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Ost und West · 1909-06-01 · Heft 6 (Juni 1909) · p. Seite 393 - 394

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 6 (Juni 1909)
Article
Generalversammlung der Alliance Israélite Universelle, Lokal-Comité Berlin
Date
1909-06-01
Page
Seite 393 - 394 (sequence 4)
Language
German
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393 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Generalversammlung der Alliance Israelile Universelle usw. 394 sich sogar den Luxus gestattet, den ottomanischen Juden die schlimmsten Katastrophen vorauszusagen, wenn sie ihre Stimme diesem Kandidaten gäben. Die wackeren Leute haben geglaubt, dass die ottomanische Judenheit noch in der Kindheit läge. Aber der Unterricht, den die Alliance seit 30—40 Jahren mit vollen Händen in der Türkei ausgestreut hat, hat diesen Bevölkerungsteil zur Reife geführt, so dass die prophetischen Wehklagen dort kein Echo finden konnten. Es hat rieht einmal einen Kampf gegeben. Herr Nahum vereinigte fast die Gesamtheit der Stimmen des Wahlkörpers, der aus Rabbinern und Laien zusammengesetzt war und der alle Gemeinden der Türkei repräsentierte. IV. Wir sind hier, um uns mit allem Freimut auszusprechen. Ich will deshalb diesen Gegenstand nicht verlassen, ohne eine heikle Frage wenigstens zu streifen, die uns beschäftigen muss, die Frage nämlich: welches ist die eigentliche Ursache für den Erfolg der Alliance in der Türkei, und wie ist es gekommen, dass niemals die ottomanische Regierung, die so misstrauisch, so leicht zum Verdacht geneigt und so tyrannisch war, auch nur den leisesten Verdacht gegenüber den Werken der Alliance gehabt hat, sie im »egenteil immer mit Sympathie betrachtet und ermutigt hat? Sie werden ohne weiteres glauben, dass das acht geschehen ist, weil die Alliance die Ideen des Fortschritts in die Mitte von Bevölkerungen trug, die sie zu erheben und zu neuem ieist zu erwecken trachtete. Wir alle wissen, ass die Regierungen im allgemeinen die Dinge on einem positiveren und weniger sentimentalen tandpunkt aus betrachten. Der wahre Grund ist, ■.iass von Anbeginn in der Türkei wie anderwärts die Alliance nicht als eine ausländische Gesellschaft ich betätigt hat, dass sie in der Türkei ihre Zögünge zu guten ottomanischen Bürgern erzogen hat, Tie sie ihre Zöglinge in Russland zu guten russischen bürgern erzogen hätte. Sie hat in der Türkei sich;. etätigt wie in aller Welt: sie hat die Israeliten mit irem Vaterlande zu verbinden sich bestrebt, um sie -■•.iiinehmen zu lassen, an dem „Platz an der Sonne", er ihnen nach ihrer Zahl und ihrer Begabung gebührt, ■i önnen Sie es sich anders erklären, dass in diesem ande, in dem die europäischen Einflüsse gegeneinander : heiten und mit solcher Hartnäckigkeit kämpfen, in Umgebungen, die räumlich und nach den Ortsgewohnlieiten so weit voneinander entfernt sind wie Bagdad * on Saloniki oder Mossul von Konstantinopel, sich auch fücht ein einziger Minister oder Gouverneur oder einlussreicher Priester gefunden hat, der sich je versucht gefühlt hätte, den Vormarsch der Alliance aufzuhalten? Aber niemand hat in der Türkei an ihr Anstoss nehmen können, weil ihr niemand andere Absichten, andern Ehrgeiz unterstellen konnte, als einzig das Interesse der ottomanischen Juden, das übereinstimmt mit dem wohlverstandenen Interesse des Landes. Die würden sich schwer und gefährlich täuschen, die etwa glaubten, dass der Wechsel des Regimes in der Türkei die ottomanische Anschauungsweise geändert hat. Die türkische Revolution ist nicht etwa entstanden aus Hass gegen Fremde und Fremdes, sondern aus Liebe zum Vaterland. Die Jungtürken nehmen gar keinen Anstand zu erklären, die Türken wollten bei sich daheim Herren bleiben und den Fremden nur den Einfluss lassen, der mit dem Interesse der Türkei vereinbar ist. Die Alliance hat sich darüber niemals einer Täuschung hingegeben. Als unter dem Einfluss der betrüblichen Ereignisse in Russland und Rumänien der Zionismus seine Kongresse organisierte und eine leidenschaftliche Propaganda inszenierte, die tatsächlich den tieferen Gefühlen so manches unter uns willkommen war, hat die Alliance trotzdem die Gefahr erkannt, die aus dieser heftigen Campagne hervorgehen konnte, sowohl für ihr Werk in der Türkei wie für die türkischen Juden überhaupt. Sie Hess deshalb die zionistische Bewegung sich ausserhalb ihrer Kreise entwickeln, folgte ihr mit Aufmerksamkeit und Wachsamkeit, Hess sich aber niemals bestimmen, Schritte zu tun oder Worte zu sagen, die als Billigung oder Ermutigung hätten gedeutet werden können. Diese vorsichtige Haltung hat der Alliance die andauernden Angriffe der Zionisten eingetragen. Aber die Ereignisse haben bewiesen, dass die Alliance recht hatte. Gegenwärtig ist in der Türkei ein freiheitliches Regime auf dem Marsche, und die Zionisten, die Ueberlegung besitzen und offenen Auges sind, müssen zugestehen, dass ihre Projekte in der Türkei eine um. so gewaltigere Gegnerschaft finden werden, als diese Gegnerschaft sich auf das plötzlich erwachte und gesteigerte Natipnalgefühl stützt. Wenn, wie Sie aus dem Bericht des Herrn Dr. Porges ersehen können, die Alliance den hebräischen Unterricht in Palästina erweitert hat, wenn der Unterricht selbst in hebräischer Sprache erteilt wird, und wenn das den Wünschen der Zionisten entspricht, so ist die Alliance doch nicht einen einzigen Schritt weitergegangen und verharrt dabei, ihren Anstalten in der Türkei den jüdischen und ottomanischen Charakter zu bewahren. Die Geschichte wird zeigen, dass diese Politik allein klug und praktisch ist. Mögen andere glauben, in den Dienst ihrer Propaganda die moralischen Kräfte stellen zu können, die der Zionismus tatsächlich repräsentiert; mögen andere versuchen, durch Schöpfungen, die den Ansichten des Zionismus entsprechen, mit diesem Hand in<Hand zu gehen; mögen sie blind sein dafür, dass sie ein gefährliches Spiel spielen, sowohl für die ottomanischen Juden wie für sich selbst; —• wir werden ihnen nicht nachahmen, wir werden ihnen die Verantwortung für ihre Handlungen überlassen, indem wir der Hoffnung Ausdruck geben, dass die Männer, die guten Glaubens und gemässigten Sinnes sind, sich Rechenschaft ablegen werden, dass sie in diesem Betracht auf falschen Wege sind. Sie wissen aus den Berichten des Hilfsvereins, dass diese Organisation, da sie im Orient kaum die Möglichkeit fand, eine Schule zu gründen, sich gleichsam eine Spezialität aus den Kindergärten gemacht hat. In diesen Kindergärten unterrichtet man nur hebräisch, singt man nur zionistische Lieder, sind die Lehrer alle oder fast alle Zionisten, die keinen Wert darauf legen, die Kinder zu religiösem Sir.n

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