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Ost und West · 1909-07-01 · Heft 7 (Juli 1909) · p. Seite 439 - 440

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 7 (Juli 1909)
Article
Thamar
Date
1909-07-01
Page
Seite 439 - 440 (sequence 5)
Language
German
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439 Clara Steinitz: Thamar. 440 Absalon. Ein gefährlich Wort! Sprich es nicht wieder aus--Doch Bath-Seba, Urias, des Hethiters weiland Weib, Des klugen Ahitophel Tochterkind, Sie, ihre Schlangenklugheit sollte Amnon Vor allem fürchten, mehr, weit mehr als mich — Thamar. Und Amnon, glaubst du, denket, seines Erbes Gelüst' es dich? Absalon. Er tut's. Doch seiner Furcht Aus redlichem Gemüt ein Ende machen Will ich alsbalde, wenn er dich gewann. Schlag auf dein Herz vor mir, lass mich drin lesen. Vertrau' mir ruhig dein Geheimnis an. Vermächtnis mir aus meiner Mutter Blute, Mein Heiligstes und Liebstes, hör' auf mich! In Todesnöten hat sie mir die Sorge Um dich vertraut, dich hat ihr letzter Blick Mir anempfohlen, und schon darum will Vor allen Erdengütern ich dein Glück. Nicht wahr, das glaubst du, weisst du? Drum bekenne, Was ist's mit dir und Amnon? Welches Band Knüpft euch zusammen? Warum rief er dich? Thamar. Ich soll dir sagen, was ich mir allein Kaum eingestehen will. Denn in dem Blatt, Dess Lettern dunkel-schwülen Inhalt bergen, Les' ich nicht gerne, und doch zwingen sie Den Blick mir, dass ich jetzt mit Fieberglut Und jetzt mit eis'gem Schauder mich darein Vertiefe — Absalon. Weiter! — Zögre nicht und sprich! Thamar. Zuerst sah ich den Bruder nur in ihm, Und seiner Blicke seltsam düstrer Glanz Umspann mich anfangs fremd und rätselhaft. Bis dann auf einmal, als mich Bath-Seba, Einst unter diesem Blick erschauern sah, Sie mir gelassen sagte, dass wir nicht Geschwister sei'n wie andre, und dass David Dem Bunde zwischen uns gewiss den Segen Nicht weigern würde. Absalon. Also Bath-Seba Und wieder Bath-Seba verdanke ich, Dass deiner Jugend erste reife Garbe Sich diesem Lüstling neigte? Thamar. Umgewandelt Von jenem Augenblick ist mein Gefühl, Und dennoch weiss ich nicht — Absalon. Unselige, Am Abgrund seh ich dich! Flieh dieses Haus, Kehr' um, lass dich beschwören — Thamar. David rief mich, Und tun werd' ich, wie er geheissen hat. Absalon. Ich sollte dich in Amnons Fängen lassen? Thamar. Und was glaubst du, das mir geschehen kann? In meiner Frauen Obhut stehe ich Und in des Königs — und in meiner eignen . . . Absalon. Wahr! — Dennoch . . . Krone, fahre hin! Hör' an mich, Thamar! Teure Schwester, höre! Ich opfre meiner Zukunft stolzen Traum, Denn deutlich lese ich auf deiner Stirne, Dass alles, was ich gegen Amnon rate, Nur in den Staub geschriebne Worte sind. So nimm ihn hin — das konnte Bath-Seba . . . Doch, dass um so gewisser dein er werde, Verschliess ihm Aug' und Mund. Verrate nicht, Wie sehr du ihm geneigt — bis er sich dir. Noch besser, bis er David sich erklärt. Thamar. Zwar tauge wenig ich, mich zu verstellen, Doch falsch verstehst du mich. Nicht meine Blicke, O pfui, umbuhlen ihn, nein, seine mich, Und fast vermag ich nicht, sie zu ertragen. Wie böser Zauber spinnen sie mich ein, So dumpf und unfrei unter ihrem Bann WTird mir zu Sinne. Absalon. Wehe der Verblendung! Du weisst nicht, was für Netze deiner warten. Noch kennst du Amnon nicht. Im Uebermass Hat er die Gunst der Frauen stets genossen. Zu oft ist er erhört. Versagen muss Das Weib sich ihm, das ihn festhalten will. Thamar. Ich seh, dass du mich nicht verstehen willst. Und du hast recht. Ich hätt' nicht kommen sollen. Absalon. Kann sein, dass mich zu weit mein Argwohn treibt. Zu weit mein eifernd Herz! Als meine Schwester, Als Davids Pflegekind und fürstlich Mädchen Bist du ihm heilig — warum fürchte ich? . . . Und dennoch fürchte ich — war' David nicht Und nicht dein Widerstand, ich Hesse dich nicht — Höchst ungern lass ich dich — — (Geht zögernd ab.) Neunter Auftritt. Amnon. auf Chusi gestützt, von verhaltener Erregung bleich. Die Vorigen ohne Absalon. Amnon. Sei hochwillkommen! Beglückt das Hausy dess Schwelle du betrittst. Thamar. Als Arzt bin ich entsandt — doch meine Kunst Ist leer und nichtig, glaubst du nicht an sie: Vertraust du mir, bin ich ein guter Arzt Und wirke Wunder — doch wenn du misstraust, Versagen meine Mittel. Amnon. Süsse Frau, Wie an das Leben und wie an die Schönheit, Wie an den holden Trieb, der aus dem Mann, Der sich so stark dünkt, einen Schwächling macht, Und eine Herrscherin aus jedem Weibe, Das sich so schwach nennt, glaube ich an dich. Thamar. Und wirst gehorsam sein? Und wirst geniessen. Was ich dir zubereite? Amnon. 0 wie gern — Thamar. Dann, meine Frauen, stellt den Dreifuss auf, Dann will ich meine Probe gern bestehn. (Zwei von Thamars Gespielinnen stellen einen kleinen erznen Dreifuss auf, ein silbernes Gefäss darüber und legen Späne auf die glühenden Kohlen im Dreifuss, dass die Flamm3 aufschlägt. Andere reichen Thamar entsteinte Datteln, plattes Weissbrot, Zitrone, Aepfelscheiben, Honig und Wasser. Thamar richtet das Gimisch im Silberkrug an und stellt ihn auf die Flamme '• Thamar. Die Langewei? ist manchem Krantcen heilsam, Doch dir nicht. Ungeduld brennt dir im Blick, Die ich beschwichtigen will. — Tritt näher, Thirza! Du hast mit einem neuen Liede mich Heut überrascht. Du, Achsa, kennst es schon.

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