Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1909)
- Article
- Ein Dichterschicksal
- Date
- 1909-06-01
- Page
- Seite 381 - 382 (sequence 4)
- Language
- German
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381 Max Schacherl: Ein Dichterschicksal. 382 Er war der erlesene Dichter seiner Heimat. Ehe J. J. Davids Erzählungen erschienen, wa** die mährische Landschaft noch kein „Literaturobjekt". Erst seine Kunst hat dieses Stück Welt gezeigt, er erst hat uns das Wesen des mährischen Volkes erschlossen. In seiner frischen, prächtigen Novelle „Die Hanna" schildert er sich als Maler Petersilka selbst in seiner Liebe zu dem Boden seiner Heimat. Und findet Worte voll Liebe und Grösse für diese seine Welt. Im Schnellzug durchsaust man achtlos und unbekümmert die märische Ebene, die der Dichter mit feinen Strichen hinzeichnet: „. . . . Die Felder waren gemäht und die trockenen Stoppeln standen kurz, gelb und traurig da. Es war trockene Zeit, und es stob allenthalben. Nur die Zuckerrübe hatte noch ihr gilbendes Blattwerk, und die gelbgrüne Hirse, die aus der Ferne so goldig weht, nickte mit schwachen und zierlichen Rispeu . . . Zwischen den rotbraunen Rohrkolben stieg ein gelles und flirrendes Leuchten auf ..." Das ist nur ein Beispiel. Es lässt erkennen wie viel Farbenreichtum dieser einfachen Sprache eigen, wie restlos der Dichter die Naturschönheiten seiner engeren Heimat erschöpft. In der zeitgenössischen deutschen Literatur wüsste ich nur wenige, die mehr denn J. J. David Anspruch erheben dürften, Heim ats dicht er genannt zn werden, und in dieser Eignung darf er neben Rosegger gestellt werden, von dem ihn freilich künstlerisch eine grosse Klnft scheidet. Seinen Bühnenarbeiten war kein Erfolg beschieden; ie wurden aufgeführt und verschwanden, obgleich manches in ihnen erkennen lässt, dass David bei strengerer technischen Schulung und mit mehr „Bühnenblick" erfolgreich durchgedrungen würe. Aber — jede Routine ging ihm ab, jedes Virtuosen tum war ihm fremd, seiner Eigenart stolz vertrauend, blieb er in seinem Schaffen ehrlich und wahr, zu keiner Konzession an den Geschmack des Publikums bereit. Sein Bestes hat er der Heimat abgerungen — in iedem Sinne. Selbst den Novellen, die ausserhalb der!ieimat spielen, fehlt schon der herbe Duft, sie gemahnen mitunter an die grossen Schweizer Vorbilder, •lerem Einflüsse sich J. J. David nur selten ganz entziehen konnte: C. F. Meyer und Gottfr. Aug. Keller. In den bodenständigen Novellen aber ist er ein Meister der Erzählungskunst, ein feiner Stimmungsmaler. Da ist die weite, weite Ebene . . . nur am Rande der kleine Wald, wie ein Weinen klingt es durch die Welt, Abend wird es und die Flöte des Hannaken schickt die Töne durch die sterbende, verglühende Natur, Baum und Strauch nicken und flüstern: so denke ich mir J. J. Davids Kunst von einem grossen Maler dargestellt. Seine Kunst, der jedes künstliche Element fehlte, die endlich die Vervollkommnung des Natürlichen darstellte. Und des kurzen Liedes denk' ich, das er einmal hingeschrieben: „Das Lied von der, die mir entschwand, Singt nun der Nachtwind meinen Ohren — Am Wege hab' ich sie verloren, Die sich zu mir am Wege fand ..." Ein ungnädiges Schicksal, das diesem Dichter ein schweres Leben schuf, liess ihm auch das Sterben nicht leicht werden. Nach Jahren steten Leidens verschied Jakob Julius David am 20. November 1906 zu Wien, im siebenundvierzigsten Jahre seines Lebens. Die Entbehrungen der Jugend hatten sich an ihm gerächt. Noch auf seinem Krankenbette, aus schweren Fieberträumen erwachend, diktierte er dieses beklemmende Kapitel „Halluzinationen", diese unbarmherzige Selbstanalyse eines Sterbenden. Er war die längste Zeit seines Lebens augenleidend, sein Gehör war so gut wie erstorben. Und da wird es zu einem Rätsel der Natur, wie dieser Dichter die geheimsten Schwingungen fremden Lebens gehört, mit diesen schwachen Augen das Kleinste fremden Lebens gesehen; ergreifend der Gedanke, dass dieses tote Gehör sein eigenes Ausklingen vernahm . . . Sein Nachlass: sieben Bände, erfüllt von den Bekenntnissen eines traurigen Dichterdaseins. Nicht anklagend, nur traurig oder skeptisch lächelnd erzählt er vom Leben, von seinem, von dem der Anderen. Wie rasch spielt alles in diesem Zeitraum von siebenundvierzig Jahren, wie schnell hat sich an Jakob Julius David sein Dichterschicksal erfüllt! . . . Des Lebenden wurde wenig gedacht; so möge des Toten Nachlass in die Hand der Verstehenden gelangen . . . REVUE DER REVUEN. Nachdruck verboten. Zu einem Konflikt innerhalb der österreichischen indenschaft führte die am 5. Mai beschlossene Schaffung eines „0 österreichisch- Israeli tischen Gemeindebundes". Die Notwendigkeit, im antisemitischen Oesterreich eine offizielle Instanz zur Wahrung aller jüdischen Interessen zu schaffen, konnte die Separationsbestrebungen der galizischen Gemeinden nicht unterdrücken. Wie der „Oesterreichischen Wochenschrift" zu entnehmen ist, wurde die Gründung des Bundes uegen den Willen der galizischen Gemeinden beschlossen. Dem Protest der Ostgemeinden haben *ich die Orthodoxen angeschlossen. Nun wird es der österreichischen Regierung nicht schwer gemacht, der Gründung die Legalisierung zu versagen. Die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer Organisation der Gemeinden beginnt sicli allmählich überall durchzusetzen. Nach dem „Frankf. Isr. Familienblatt" konstituierte sich in Zürich der „Schweizerisch - Israelitische Gern e i n d e b u n d". Die Schweizer Gemeinden haben durch das Zuströmen der russischen Emigranten einen grossen Aufschwung genommen, allerdings auch die Ausgestaltung des Unterstützungsdepartements I