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Ost und West · 1909-07-01 · Heft 7 (Juli 1909) · p. Seite 441 - 442

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 7 (Juli 1909)
Article
Thamar
Date
1909-07-01
Page
Seite 441 - 442 (sequence 6)
Language
German
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441 Clara Steinitz: Thamar. 442 So tanze Thirzas Lied, und Achsa singe Uns deinen Tanz — indessen wird die Speise Bort fertig brodeln. — Hier auf diesen Pfühl Wird sich mein Kranker setzen und umspielt Von Lied und Tanz die Zeit vergessen. Amnon (sich Thamar zu Füßen setzend). Rausch Ist meinen Sinnen alles, was du tust. Thirza (tritt zum Tanz an). Achsa (begleitet Thirzas Tanz mit ihrer Rezitation). Schon neigt der Tag sich seinem Ende zu. Erfüllt sind alle Pflichten und doch regt Sich unruhvoll mein Herz. Lass mich entfliehn Dem dumpfen Haus! Der heil'ge Zedernhain Verheisst mir Duft und Kühle. Leichter wird Mir dort der Sinn. Ich atme auf, allein Die Unrast meiner Seele dauert fort. Ich horch des Haines sehnsuchtsvollen Stimmen Und banger klopft mein Herz. Wonach denn trachtet Sein schmerzlich Sehnen? — Purpurlicht ergiesst Der Sonne Sinken durch den Zedernhain. In ihrer güldnen Dämm'rung schreitet schlank Und hoch ein Jüngling — ganz wie ich versunken In Traum und Unruh. Trifft sein Auge mich, So werden zweier Träume, zweier Sehnsucht Ins Angesicht sich blicken. — Wohin fliehn? Denn ach! mein Bangen wächst, und immer näher Kommt er, der Herr des Waldes, der Vertrieb'ne, Aus Eden der Vertrieb'ne auf mich zu. Jetzt, jetzt trifft mich sein Auge, meines ihn, Die Blicke suchen, irren, meiden sich — Begegnen sich und leuchten göttlich auf: — O Wunder! Täglich neues Schöpfungswunder! Aus Eden der Vertrieb'ne sieht dem Weibe, Sie ihm ins Antlitz: Alles Sehnen, alles Verlangen, alle Schmerzen gehen ein Zur Ruh, zum kurzen Taumelglücke, ach! Zu einer Stunde Eden! — Weckt sie nicht! Nicht ihn — und sie nicht-- Thamar (deren Blicke denen Amnons auszuweichen suchen, reisst sich los, leise zu Achsa). Achsa, nicht gekannt Hab ich dein Lied — sonst hättest du es heut4. Gerade heute es nicht singen dürfen — Achsa. So sehr hat meiner Herrin es missfallen? Thamar. Es passte nicht hierher . . . Doch sieh, die Speise Ist fertig. giesst die flüssige Speise in eine goldne Schale, die eine der Frauen ihr reicht.) Amnon (hat inzwischen zwei goldne Spangen aus der Schatulle genommen und sie Achsa und Thirza überreicht). Reicher habt ihr mir geschenkt, Als ich euch schenken kann. Thamar. Jetzt nimm und iss. Dann streck* aufs Lager dich und ruhe aus. Amnon (schlürft von der Schale, stellt sie auf das Tischchen und streckt sich auf das Lager). Gesteh' ich's denn: die Ruhe wird mir wohltun. (Da Thamar Miene macht, sich mit ihren Frauen zu entfernen.) Wie? Gehen willst du schon? Ei, du musst bleiben, Musst warten, ob dein Mittel mir auch hilft! Nicht um Minuten deiner Gegenwart Hab' ich gebuhlt. Dein blosses Hiersein heilt mich, Dein Odem . . . Deine Augen . . . Drum verweile! Sonst hab' ich dich vergebens herbemüht. (Er schlägt auf die Erzplatte.) Zehnter Auftritt. C h u s i und die Ritter Amnons treten ein. Musik dringt leicht ins Zimmer. Die Ritter verneigen sich erst vor Amnon und Thamar, dann'vor den "Frauen. Chusi. Zum Imbiss, Herr, hab' ich im Seitenflügel Die Tische aufgestellt. Amnon. Ihr, meine Ritter, Geleitet diese Frauen. (Da die Frauen zögern.) Meine Schwester, Du bleibst bei mir, nicht wahr? Ihr andern geht! Für die Bewirtung, Chusi, trage Sorge. Thamar. Ich bliebe gern, doch heute grade müssen Wir früh zu Hause sein. Amnon. Zu rechter Zeit, Und zeitiger als nötig trefft ihr ein. (Auf seinen gebieterischen Wink führen die Ritter die Frauen hinaus, Chusi ihnen voran.) Elfter Auftritt. Amnon. Thamar. Amnon. So ferne bleibst du stehn! So fremd! So kalt! Tritt näher! Sei mein Arzt! Beschaffge dich Mit deinem Kranken, der nichts Besseres will Als dir gehorchen. Thamar tritt an das Tischen neben dem Lager, reicht Amnon die Schale). Aber sieh! Du hast Die Schale ja zur Hälfte kaum geleert — — Amnon. Vergönn' mir Zeit! (Kostet wiederum, stellt die Schale zurück, ergreift die Hände Thamars und zieht sie zu sich.) So! Ach, wie ist mir wohl! (Schliesst die Augen.) Themar (will sich erheben). Gehorchen wolltest du, nicht wahr? Drum halte Mich jetzt nicht länger auf. Amnon. Grausame, geh! Doch tu zuvor Bescheid. Trink diesen Wein. Thamar. Erlasse mir's. Ich bin nicht dran gewöhnt. Wie Feuer züngelt er mir durch das Blut. Auch will ich fort, denn Bangigkeit befällt mich — Ich muss nach Hause — meine Schuldigkeit Hab' ich getan. Amnon. Noch einen Augenblick! Das hohe Fest zu feiern des Besuches, Mit dem du mich beglückt, trink diesen Becher. (Da Thamar daran nippt.) Nein, trink ihn aus. Geliebte schöne Schwester, Bis auf die Neige leer' ihn. Thamar. ' Wie du drängst! Nun, dir zuliebe. — Sieh, es war zuviel! Die Augen und den Atem macht er schwer. Leb' wohl! Ich geh, dass du genesen kannst. Amnon. Ich bin genesen. Weisst du nicht, woran Ich krankte? Und warum sich meine Tage In Leid verzehrten? Meine Seele hat Voll Inbrunst dich gesucht, die mich mit Glut Wie eine Götterflamme hat erfüllt.

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