Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1909)
- Article
- Thamar
- Date
- 1909-07-01
- Page
- Seite 433 - 434 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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433 Clara Steinitz: Thamar. 434 Amnon. Ein Bettler dünk' ich Mich in der Güter Fülle, die du preisest. Weil mir des Lebens Notdurft nicht gebricht, Willst du mich glücklich nennen? Jonadab. Ei, so sage, Was dich bedrückt? Du schwindest ja dahin! Vertrau' dich mir — schon manchem habe ich Durch meinen Rat geholfen. Amnon. Bist du wirklich So freundlich mir gesinnt? Ich brauche Freundschaft, Ich brauche Nachsicht — denn mein Herz ist krank Und meine Sinne sind's. Nur frag0 mich Nach dem Warum nicht. Abscheu und Entsetzen Bin ich verurteilt, jedem zu erwecken, Dem ich vertrauen möchte. Jonadab. Wie die Jugend Doch gerne übertreibt! Nicht schwarz genug Kann sie das Schwarze malen. Wie sich's trifft, Erschreck ich nicht so leicht. Lass mich dir zeigen, Wie sehr dein Freund ich bin. Von Davids Söhnen Bist du allzeit der liebste mir gewesen. Sind's Feinde, die dich schrecken? Mittel gibt's, Unschädlich sie zu machen — wenn vor Feinden Sich Davids Erstgeborner fürchten kann. Amnon. Nicht weiter forsche — mein Geheimnis scheut Das Tageslicht. Nur soviel darfst du wissen: Von einer Leidenschaft bin ich durchrast, Die niemals auf Erhörung hoffen darf. Jonadab. Du sprichst vom Weibe, und ich war gefasst, Von Manneshass zu hören und von Rache! Nach einem Weibe ist dein Blut entbranot? Du hast die Wahl, dir weigert sich kein Weib. Amnon. Von beiden Feuern brenn' ich, Lieb' und Hass. Und beides darf ich niemandem bekennen. Auch dir nicht. Jonadab. Bin ich nicht vom Blute Davids? Mein Vater war Isais Sohn wie er. Nicht David hätte Samuel, der Priester, Eliab hätt' er auserwählt. Von allen Den sieben Söhnen Isais der kleinste, Der jüngste war ja David. Dennoch hat ihn Aus seinem Oelhorn Samuel gesalbt. Amnon. Du grollst doch nicht darob? Du bist ja nicht Eliabs Sohn! Jonadab. Isais» dritter Sohn, Simea ist mein Vater. Also war4 ich, Wenn Samuel Eliab hätt' gesalbt, Das, was ich heute bin — ein Sklav', ein Hund! Amnon. Nicht alle können herrschen, alle nicht Des Herrschers Söhne sein. Du hast doch sonst, Was sich ein Mann aus König Davids Hause Nur wünschen kann ... Jonadab. Und habe mehr — ein Herz Für alle die — die später einmal werden, Was ich geworden bin. Amnon. Das sagst du mir? Dem Sohne Ahinoams, der nach David Die Krone tragen wird? Jonadab. So weit voraus Weiss keiner, was geschieht. Amnon. Mein Vater liebt mich, Den erstgebornen Sohn der ersten Gattin! Jonadab. Die nicht mehr ist. Amnon. Doch ihr Andenken lebt. Ich bin's! Jonadab. Gewiss ist, David liebt dich. — Noch Gewisser, dass er Absalon mehr liebt Ais dich. Amnon. . . . Das glaubst du auch? — Vielleicht auch, dass Mich Absalon zur Seite stossen, mich Verdrängen kann? Wie David seine Brüder? Jonadab. Geschehn kann alles . . . Weiss ich, was geschieht? Amnon. Und vielleicht gar hältst du zu Absalon? Jonadab. Wie sollt' ich? Davids Blut in mir zu achten Hat er verlernt und sieht als Knecht mich an. Denn kalt gemessen gleiten seine Blicke An mir vorüber, kennen mich oft nicht. Den König nur und. Thamar, seine Schwester, Hält er für seinesgleichen. Du dagegen Hast stets den Ohm und Freund in mir gesehn, Und meines Alters Hoffnung ruht auf dir. Amnon. Dann fort mit jedem Argwohn. — Hör mich an! Ich hasse Absalon, ich liebe Thamar. Jonadab. Es gibt kein schönres Paar in Israel Und Juda — keines. Denn vom Scheitel bis Zur Sohle ist kein Fehl an Absalon. In Stolz und Wonne funkelt Davids Auge, Erblickt er seinen Liebling. Amnon. --Fahre fort! . . . Jonadab. In Waffen tüchtig, ein geborner Herrscher Ist Absalon. Auch fliegen ihm die Herzen Des Volkes zu. — An seiner Seite Thamar, Maachas Königskind: Die Auserwählte Und Krone unter allen Frauen Judas — Wie ein Gebild, von Meisterhand geformt. Dem Ohr Musik ihr Sprechen und dem Auge Ihr Gang Musik. Der Waldhauch Libanons Umwittert ihre Kleider. Ihre Augen Entsenden Blicke, die wie Blitze zünden Und Leidenschaft erwecken — Amnon. Deine auch?! Denn also sprichst du — schwülen Blicks — erblasst — Jonadab. Komm ich in Frage? Darf ich meine Augen Zu ihr erheben? Unerreichbar ist Sie mir. Amnon. — Und mir. Jonadab. D i r unerreichbar? Dir? Der nur zu wollen braucht und sie ist dein? Amnon. Darf ich sie wollen? Ohne Abscheu hörst du, Was frevlerisch die Sinne mir entzündet? Jonadab. Was frevlerisch! Nicht deine Schwester ist sie — Amnon. Nun gut! Es sei! Obwohl--doch du sagst selber, Dass nichts auf Erden Absalon so teuer Als diese Schwester sei — und weisst es doch, Dass er mein Feind ist, wie ich seiner bin. Jonadab. Dein Freund zu sein, um Thamars willen — zwing' ihn. Nicht eher kann ich dich als Davids Erben, Als künftigen Kronenträger eher nicht Erachten, als bis jenes Kronjuwel, Geheimer Zauber voll, das Thamar heisst, In deine Hände fällt.