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Ost und West · 1909-06-01 · Heft 6 (Juni 1909) · p. Seite 359 - 360

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 6 (Juni 1909)
Article
Chajim Wolterman
Date
1909-06-01
Page
Seite 359 - 360 (sequence 2)
Language
German
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359 S. J. Anauchi: Cliajim Wolterman. 360 lassen und war hierher gezogen! Warum war nur er hierher gekommen? So begannen die quälerischen Ueberlegungen. Sie waren ihm alte Vertraute. Die ganze Umgebung drückte auf ihn, dass er sich ganz zerknittert vorkam. Sein Schlaf war unruhig. Törichte Träume zerquälten seine Nächte. Morgens war er wie zerschlagen. Sein Schädel war ihm leer, wie ausgebrannt. Seine Seele zerbrochen. Die Unterrichtsstunden machten ihn nervös und verbittert. Seinen Bekannten wich er aus. Nirgends war ihm ein friedlicher Winkel, und einsam lief er durch die Gassen der Stadt, als wäre jemand hinter ihm drein. Wäre er nur erst aus diesem Orte hinaus! . . . Wilde, unklare, zerrissene Gedanken jagten ihm durch den Schädel. Gedanken über das Leben, die Menschen und über sich. Und wenn er wie zerbrochen heimkam, in sein trauriges Zimmer, zu den Wänden, die ihn so erbarmungsvoll anschauten, packte ihn das Mitleid der Verzweif elung — das Mitleid mit sich . . . , Er setzte sich an seinen Tisch und versuchte zu lesen. Irgend was. Aber ihm war, als seien all die Schöpfungen und Gedanken ihm ein Ewig-fremdes. Artfremdes. Totes, Kaltes und seiner Seele fern. . . . Und er fing an zu grübeln. Ueber sich und sein Schicksal. Ueber Kiew — warum er eigentlich hierhergegangen. Ueber seine Bekannten, die so ganz andere Menschen waren als er. Oder war er selbst kein Mensch mehr? Vielleicht war es nur die Stadt, diese Stadt, die sein Leben zermorschte. Und wenn er so ins Grübeln kam, pflegte er den Tisch beiseite zu rücken und in seinem Zimmer auf- und abzugehen, eine Zigarette nach der andern rauchend. Und in VERONESE. Die Auffindung Moses* all dieses Sinnen kam nie die Ruhe. Es war ein wirres Phan tasieren. Zerbrochene, wirre, närrische Träume. Und doch fühlte er es deutlich, dass dieses schweifende, wesenlose Sinnen ihn nur unglücklich, wesenlos und schweifend machen könnte. Aber er hatte nicht die Kraft, den wilden Zug dieser halben Gedanken zu zügeln und zu lenken. Eine lange Weile pflegte er dann wie gejagt durch das Zimmer zu laufen, immer rauchend, die eine Hand in der Hosentasche vergraben, den Boden mit langen Schritten stampfend. Und wenn er sich dann ermattet von diesem ruhelosen Wandern ins Bett legte, starrte er tief versonnen die mitleidsvolle Wand an, ehe er die Lampe löschte. Törichte Gedanken spann er: Wie wärs wohl, wenn alle Menschen plötzlich srtüben. An einer Epidemie. Alle . . . Alle . . . Nur er allein ist leben geblieben. Ganz allein. . . . Seltsam weit und tief ist Gottes Weltall. Wilde Wälder, ragende Berge und zerklüftete Mulden und Schluchten. Und nun steht er allein in diesem grausig-grandiosen All. . . . Und bunte Phantasien woben sich um dieses Motiv. Es waT heblich. Und doch packte ihn zwischendurch die Wut, dass er an so blödem Sinnen sich berauschte. Und wenns nun ganz finster im Zimmer war, vergrub er sich immer tiefer in sich, und nur ein Wunsch blieb deutlich: Nur so schnell wie möglich diese Stadt verlassen. Und morgens in der Frühe pflegte ihn die Wirtin nach solchen Nächten immer zu sagen mit einem halb entschuldigenden, halb anklagenden Lächeln: „Sie sind ein ganz wunderlicher Geselle. Erst laufen Sie die ganze Nacht durchs Zimmer, dass der Boden zittert und kein Mensch einschlafen kann, und dann schreien Sie im Schlafe so ängstlich, als würden Sie ermordet." So lebte Chajim Wolterman durch zwei Monate, seit er wegen seiner Abreise zu grübeln begonnen. Da erhielt er einen Brief von Wilna, dass er hier sicher auch Stunden bekäme, um sich durchzusetzen. Er solle getrost herkommen. Dieser Brief machte ihm das Herz leicht. Die Idee, nach Wilna zu fahren, zog ihm wie ein frischer Windhauch durch die Seele, und er wurde fröhlich. Ihm war, als wüchse plötzlich sein zerknitteter Körper in die Höhe. Seine Stirn wurde frei; die düsteren Falten glätteten sich. Und ein Glanz war in seinen kindlich-reinen Augen. Und Frühling war draussen in Gottes Welt, der alte, liebe, junge Lenz. Der Himmel über Kiew hob sich zu einem stolzen Gewölbe. Und ein wundersames Licht umfloss die ganze Stadt; reich und zart. Und alles war von des Odems lichter Fröhlichkeit und gewinnender, funkelnder Hoffnung. Voa Baum und Sträuchern zogen süsse Düfte über die Strassen, und sie raunten: Dieses Jahr, ja dieses Jahr wollen wir Sträucher wachsen und blühen in Kraft und Schönheit. Ueber Nacht waren die Knospen gesprungen. Und junge zart - grüne Blättlein grüssten zu den Gräsern hinab, die scheu aus den schwarzen Schollen ins Blaue lachten. Und linder Frühlingshauch kam aus unbekannten Fernen und umkoste die Menschen, spielte mit den wirren Männerbärten und machte sich vergnügte Kurzweil mit den Zöpfen der kleinen Mädchen und brachte den köstlichen Duft der Wiesen und Felder den wintermüden Häusern. Die Strassen wurden voll des Volkes. Und zwischen den Menschen mit den lenzfrohen Augen waren die Mädchen in ihren hellen, grünen Tüchern wie Blumen in einem wogenden Getreidefeld. Und frohe Lust war in den Augen der Mädchen und die holde Seligkeit des Spiels. Aus einem geöffneten Fenster drang der Klang eines Flügels, der sich zu wundersamem Akkorde mit dem PARIS.

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