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Ost und West · 1909-06-01 · Heft 6 (Juni 1909) · p. Seite 391 - 392

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 6 (Juni 1909)
Article
Generalversammlung der Alliance Israélite Universelle, Lokal-Comité Berlin
Date
1909-06-01
Page
Seite 391 - 392 (sequence 3)
Language
German
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391 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Generalversammlung der Alliance Israelite Universelle usw. 392 zivilisierte und moderne Leben erträumen, wissen, dass diese moralische Kraft ihnen stets eine grosse Hilfe sein wird. Denn mit dieser Kraft und mit ihren Schulen trägt die Alliance in das Herz der jüdischen und mittelbar in das Herz der muselmanischen Welt, die bisher den Ideen des Fortschritts verschlossen war, abendländische Betätigung, Industrie, Hande3, methodische Bewirtschaftung des Bodens und seiner natürlichen Kräfte. Daher sind die Allianceschulen eine Grundlage für das Gedeihen der Völkerschaften, die vordem Sicherheit in fruchtbringender Arbeit nicht gekannt haben. Dank einer im Jahre 1907 veranstalteten Sammlung haben wir unseren Brüdern helfen können, die Trümmer zu beseitigen, die Aufruhr und Krieg im Lande gehäuft hatten. Wir haben den Israeliten von Casablanca und denen im Innern des Landes, die unter den Wirren gelitten hatten, wirksamen Beistand bringen können. Dank dem Eifer unserer Schulleiter wird die Internationale Kommission, die in Casablanca die angerichteten Schäden abschätzt und die entsprechenden Entschädigungen festsetzt, den Israeliten angemessene Vergütung für die Verluste gewähren, die sie erlitten haben. «k». w ';,| Am anderen Ende der muselmanischen Welt, in Persien, ist unser Werk weniger alt. Aber es ist gerade zur rechten Zeit organisiert worden, um den Israeliten die Teilnahme an der Bewegung zu ersch Ii essen, die, wie es scheint, auch dieses Land der Freiheit und dem Konstitutionalismus, wennschon langsam, entgegenführt. Die Dinge in Persien sind für die Israeliten dadurch schwieriger, dass dort religiöser Fanatismus herrscht. Die Perser gehören der schiitischen Sekte an, der strengsten muselmanischen Richtung, die die Berührung mit Juden oder Christen als verunreinigend betrachtet. Die Lockerung des politischen Bandes, die die Gouverneure von der Centrairegierung unabhängig und zu absoluten Herren der Juden ihres Bezirks macht, bildet eine weitere Komplikation; und endlich steht der Entwicklung zum Bessern entgegen, dass die persischen Juden in unglaublichem Elend und in unglaublicher Unwissenheit sind. In der Türkei, in Marokko, überall in der muselmanischen Welt findet man und fand man immer eingeborene Israeliten, die es verstanden haben, sich eine einflussreiche Stellung zu schaffen und sie beim Landesherrn zugunsten ihrer Brüder geltend zu machen. In Persien aber sind die Juden wie Bürger zweiter Klasse, die nicht einmal den Versuch machen, sich zu erheben, und die ihr unerträgliches Schicksal mit Gleichmut tragen. Es scheint, dass es am Hofe des Schah, man darf wohl sagen, seit den Tagen des Mardochai — denn die persischen Juden behaupten, von den Zeitgenossen Mardochais und Esthers abzustammen — ebenso wie bei den Provinzregierungen niemals einen einzigen gebildeten Juden nach der Art der unter den Mauren lebenden spanischen Juden gegeben hat, und dass niemals ein einziger Jude dort eine politische Rolle gespielt hat, wie Josef Nassi, den der Sultan von Konstantinopel zum Gouverneur der Insel Naxos machte. In Persien war ein allgemeiner Niedergang an Verständnis und Gesinnung ein getreten. Dank unseren Schulen wird dieser traurig» Zustand allmählich aufhören: Wir haben es für unser» Pflcht gehalten, in diesem Lande, das 40 000 bi 50 000 Juden zählt,- mit beschleunigter Schnelligkei einzugreifen, um unsere persischen Glaubensgenossei nicht noch länger sich selbst zu überlassen. L allen wichtigen Zentren haben wir Schulen eing richtet, in Teheran, Hamadan, Ispahan, Senelu Kirmahschah, Schiras. In Persien noch mehr als ii, Marokko ist unsere Schule die Burg der Juden geworden. Unser Schuldirektor gilt als eine Art europäischer Konsul, dessen Autorität die persischem Beamten in Zaum hält, die gewohnt waren, dkj Israeliten als eine jeder Ausbeutung überliefert«1 Masse zu betrachten. Das ist so wahr, dass trotz der blutigen Wirren, die gegenwärtig Persien entzweien, die Israeliten in den Städten, in denen wir Schuleti haben, nicht allzusehr haben leiden müssen. Und wer ist denn dieser Direktor, der den Mut hat, Gerechtigkeit und Recht für die Juden von den Gouverneure.i oder von den Führern der Aufständischen zu verlangen? Meist, wie auch im gegenwärtigen Augenblick, ein junger Mann von 26—30 Jahren, der ein spärlich bezahltes Amt bekleidet und kein persönliches Prestige besitzt. Aber er repräsentiert eine moralische Macht, die Achtung einfiösst; er repräsentiert nicht allein die Alliance, sondern ich möchte sagen, die [ganze ausländische Judenheit! Ueber die Türkei will ich mich so kurz wie möglich fassen. Ich maasse mir nicht an, Ihnen die Geschichte von gestern zu erzählen, die Sie alle kennen. Lassen Sie mich nur einen Augenblick bei dem Ante 1 verharren, den die Alliance an dem Erfolg der ersten friedlichen Revolution, die die Welt gesehen hat, beanspruchen darf. Erinnern Sie sich an den so interessanten wie tatsachenreichen Bericht, den uns vi r einigen Monaten unser ausgezeichneter Kollege Herr Rabbiner Dr. Porges bei seiner Rückkehr aus den Orient erstattet hat. Dieser Bericht zeigt, was unse; * ehemaligen Zöglinge getan haben, um die Umwälzui -' zu beschleunigen und zu fördern. Er zeigt, welchn Platz gegenwärtig in der Achtung ihrer Mitbürger all» Glaubensbekenntnisse unsere früheren Zöglinge einnehmen. Von den vier israelitischen Deputierten sind dr« i Zöglinge der Alliance, und mehrere muselmanische De putierte rechnen es sich zur Ehre an, moderne Kultn auf den Bänken unserer Schulen kennen gelernt zn haben. Man darf sich also nicht wundern, dases wiederum einer unserer Schüler, einer unserer Schützlinge ist, ein Rabbiner von umfassender und tiefer Gelehrsamkeit, der auf den wichtigen Posten des Grossrabbi der Türkei berufen worden ist. Noch, lag, möchte man sagen, der Reisestaub von Abessinieu auf Haim Nahum, als ein Delegierter der Gemeinde Konstantinopel nach Paris kam, um ihn zu suchen, und ihm nicht einmal Zeit Hess, mündlichen Bericht über seine Sendung zu den Falaschas zu erstatten. In gewissen Kreisen, namentlich Deutschlands, hat mau Haim Nahum nicht als orthodox genug für sein hervorragendes Amt angesehen. Nicht wenige Rabbiner haben

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