Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1909)
- Article
- Chajim Wolterman
- Date
- 1909-06-01
- Page
- Seite 365 - 366 (sequence 5)
- Language
- German
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865 S. J. Annuchi: Cliaiim Wolfen 860 . ine trübe Wolke glitt über ihr (lesicht, wie von schmerzhaften 'Erinnerungen. Allein sie konnte ich nicht mehr emporraffen. ... Sie blieb ruhig auf ihrem Lager liegen. Und wollte er einmal wieder sprechen von der Schönheit der vergangenen Jahre, so vidi sie aus. Sie fürchtete mit iim allein zu sein, als graute;,ir vor seiner Rede. Nur ein i inziges Mal konnte er in all der Zeit sprechen von seinem Leben, von dem, was ihn bedrängte. Es war nur ein scheuer Anfang. Mühselig kamen die Worte, bis er bald verdrossen -ohwieg. War es nicht vergebliche Mühe, ihr zu beichten? ilir, die ihn so traurig ansah wnd so eigenartig seufzte. Ihm -ohien, als kannte er diese Trauermiene und diese Seufzer >ehon; als hätte er sie ganz ebenso schon jüngst bemerkt, <ia Podolsky ihr von seinen Magenbeschwerden erzählte. So -chwieg denn Chajirn lieber. Lise erblasste, denn sie ahnte, \ elcher Schmerz ihn die Worte verbergen liess. Er stand auf und entfernte sich schnell. Und i in quälerisches Mitleid erfüllte iim mit sich, mit ihr..... Xur ein Gedanke stand in all ,;er Wirrsal seiner Seele fest: Wilna zu verlassen; diese Stadt, die sein Herz vollends zerrissen hatte. . . . Und doch trieb es ihn wieder Ii in zu diesem Mädchen. In nner Dämmerstunde, die ihre ^chatten zart auf die Stadt und a-r schwer auf ihn gelegt hatte, var er zu ihr wieder hinausgegangen. Sie war allein. Sie t-ssen einander gegenüber. Sie sprachen kein Wort. Sie konnten keine Worte finden.!ie Herzen nur pochten laut. Nach langem Schweigen unterbrach Lise die Stille. Sie igte und sah dabei auf Chajims risse: Deine Stiefel sind arg rrissen." Er warf einen Blick auf die Stiefel und sagte leise: - Ta, so zerrissen wie meine Seele." Lise lächelte: „Warum das? Kannst du dich in dieser elt nicht zurecht finden?" Ohajim starrte zu Boden und sagte fast tonlos: „Ich eiss es nicht. Vielleicht leben alle Menschen ein fremdes •ben. . . . Ich weiss es nicht." Lise antwortete nichts. Ein Schatten huschte über : re Züge. Und waren nicht Tränen in den vergrämten An gen? Eine qualvolle Stille. Podolsky kam. Die Stimmung zerriss. Chajim nahm "inen Hut und ging. Wie immer, verbittert, verzweifelt, -•irbrochen. Langsam schritt er der Stadt zu. Es war spät am Abend. Leise Winde schwebten über das Land, hüpften;md jagten einander, und raunten der Lenznacht Geheimnisse ■'i. Und mit duftigen Netzen umspannen sie Berg und Tal5 f'pn dichten Wald und die einsamen Bäume an den Wegen. * nd war doch so, als lösten sich die Dinge voneinander. * nd Haus und Bäume ständen in stiller Vereinsamung <a. Und dunkler wards in der Runde. LTnd bald und bald DIPvIK BOÜTS. Die Manalese. MUEXC11EN. rückten die Dinge wieder aneinander und versanken in den allhüllenden Schatten der Nacht. Und droben am schweigenden Himmel lugte neugierig ein Sternlein hervor aus den1. Dunkel und wieder ein Sternlein. Chajim Wolterman schritt durch das Dunkel und blickte in die webenden Wunder der Welt, und sie waren ihm ein Gleichnis vom ewigen Wandel und ewiger Unwandelbarkeit. Eine lange Strasse führte in die Stadt hinein. Bald winkte eine elektrische Lampe, die wie in grausamer Wollust in die finstere Herrschaft der Nacht hineinleuchtete. LTnd voll Schabernack zerstörten dröhnend ein paar Wagen die heilige Stille. Belebter wurde die Strasse. Hastig trugen die Menschen ihre Sorgen nach Haus. Und ihn packte wieder der Ekel vor dem Leben, vor der Stadt, vor dieser Stadt. Wenn er nur fliehen konnte. . . . Nur nicht wieder in das Gefängnis seines Zimmers. Und er lief wie ein Dieb wieder zurück. Ins Dunkel. Irgend wohin. Auf einem Hügel bei den Vorstädten setzte er sich ermattet. Vor sich sah er in der Ferne die Stadt, die wie ein Micken auf Gottes schöner Welt lag. Ein Micken von dunklen Mauern, die eng aneinander gedrängt waren. Wozu brauchte es dieses garstigen