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Ost und West · 1909-06-01 · Heft 6 (Juni 1909) · p. Seite 377 - 378

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 6 (Juni 1909)
Article
Ein Dichterschicksal
Date
1909-06-01
Page
Seite 377 - 378 (sequence 2)
Language
German
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377 Max Schacherl: Ein Dichterschicksal. 378 garnicht holden Maiabenden die richtigste Lektüre: nichts von der Freude und der lockenden Yerheissung des Frühlings ist in ihnen zu finden; ob es nun Gedichte, Dramen, Romane oder Novellen sind, aus allen diesen Schöpfungen klingt die stumme Klage eines vorzeitig Gebrochenen, eines Resignierenden; eines, der in den fahlen Spätherbst des Lebens gekommen, ohne das Blühen des Frühlings gekannt zu haben. Und selbst die Jugendarbeiten lassen nichts von dem Temperament der Jünglingsjahre erkennen, auch darüber liegen schon die Schatten der Schwermut. Der Himmel dieser Dichtung ist bewölkt, grau und zerrissen, kein Blitzstrahl deutet auf ein befreiendes Ungewitter . . . Ich habe mir nun aus diesen sieben Büchern die Geschichte ihres Dichters erzählen lassen, die Geschichte seines Lebens, Werdens und Vergehens. In einer kleinen Stadt, in Mährisch-Weisskirchen, wurde Jakob Julius David am 6. Februar 1859 als Kind jüdischer Pächtersleute geboren, die bald darauf nach Fulnek verzogen, der herrlich gelegenen mährischen Weberstadt, wo unser Dichter seine Jugend verlebte. Die Jugendeindrücke und der Heimatsboden sind in J. J. David zeitlebens haften geblieben, er hat jedes Detail seiner Heimat in sich aufgenommen, und was er noch nach Jahren über die eigenartige Schönheit der mährischen Landschaft geschrieben, zählt zu dem Besten, was er uns geschenkt. Das Leben im Elternhause war der Entwicklung des Kindes nicht sonderlich günstig. Der früh verstorbene Vater war jähzornig und der Knabe Jakob hat manchen wütenden Streich erhalten, den J. J. David nicht vergessen konnte. Die Mutter, eine gütige und feinsinnige Frau, lebte in Furcht vor dem jähzornigen Haustyrannen. Ihrer mütterlichen Liebe hat David Zeit seines Lebens gedacht und dieser Liebe den schönsten Ausdruck gegeben in einem Gedichte („Der Mutter"): „Ich bin allein seit vielen Jahren, Und trag' es klaglos, wie ich muss; Nur hätt' ich gerne doch erfahren, Wie lind auf früh ergrauten Haaren Liegt einer Mutter Abschiedskuss .. Der Vater stirbt, der kleine Jakob kommt nicht lange darauf ans Gymnasium nach Kremsier. Sein J* J. David. stilles, nachdenkliches Wesen bringt den Jungen bald in den Ruf eines Sonderlings. In ganz jungen Jahren schon hatte er des Lebens Jammer zu empfinden: nach einer schweren Krankheit begann sein Gehör zu leiden. „Und nur gedämpft, gedämpft und leise kommen des Lebens Laute in mein krankes Ohr . . ." Dazu kamen noch die schrecklichsten Entbehrungen. Als Hungerstudent bezog er die Wiener Universität, und auch seine ferneren Lehrjahre blieben Hungerjahre. Nur mit tiefer Ergriffenheit wird man lesen, was ein wahrer Dichter als Jüngling geschrieben: „Ich aber schien mir und allen rettungslos verloren .... Nur stupider Trotz erhielt mich am Leben.'4 Diesem scheuen, verschlossenen Menschen wurde es nicht leicht, Freunde zu gewinnen, noch schwerer, einfiussreiche Menschen für sich zu interessieren. Es bleibt unvergessen, was Professor Erich Schmidt, jetzt Literaturhistoriker an der Berliner Universität, für den Studenten getan, in dem er eine grosse Begabung erkannte. Damals noch an der Wiener Universität tätig, zählte er J. J. David zu seinen Hörern und nahm sich seiner an. Jetzt hat der Lehrer des toten Schülers Lebenswerk herausgegeben und ihm die wehmütige Grabrede gehalten. Er kann auch erzählen, dass J. J. David Monate hindurch unter einem Brückenbogen am Franz Josef-Quai seine Schlafstelle suchen musste, dass er tagelang in einem obskuren „Kaffeetschecherl'1, diesen unangenehmen Wiener Vorstadtkaffees, hauste. Als Schreiber, Hofmeister und durch Privatlektionen versuchte er sich durchzubringen. Endlich werden breitere Kreise auf ihn aufmerksam: Karl Emil Franzos bringt ein Sammelwerk österreichischer Dichtung, und dieses enthält die Novelle „Fanny" von J. J. David. Wir finden sie unverändert in der vorliegenden Gesamtausgabe. Leidet sie auch noch an sprachlichen und dichterischen Schwächen, so war sie doch als eine ganz aussergewöhnliche Talentprobe anzusehen. Hier schon zeigt er sich als der Dichter seiner Heimat, deren Landschaft und Bewohner in dieser ersten abgerundeten Novelle zu plastischen Gebilden voll urwüchsigen Lebens werden. Es folgen die Erzählungen „Blut", „Das Höferecht" und dann „Die Tochter Fortunats". Die letzterwähnte Arbeit

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