Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1909)
- Article
- Thamar
- Date
- 1909-07-01
- Page
- Seite 437 - 438 (sequence 4)
- Language
- German
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437 Clara Steinitz: Thamar. 438 Dritter Diener. Die Schwester Absalons. Der König schickt sie Zur Pflege unserm Herrn. Semaja. Die wunderschöne Prinzessin, meine Herrin, kommt zu ihm? Wie glücklich ist ein Fürst, auch wenn er krank ist! Vierter Diener. Erzähl' uns doch! Du dientest bei der Fürstin? Ich höre gar zu gern von schönen Frau'n, Die nicht des Lebens niedre Notdurft kennen, Die nicht aus Hunger essen, trinken nicht, Nur nippen, die nicht plump einhergehn, nein, Die schweben, kurz, bei deren Anblick man Vergessen muss, dass man aus Erde ist. Dritter Diener. Was der nicht wissen wird! Von draussen hat Er sich die Herrlichkeiten angeselm Und weiss nicht mehr als du. Semaja. Es traf sich oft, Dass an der Tür ich stehn und zusehn durfte, Wie die Prinzessin tanzte. (Er versucht es, ihr nachzuahmen.) So hat sie Sich hin- und hergewiegt. Der König spielte Die Harfe, Assaph hat mit hellen Zimbeln Den Psalm begleitet und Prinzessin Thamar Das Jubellied mit süssem Ton gesungen. Wie mir da ward! Den Rücken überrieseln Mir Wonn- und Andachtsschauer heute noch, Wenn ich dran denke. Und für Fürstin Thamar Lass ich noch heut mein Leben. Erster Diener. Schwatzmaul, geh! Beeil dich! Auch ihr andern, sputet euch! Hierher die Lilienstauden! Rosen dort! Und auf den Boden streut Dudaim aus. Nur schnell! Der Herr darf euch hier nicht mehr treffen. Ihr wisst, wie schnell der Zorn in ihm entbrennt, Und wie er straft. Zweiter Diener. War* ich Fürst Absalon, Ich Hesse meine Schwester nicht zum Herrn . . . Semaja. Ich gar nicht . . . Zweiter Diener. Seht! Und doch holt Absalon In eigener Person die Fürstin her. Dritter Diener. Sie sind ja wie Geschwister. Ausserdem — Was unser Herr sich vorgenommen hat, Das setzt er durch. Bei Hohen Schmeichelworte, Bei Niedern Prügel — damit schafft er's. — Chusi. Bursch ' Die Zunge geht dir durch.' j Macht fort! Sie kommen! (Alle ab.) Achter Auftritt. Absalon. Thamar (mit ihrem Gefolge). Absalon. Ich konnte es nicht hindern, und vergebens Hab' ich mich Davids Wunsche widersetzt. Unwiderstehlich ist er, ob er bittet, Ob er befiehlt. Bezwungen hat er mich Durch Blick und Rede, wie er jeden zwingt. Thamar. Mit seiner Kraft und Milde, seiner Hoheit, Ihm von Natur verliehen — und kurzum Mit seinem Davidszauber. Untertan Macht der ihm jedes Herz. Absalon. Und so bezwungen Hab' ich dich hergeholt. Zu diesem Amnon 1 Ich trau ihm nicht. Sein fliehnder Blick verrät Unredlichkeit und Tücke. Thamar. Wie so scharf. Mein Absalon, wie lieblos urteilst du! Er ist dein Bruder, ist dem Herzen Davids Und seinem Thron der nächste. Absalon. Wie mit Disteln Und Dornen presst sich diese Wahrheit In Herz und Hirn mir. Weisst du es denn nicht? Zu nah dem Throne ist im Morgenland Gar oft ein Bruder Feind und Nebenbuhler. Ich weiss es, Amnon hasst mich. Weil der Vater Und weil das Volk mich liebt. Voll Neid und Groll Blickt er auf mich. Auch sah ich seinen Freund, Den ränkevollen Jonadab, vorhin Aus seinem Hause schleichen. Das bedeutet Mir Schlimmes. — Und doch, seh' ich, bist du Für Amnon eingenommen. Thamar. Eifersucht Verblendet dich und macht dich ungerecht. Absalon. Die Krone Davids trägt er in Gedanken Schon heute auf dem Haupte. Und schon heute Spart alle er, die knechtisch ihn umschmeicheln, Zu Opferschafen für die Schlachtbank auf. Ein Herrscher Amnon? Leichtsinn, Jähzorn, Torheit Regieren ihn. Und darum weh dem Lande, Dess König er einst sein soll. Weh der Frau, Die ihm ihr Leben anvertrauen will. Thamar. Ihr Leben anvertrauen? Will ich das? Besinn4 dich, Absalon! Du selber hast Mich ja herbeigeholt. Du missgönnst doch Dem Kranken nicht den kleinen Liebesdienst? Absalon. Du warst so schnell, mit freudigem Erschrecken Warst du bereit. Und Unruh überfällt mich. Sieh, dir zuliebe liesse ich mich ja Von meiner Abneigung sogar bekehren. Doch hör' erst meine Gründe für sie an. Wir, Söhne eines jungen Königtums Von kurzer Ueberliefrung, können alle Uns schmeicheln, dass zum Throne wir gelangen. Den Vortritt freilich hat der Erstgeborne. Den Söhnen Davids nur, die er zu Priestern Hat ausersehn, beglückt in ihrem Amt, Ist Ehrgeiz fremd. Thamar. Ja, wahrlich! Chileab, Der Abigail Sohn, von seinen Pflichten Ganz hingenommen, tauscht sein Priestertum Mit keinem Thron. Absalon. Ihn fürchtet Amnon nicht, Hat nie den Zweitgeborenen gefürchtet. Auf mich, den Drittgebornen, richtet sich Sein Argwohn. Mich, mich fürchtet er — und zwar, Dass ich es dir gesteh', nicht ohne Grund. Denn wenn ich später nicht zum Thron gelange, Bin ich nichts weiter als ein Jonadab, Missachtet, — froh, gefürchtet nicht zu sein. Thamar. Nie kann man dich missachten. Lieben muss Man oder fürchten dich. Von allen Söhnen Des Königs ist nicht Einer so geschaffen Wie du zum Herrscher!