Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1909)
- Article
- Ein Dichterschicksal
- Date
- 1909-06-01
- Page
- Seite 379 - 380 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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379 Max Schacherl: Ein Dichterschicksal. 380 steht so unverkennbar unter dem Einfluss C. F.Meyers, dass ihn Erich Schmidt wohlwollend warnt: „David, Sie meyern!" . . Seine nächsten Arbeiten zeigen, dass er sich selbst wiedergefunden, und lächelnd kann er behaupten, dass „die Meyerei" nun hinter ihm liege ... Ehe er noch daran denken konnte, neues zu produzieren, manchen glücklichen Gedanken auszubauen, zwang ihn die Brotfrage, einen Erwerb zu suchen. Er wurde Journalist. Auch hier ebnete ihm Franzos die ersten Wege. Nur wer selbst mit dem Wesen und dem Werte des Journalismus vertraut ist, kann ermessen, was das Büchlein „Vom Schaffen" bedeutet. Kurz vor Davids Tode ist es erschienen, und wer's versteht, der wird den Jammer dieses Dichterlebens begreifen. Von den Leiden und Freuden unseres Berufes erzählt es; von den Idealen, die wir mitbringen und die von den täglich zweimal klappernden Mühlsteinen des Berufslebens erbarmungslos zermalmt werden J. J. David, der ringende und strebende Dichter, war nicht dazu angetan, ein Leben zwischen Morgen- und Abendblatt als einen idealen Daseinszweck zu empfinden; seiner spröden Natur konnte die Kunst der Anpassung nicht gelingen. Was mag nicht alles in ihm erstickt worden sein, in ihm, der ein Künder der Schönheit sein wollte und zum Verkünder von Neuigkeiten werden musste! Vieles, was er für den Tag geschrieben, ist in einem Bande „Essays" aufgenommen, aus dem ersichtlich ist: er war kein Journalist. Das Graziöse, Leichtbeschwingte des Tagesfeuilletons eignete ihm nicht, und das mag nicht zum geringsten Teile erklärlich machen, dass er in Wien, der klassischen Stätte des Feuilletons, nicht jenes Mass von Anerkennung fand, wie es sonst dem „Plauderer" unter dem Strich in Oesterreich gern entgegengebracht wird. Wie sehr aber J. J. David die Kunst des geistvollen Feuilleton ist en zu schätzen wusste, beweist sein Essay über Theodor Herzl. Ihm selbst war es nun einmal nicht gegeben, er seufzte unter den Fesseln des Berufes, aber er trug sie pflichttreu und in Sorge um Weib und Kind bis an sein Lebensende. „Vom Schaffen", dieses Buch eines mühselig und verdrossen Schaffenden, zähle ich zu den persönlichsten Bekenntnissen des Dichters. Und weil er unglücklich in dem Berufe ist, wie er heute sich darstellt, unzufrieden auch mit der heutigen Zeitungsart, schildert er uns die Zeitung und die Journalistik, wie sie sein sollen. Dieses Buch hat der Rück schauen de, der Sterbende geschrieben. Dennoch erklimmt er in dieser Zeit der Unlust und nicht sonderlich grossen Arbeitsfreude die Höhe des Novellisten und Erzählers. Sein durchaus eigenartiger Stil, die Erzählungsform selbst, die klare Sprache machen sich allmählich geltend und schaffen ihm eine herbe, fesselnde Eigenart. „Am Wege sterben", heisst der Wiener Bohemienroman, der des Dichters reifste Kunst birgt. Das Wirtshaus einer Vorstadt, sein Besitzer und die Gäste formen sich zu einer Gesellschaft, deren Einzelschicksale geradlinig durch das Buch ziehen. Sich selbst hat der Dichter in dem Weberssohn Förster geschildert, der hungert und leidet, Humor und bitterböse Galle hat, kämpft und kämpft — und nicht verhungert . . . Aber andere sind da, die irgendwo aus der Provinz gekommen, in das Wiener Vorstadtmilieu geraten, Studenten und andere Nichtslerner, auch Streber und Strebende, Siegende und Besiegte sind hier gezeigt. Wir sehen viele zugrunde gehen, die einen am Milieu, die anderen, weil sie's so wollen. Unser Mitleid geht mit den Kämpfenden, mit den Irrenden und Ringenden, dem melancholischen Schlesier und seinen Gefährten, die wir müde und zerbrochen von den Seelen- und Leibeskämpfen der Jugend, am Wege sterben sehen . . . Nicht alle des Todes sterben sehen. Aber es soll Menschen geben, die ein traurigeres Sterben kennen, die den Tod von Idealen schmerzlicher empfinden. Sie alle haben sich ihren Weg vorgezeichnet . . . und so wenige, ach so wenige sind ihn zu Ende gegangen. Der ist fein spiesserisch untergekrochen, jener ein Verächter seiner einstigen Ideale geworden; diesen hat das Leben, die Lebensnot ruiniert, den anderen die Liebe, oder das weiche Herz, oder die ererbte Degeneration. Dies nnd das: am Wege sterben, liegen bleiben fern vom Ziele, ein Schicksal, das so vieler harrt! . . . In diesem Romane des Wiener Quartier latin erstehen diese Schicksale vor uns, spielen sieh ab auf dem Boden der lebensfrohen Stadt Wien, der jeder grollt und die jeder liebt, jeder von diesen Wiener Bohemiens, die da am Wege sterben. Von wunderbare] Anschaulichkeit ist die Charakteristik der Menschen in diesem Buche, nicht minder aber die feine Verästeluni ihrer Scicksale. Die Stadt der Geschehnisse selbst. Wien, ist von minder begabten Dichtern schon gegenständlicher hingestellt worden. Die mährische Ebene, das mährische Land weiss J. J. David mit deu subtilsten Feinheiten zu zeigen; mit den wechselnden Reizen der bezaubernden Stadt, mit diesen Wiener Stimmungen, die so veränderlich sind wie die Launen einer schönen Frau, weiss er nicht viel anzufangen. Der schwere Tritt des mährischen Landmannes dröhnt auf dem Pflaster der Stadt. Dennoch darf die Erzählung „Der Uebergang", die Geschichte einer untergehenden Patrizierfamilie, zu den besten Milieuromanen gerechnet werden, gerade weil seine knappe Sprache den volkstümlichen Charakteren gerecht wird. Besonders ist es die lyrische Prosa, die er in seinen Novellen und Romanen ganz eigenartig zum Ausdruck zu bringen weiss. Doch ist es keine malende, zerfliessende Sprache, die er anwendet; sein tragischer Lebensernst und die abendliche Melancholie des Slawen ist äber alles gebreitet, und nur selten ringt sich ein Stückchen Sonne durch das graue Gewölk, selten nur weicht Pessimismus der Hoffnungsfreudigkeit. In seinen Büchern raschelt das fahle Laub des sterbenden Sommers . . .