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Ost und West · 1909-06-01 · Heft 6 (Juni 1909) · p. Seite 361 - 362

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 6 (Juni 1909)
Article
Chajim Wolterman
Date
1909-06-01
Page
Seite 361 - 362 (sequence 3)
Language
German
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361 S. J. Anauchi: Chajim Wolterman. 362 Lenzhauch fügte, zu einem Akkorde voll träumerischer Sehnsucht; und doch: ganz Frühling. Und es war, als wäre die Gier in die Menschen und in die Dinge der Welt gezogen, in der Frohheit des Lenzes dnander zu überbieten. . . Und da Chajim Wolterman r ie Strasse betrat in dem Glücks- < efühl, diese Stadt zu verlassen, rnd dass die Trübsal, die ihn hier bedrängt, nun von ihm weichen musste, ergriff ihn die Freude wieder an Gottes Welt. Seine Stunden, seine Bekannten, selbst seine armselige und erbärmliche Stube und die ganze Stadt mit ihren törichten Mauern, die sich so eng einanderdrängten, dieses ganze ärgerliche Dram-und-dran seines Kiewer Lebens — es war verschwunden, lag weit hinter ihm wie in einer ihm fremden, fernen Welt. 0, wie schön und lieb w ar doch das Leben! Und mit vollen Zügen sog er die Süsse des farbigen, klingenden, duftigen Lenzes ein. Anderen Tages in der Frühe war er bereits im Wagen und i lickte vom Fenster aus mit den Augen der Verklärung auf die Wälder und Felder, an denen fiie schnelle Fahrt vorüber. - i^uste. Die Freiheit war in ihm. Und der Frohsinn hüpfte Oirch seine Seele. Und dabei usste er noch gar nicht, wie < sich sein Leben in Wilna würde einrichten können. Ihm a,r die Gewissheit genug, dass w Kiew verlassen hatte, das Treiben und die Menschen dieser Stadt! In Wilna! Dort konnte < r wieder hoffen und träu-! -en . . . Neue Hoffnungen, f >ue Träume! .... So langte er denn in froh- ->muter Stimmung in Wilna :und das Herz war ihm so icht, just so wie bei seiner breise von Kiew. In seinen ugen leuchtete der Frühlingsglanz, da er die Buben und ädchen durch die Gassen tollen sah. Munter mietete er sich ein Zimmer und nahm Stunden .1, um das Leben fristen zu können, das ihm leicht und; öhlich schien im Kausche der neuen Stätte. So lebte er i den Tag hinein, ohne Forderungen zu stellen, weder an ■' oh, noch an die Menschen. Als schwebte er irgendwo im eltall umher, ohne jene Beziehung zur Umwelt. Aber ein Erdenrest haftete ihm noch an; er wusste, '■ 'iss jetzt in einem Vororte von Wilna eine alte Bekannte )n ihm wohnte. Lise. Vier Jahre hatte er sie nicht gehen, dies liebe Mädel mit den schwarzen, glitzernden ■ ugen, dein zierlichen Gesicht und der verhaltenen Wildheit. Während der ersten Tage und all der Wege, die die Regelung seines äusseren Lebens heischten, sah er sie wie bendig vor sich. Ihm war, als umwallte ihn der Duft 'ires schwarzen Hexenhaares, als hüpfte ihr graziöser Körper °r ihm. Und er dachte mit Freuden an die erneute Gemeinschaft. Er würde sie oft besuchen, und es würde alles nieder so werden, wie einst in Jekaterinoslaw, und er hätte wieder eine Seele, der er sich mitteilen könnte, und die ihn all dem lastenden Druck befreite. Er würde ihr wieder aas weiche Haar streicheln und von den Leiden der letzten GIORGIONE. ^^^j^^M^^mm-u *tMui£&'3&L Feuerprobe Moses. FLORENZ. vier Jahre erzählen und von allen Unrunen. Ein wundersamer Traum, der ihm die neue Stadt nur noch reicher vergoldete..... Doch kaum war ein Monat vergangen, da empfand er — leise zuerst, dann aber immer schmerzhafter — ganz in der Tiefe des Herzens jene dunkle Furcht, die ihn aus Kiew gejagt hatte. Woher kam sie nur, diese Furcht! Er fragte sichs oft. Wie begann sie? Zu welcher Stunde? Zu welcher Minute? Er konnte sich die Antwort nicht geben. Die Furcht kam eben wie ein Verhängnis. Sobald sein Leben wieder die Wege des Alltags schritt — der alltägliche Unterricht, das alltägliche Zimmer, die alltäglichen Bekannten —, fing das Unheil an. Ganz ohne äussere Veranlassung wurde ihm plötzlich so schwer ums Herz. Der Rausch der neuen Stätte begann mählich zu verschweben. Der Frühlingsglanz verblasste. Und in den Strassen sah er nicht mehr die jubelnde Jugend. Nur alltägliche, verbitterte Judengesichter mit gefurchten Stirnen und Augen, die immer in Angst von Wanderelend, von Verbannung und ewigem Leide reden. . . . Auch der Traum von Lise zerran in nichts. Er hatte sie gefunden. Aber sie war so ganz, so ganz anders, als seine Phantasie sie ihm gebildet hatte. Ihre Augen blickten

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