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Ost und West · 1909-06-01 · Heft 6 (Juni 1909) · p. Seite 395 - 396

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 6 (Juni 1909)
Article
Generalversammlung der Alliance Israélite Universelle, Lokal-Comité Berlin
Date
1909-06-01
Page
Seite 395 - 396 (sequence 5)
Language
German
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395 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Generalversammlung der Alliance Israelite Universelle usw. zu erziehen, sondern sich bemühen, aus der ihnen anvertrauten Jugend Zionisten zu machen. Das Hebräische ist für sie nur das Mittel zur Verbreitung national-zionistischer Ideen. Weiss der Hilfsverein das nicht? oder mag er es nicht wissen? — Es ist nicht meines Amtes, auf diese Fragen zu antworten. V. Kehren wir nun zu schlichteren Betrachtungen zurück, bezüglich deren wir uns mit grösserer Freiheit äussern können: Zwei wichtige Ereignisse haben unsere Aufmerksamkeit während des Jahres 1908 besonders in Anspruch genommen: Einmal die Entsendung einer besonderen Mission nach Abessinien zu den Falaschas, sodann die Entsendung einer Inspektion skornmission zu unseren Orientschulen. Sie haben den mit Dokumenten versehenen Bericht des Herrn Nahum gelesen, der bei seiner Rückkehr von Abessinien, wie ich schon vorhin erwähnt habe, gewissermassen gezwungen war, das Amt eines Grossrabbi in Konstantinopel zu übernehmen. Vielleicht erinnern Sie sich noch, auf Grund welcher Umstände die Alliance sich veranlasst gesehen hatte, diese Expedition auszusenden, die naturgemäss recht kostspielig gewesen ist. Die Alliance hat sich seit 1866 um die Falaschas bekümmert, diese abessinischen schwarzen Pseudojuden. Der Gelehrte Joseph Halevy, der noch am Leben ist, war im Jahre 1867 von der Alliance mit der Aufgabe betraut worden, den Stamm aufzusuchen. Der Krieg aber, der zu jener Zeit Abessinien verwüstete, hinderte Herrn Halevy, seine Falaschareise weit auszudehnen. Er musste sich mit Mitteilungen aus zweiter Hand begnügen, so dass seine Reise wenig praktische Resultate für die Falaschaforschung hatte. Lange Jahre vergingen, ehe die Frage wieder aufgenommen wurde. Im Jahre 1904 begab sich Herr Faitlowitsch, ein Schüler des Herrn Halevy, nach Abessinien auf Kosten des Herrn Baron Edmond de Rothschild, um die Falaschas aufzusuchen. Zu allgemeiner Ueberraschung brachte er zwei Falaschas mit, die einige Wochen lang in den Strassen von Paris herumwimmelten. Baron Edmond de Rothschild wollte sich nicht mit ihnen belasten, und so war die Alliance gleichsam gezwungen, sie in ihre Ecole Normale in Auteuil aufzunehmen. Die jungen Leute begannen eben, ihre Unwissenheit ein klein wenig abzulegen, als Herr Faitlowitsch, ohne die Alliance zu benachrichtigen, sie aus der Ecole Normale nahm und nach Florenz brachte, wo sich ein Pro-Falascha-Gomite gebildet hatte. Es gelang Herrn Faitlowitsch, die deutsche Judenheit in Bewegung zu setzen, der er sagte, dass die Ehre der Judenheit an einer schnellen Regeneration der Falaschas hänge. Die deutschen und die italienischen Juden nahmen das grösste Interesse an diesen primitiven Brüdern, und man projektierte schnell — allzuschnell — die Schaffung eines Lehrerseminars in Erythrea, das falaschische Lehrer ausbilden sollte, deren Aufgabe es wäre, in den Heimatsbezirken der Falaschas Schulen zu gründen. Es ist nur natürlich, dass Herr Faitlowitsch sich selbst als den gegebenen Leiter b< - trachtete. Die Alliance, zur Teilnahme an den Unternehmen eingeladen, lehnte ab. Sie hatte zj der Eignung des Herrn Faitlowitsch kein grosse Vertrauen. Sie hegte sogar einige Zweifel hinsichtlich der Behauptungen seines Berichts über die Lage d* r Falaschas. Um die Frage endgiltig zu lösen und d;e jüdisch-journalistische Kampagne aufzuklären, entschied sich die Alliance, eine neue Expedition na« h .Abessinien abzuordnen. Herr Nahum wurde zur Leitung ausersehen. Ein junger russischer Medizin r begleitete ihn. Sie haben den Bericht des Her n Nahum gelesen. Die Alliance wird prüfen, was innerhalb der sehr vorsichtigen Grenzen der Nahumsch n Vorschläge geschehen kann. Unter allen Umständen kann nicht davon die Rede sein, wesentliche Aenderung» ri in das moralische Leben der Falaschas zubringen. M;m würde damit für sie mehr Schaden als Nutzen stiften. VI. Sie haben die langathmigen Angriffe verfolgt, deren Gegenstand unsere Schulen seit ungefähr zwei Jahren in der orthodoxen jüdischen Presse gewesen sind: „Man lehrt nicht hebräisch, man erzieht schlechte Juden, man erzieht sogar schlechte Söhne; die Schulen stehen in üblem Ansehen bei der Bevölkerung, deren Bedürfnisse und Wünsche sie nicht kennen." Ich will hier nur Worte des Friedens und d r Versöhnung sprechen. Es würde mir aber nicht schw r sein, Ihnen zu zeigen, dass, wenn diese Angriffe zuweilen auch von frommen und gutgläubigen Männern ausgingen, die ausser dem religiösen kein ander s Interesse kennen, die Angriffe in vielen Fäll n nicht gerade in religiösem Konservatismus wurzelten. Diese Kampagne bildete vielmehr einen Teil e s allgemeinen Angriffsplanes, der darauf abzielte, d r Alliance die freundliche Gesinnung ihrer Anhänge, namentlich der Strenggläubigen, und im besonder n der deutschen Juden zu entziehen. Diese Schil< - erhebung Hess das Central-Comite zunächst ziemh a kühl. Das Central-Comite* legte ihr so wenig wie de: i Geschrei einer missvergnügten Presse besonderes Gewicht bei. Aber gegenüber der Hartnäckigkeit ui~A Erbitterung, die jene Angriffe zur Schau trugen, en ~ schloss sich das Central-Comite, einer Anregung da1 Deutschen Conferenz-Gemeinschaft zu folgen und eine Abordnung zu delegieren mit dem Auftrage, die Anschuldigungen zu untersuchen und Aufklärung z-.i schaffen. Ich will nicht wiederholen, was die beiden Mitglieder der Expedition auf Pflicht und Gewissen als Rabbiner und Gelehrte erklärt haben. Sie haben ihre unzweideutige Antwort in Ost und West gelesen. Was bleibt von den Anklagen übrig, die man gegen den in den Allianceschulen erteilten Unterricht erhoben hat? Nich 1 bleibt übrig! Aber die Tatsache bleibt bestehen, dass unser Werk systematisch und periodisch der Gegenstand der ungerechtesten und gehässigsten Angriffe ist. Das ist das Schicksal aller grossen Dinge, besonders vielleicht der erfolgreichen. Wohl aber

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