Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1909)
- Article
- Chajim Wolterman
- Date
- 1909-06-01
- Page
- Seite 363 - 364 (sequence 4)
- Language
- German
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363 S. J. Anauchi: Chajim Woltennan. 364 J. JORDAENS. Moses in der Wüste. — zu Zeiten! — noch lieb und feurig in die Welt. Noch heut war ihr Antlitz nicht ohne Grazie. Allein die verhaltene Wildheit war ganz dahin. Als wäre die grobe Hand eines Oröblings dar übergefahren. Und ein paar herbe Falten um den Mund sprachen vom Leben, von Irdischem, von Sorgen und Uebersättigung. Alle Leichtigkeit war aus dem Körper gewichen. Er war ohne Schwung. Müde und trag .... Zudem hatte Chajim ihre nahe Beziehung zu einem Mann, Podolsky, erkannt. Er war wohl schon gegen das Ende der Zwanziger. Ein Lehrer der russischen »Sprache. Ein dummer, satter Kerl. Jener Typus der Menschen, die nichts vom Leben verlangen und von denen auch das Leben nichts verlangt. Geradlinige und starr-logische Naturen, die ihre Zeitungen regelmässig lesen, ihren gleichmässigen Verdienst, ein schönes Weib haben — und mit der Weltordnung durchaus zufrieden sind. Mit Lise war Podolsky so intim, dass sie sich von ihren Kopfschmerzen erzählten, über ein unschmackhaftes Mahl, über den Magen sprachen, wenn er nicht ganz in Ordnung war. . . . So hatte sie Chajim getroffen. Und sein Herz wurde voller Verdrossenheit und Aerger. Von Tag zu Tag wuchs die Furcht in ihm, das Grauen vor den trüben Gefühlen, vor den ruhelosen Gedanken. Und er begann wieder zu grübeln. Ueber sich, über das Leben, über die Menschen, über seinen Kreis. Ueber Lise. Er musste immer wieder an seine Freunde denken, mit denen er vor vier Jahren in Jekaterinoslaw zusammengelebt hatte, vereint durch die wirren, aber reinen und glühenden Ideale, wie sie einst ihr Leben grosr= und schön machen wollten in dieser Welt und durch all Fährnis die Reinheit und Schön heit ihrer Seele führen wollten. Chajim musste an die arm selig-in Reste denken, die von all dieser stolzen Gesinnung geblieben waren. Gar manch!-d hatte das Leben zerdrückt. Li einen Winkel geworfen. Und Tag um Tag wischte das Leben aus ihrer Seele ihre Hoffnungen und Gedanken — vom Leben! Und dann packte Chajim immer wieder die Angst; und die Sehnsucht ^jnach etwas so ganz anderem als all das Treiben und Sinken um sich herum war. Und er fühlte das grosse Erbarmen. . . . Nur er war von der ganze] i Schar geblieben. Ein unstäter Wanderer, der keinen Platz im Leben gefunden hatte. Nirgend war ihm die Ruhe. Und zn nichts war er nütze. . . Einmal hatte er sich mit Arbeitern ein gelassen. Er sprach zu ihnen über Knechtschaft und Herrentum, vom Dulden und von der Menschenseele, von dem Schmutz, und der Verlogenheit des Lebens Aber die Arbeiter fanden keinen Gefallen an ihm und pflegten zn sagen: ,,Er spricht und spricht erregt sich und ist immer wr zerwühlt. Aber irgend ein Posi tives können wir aus all seine] n Gerede nicht herausfinden". Und wenn er gelegentlich einmal einer Redaktion einen Aufsatz zusandte, bekam er die Antwort: „Sie haben Gedanken, haben ein mitfühlendes Herz. Aber das Technische ist mangelhaft." Seine Gefühle waren zerflattert. Sein Grübeln ohru Ziel. Und selbst sein Geniessen war mehr ein Hungern. Denn er kannte die Befriedigung nicht. Er konnte sie aue'n nicht kennen lernen, weil sein Sinnen ihm den vollen Becher des Lebens aus den zitternden Händen schlug. Ein wirres Sinnen, das ihn verbitterte und unzufrieden machte mit sich und allem, was in irgend einer Beziehung zu ihm stand: Und ihn packte eine wilde Wut, die sich eigentlich gegen niemand und gegen nichts im besonderen richtete. Eine Wut, die sich einfach ins Leere austobte. . . . Wieder kamen die Marternächte mit ihren törichten Träumen. Wieder das Erwachen mit jener Schwere und Leere, die die Seele so arg quälten. Wieder die halben, zerrissenen Gedanken und Phantastereien, die ziellos ins Weite schweiften. Wieder tauchte jene wilde Idee auf, dass alle Menschen von der Erde verschwunden waren und er nur allein übrig geblieben war. Er allein . . . Und wieder zwang es ihn von dieser Stätte fort, die Mauern zu verlassern hinter denen er jetzt ächzte, denn nur hier, nur hier schien ihm alles Unheil zusammengedrängt. . . . Lise besuchte er zwar noch oft. Aber sie hatte nicht mehr die Kraft, ihn von dem lastenden Druck seiner Seele zu befreien. Im Gegenteil. So oft er sie verliess, war ihm das Herz nur noch schwerer. Wie oft hatte er sie im Bette liegend gefunden, die Haare gelöst. Und Podolsky sass neben ihr, ohne auch nur eine Minute vom Bette zu weichen. Sie war zwar etwas verschämt, wenn sie Chajim erblickte, und KARLSRUHE.