Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1909)
- Article
- Generalversammlung der Alliance Israélite Universelle, Lokal-Comité Berlin
- Date
- 1909-06-01
- Page
- Seite 389 - 390 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583980-2583987-2599657--09440-2599723- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
389 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Generalversammlung der Alliance Israelite Universelle usw. 390 Leiten zugunsten der nämlichen Bevölkerung geübt werden müssen. L Seit B egründung der Alliance, d. 1. seit 1860, •st Russland das Land gewesen, mit dem sich das Gentral-Comite am meisten zu beschäftigen hatte. Während der Regierung Alexanders II. stand die Alliance In direkten Beziehungen zur russischen Regierung, ind wenn nicht unglückselige Ratgeber den hochierzigen Zaren über den wahren Charakter der Alliance ^täuscht hätten, so hätte diese ohne Zweifel frei und selbst in Gemeinschaft mit der russischen Verwaltung an der Hebung der russischen Juden arbeiten können. Die Ereignisse haben das nicht gestattet, und man weiss zur Genüge, dass zur Zeit die Lage unserer russischen Brüder beklagenswert ist, dass vir die beinahe ohnmächtigen Zeugen der Vergewaltigung, der Willkür und der Ungerechtigkeit sind, die unter dem Beistand der Behörden und der Regierung regen die Juden verübt werden. Die Aufrichtung les sogenannten konstitutionellen Regimes hat die Feindseligkeit der Regierenden, die grundsätzlich jede Ilebung der Israeliten bekämpfen, nur in noch helleres Licht gesetzt. Wir haben der J. C. A. die Fürsorge ür die Schulen, die Arbeiter- und landwirtschaft-;ichen Anstalten überlassen und uns seit ein bis zwei fahren darauf beschränken müssen, jenen zahlreichen Vuswanderern Hilfe zu gewähren, die durch die westichen Länder ziehen, um in der Neuen Welt eine Zuflucht zu suchen, ferner darauf, in dem von beonderem Unheil heimgesuchten Städten und Dörfern Unterstützungen zu verteilen, zahlreichen Schülern nd Studierenden Plätze in den Schulen und Uniersitäten zu schaffen. Im Jahre 1908 hat die Alliance ür russische Juden allein fast 160 000 Fr. Unterstützungsgelder aufgewendet. Es bedarf wohl kaum ler Erwähnung, dass Takt und Diskretion es mir verieten, von den Schritten zu sprechen, die wir geräusch-; >s und ohne die Öffentlichkeit damit zu befassen, etan haben, um das Schicksal der russischen Juden zu erbessern, nicht von unseren Bemühungen, die darauf bzielten, Staatsmänner und Staatswürdenträger über on grossen Vorteil aufzuklären, den Russland für ine wirtschaftliche und soziale Entwicklung daraus ehen würde, wenn es die Arbeitsamkeit, die Be- 'iebsamkeit, die Begabung seiner jüdischen Beölkerung nutzbarer machte. Ich kann hier diese ■'■eite unserer Tätigkeit nur streifen und hinzufügen: Unsere Anstrengungen sind nicht immer ohne ' rfolg geblieben, obwohl wir gestehen müssen, dass sie eder überwältigend sind, noch genau abgemessen und ^gewogen werden können. II. Rumänien setzt seine Verfolgungspolitik gegen •He Juden fort. Taub gegen alle Anrufe, will es in 'Jen Juden nur ein fremdes und nicht assimilierbares Clement sehen, während es doch nur seine eigene 'olitik ist, die die Assimilation hindert. Als man jüngst ■•on der Berufung einer Konferenz sprach, die die eueren Balkanfragen regeln sollte, hatte es den Ans<'hein, als ob die Mächte, die 1856 und 1878 Rumänien gewissermassen geschaffen hatten, mit Aussicht auf Erfolg angegangen werden könnten, die Frage zu prüfen, wie Rumänien den Artikel 44 des Berliner Vertrages umgeht. Bevor aber die Alliance einen offiziellen Schritt unternahm, dessen Misserfolg peinlich werden konnte, hat sie Wert darauf gelegt, sich über die Stimmung der Mächte zu vergewissern; das Ergebnis dieser Erhebungen jedoch war, dass sie vorgezogen hat, den eben erwähnten Weg nicht einzuschlagen, vielmehr ein anderes Verfahren zu bevorzugen. Sie hat die Hoffnung, dass es nicht unwirksam sein wird. Inzwischen haben wir nicht aufgehört, den rumänischen Juden kräftige finanzielle Beihilfe für ihre Volksschulen und insbesondere für die Schulspeiseanstalten zu gewähren. Russland und Rumänien sind glücklicherweise die beiden einzigen europäischen Staaten, in denen unsere Glaubensgenossen noch nicht volle gesetzliche Gleichberechtigung erreicht haben. Wir werden nicht müde werden, diese Gleichberechtigung zu verlangen, bis der Erfolg erreicht sein wird. III. In den Ländern des Orients, und namentlich in den muselmanischen Ländern, betätigen wir uns in der doppelten Art, von der ich vorhin gesprochen habe. In diesen Gebieten, wo unsere Glaubensgenossen lange Jahrhunderte ausserhalb der Zivilisation und in gewissem Sinne auch ausserhalb des Gesetzes gelebt haben* hat die Alliance Licht und Vertrauen verbreitet. An dem äussertsen westlichen Ende der muselmanischen Welt Afrikas, in Marokko, hat, wie Sie wissen, die Alliance seit 1862 die Israeliten unter ihren Schutz genommen. Seit diesem Zeitpunkt hat es keinen Akt der Ungerechtigkeit und der Willkür, keine Gewalttat gegeben, den die Alliance unbeachtet oder unbestraft gelassen hätte. Sie hat bei der Mehrzahl der europäischen Regierungen wirksame Unterstützung gefunden. Als vor zwei Jahren die Ereignisse sich abspielten, die noch in unserer aller Gedächtnis sind, hat die Alliance ihre ganze Tätigkeit darauf gerichtet, die Gefahren zu beschwören, die den Juden drohten, und dann die Schädigungen auszugleichen, die durch den Fanatismus und die Raubsucht der Marokkaner verursacht worden waren. Nichts kann das Ansehen, dessen sich die Alliance in Marokko erfreut, klarer erkennen lassen, als die einfache Tatsache, dass selbst inmitten der Wirrungen und der gefährlichsten Gährungen niemals ein Allianceschullehrer angegriffen oder belästigt worden ist, niemals eine der Allianceschulen den geringsten Angriff erfahren hat. Und diese Lehrer sind nicht Europäer, sie geniessen keinen offiziellen Schutz, viele unter ihnen sind marokkanische Untertanen. Sie haben in unserer Monatsschrift den schönen Brief gelesen, den das Oberhaupt des Südens, der Kaid Glaui, an die Alliance gerichtet hat, als diese ihm ihre Schulen empfohlen hatte. Die Muselmanen selbst haben die grosse moralische Kraft begriffen, die von unserer Alliance repräsentiert wird; und die unter ihnen, die für ihr Land den Eintritt in das