller Stolz — Doch da ich sie nicht länger tragen darf, So fordere heute noch von deinem Vater Zur Gattin mich — damit ich nicht in Scham Vor ihm und Absalon vergehen muss. Amnon. So übereilig? Heute? Gar nicht möglich. Thamar. Nicht möglich? Hör ich recht? — Und siehst du mich Mit kalten Augen an? Als wärst du nicht Der Mann, in dessen Armen ich zu neuem, Geheimnisschwülem Dasein bin erwacht? Der mir den Sinn erschloss, wozu der Schöpfer > Aus dumpfem, ew'gem Schlaf den Staub erweckt? Nicht so verdrossen habe ich erwartet Dein Antlitz zu erblicken. — Schnell ein Wort, Das mir das Herz mit Liebeswärme füllt. Mir ist's, als träum' ich schwer, seh so verschlossen Ich dich vor mir — Amnon. Wohlan, verlangst du Wahrheit, Die dir das Leben ohne Schleier aufdeckt? Erträgst du sie? So hör mich ruhig an. Doch wenn du nicht gelassen bleiben kannst, Vertausch ich gern mit leerem Schmeichelwort Die herbe Wahrheit — Thamar. Muss sie herbe sein? Und lügen Schmeichelworte? Sind sie leer? Gibt es denn solche nicht, die süss im Kern, Noch süssre Schale haben? Amnon. O gewiss — Im Augenblick, wo man sie ausspricht, sind Die meisten wahr, nur ist von Dauer nicht Ihr Inhalt — Thamar. . . . Wenn ich recht verstehe, hast Du vorher Schmeichelworte mir gesagt, Die ihren Inhalt eingebüsst —

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