Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1909)
- Article
- Bericht des Chacham Baschi Haim Nahum über seine im Auftrag der Alliance Israélite Universelle unternommene Expedition zu den Falaschas
- Date
- 1909-05-01
- Page
- Seite 331 - 332 (sequence 11)
- Language
- German
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331 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Bericht über die Falascha-Expedition. 332 Staude zugefügt hat, verschliesst man die Gefässe luftdicht und stellt sie drei Tage lang in die Sonne. Dieses zitronengelbe Getränk ist angenehm, aber vermöge seines durch, die Gärung gehäuften Alkoholgehalts sehr berauschend. Es ist gesuchter als das Talla, besonders wenn es sorgfältig zubereitet ist. Das Talla ist weniger spritreich und dennoch weniger angenehm. Es wird aus gegorenen Krusten von Dura-Brot hergestellt. Es sieht nicht schön aus, weil es nicht geklärt ist. — Das Bosa ist eine Art Brei und gewöhnlicher als die anderen Getränke. Es wird aus gerösteter Gerste gebraut und behält deshalb immer den Geschmack nach Angebranntem. — Man nimmt diese Getränke zu allen Tageszeiten und in grossen Mengen zu sich. Bei den Falaschas wie bei den Abessiniern sind es die Frauen, die die hauswirtschaftlichen Geschäfte besorgen; was sie nicht hindert, dem Mann bei der Ausübung seines Handwerks beizustehen. Die Nahrungsweise der Falaschas (sie essen kein brondo, d. i. rohes Fleisch), die Sauberkeit, die Reinheit der Sitten, die Monogamie und ganz besonders die hygienischen Vorschriften, die sie beobachten, machen die Falaschas zu einem gesunden und starken Menschenschlag, frei von vielen Krankheiten, die unter den Abessiniern Opfer fordern. Schlussfolgerung. Die Skizze, die ich soeben entworfen habe, lässt die Ergebnisse unserer Reise zu den Falaschas erkennen. Ich hoffe, dass ich später eine genauere Studie dem Problem des Ursprungs der Falaschas und ihrer Geschichte, unter Einbeziehung der Ethnographie der Völker, unter denen die Falaschas leben, werde schreiben können. Für den Augenblick muss es mir genügen, in grossen Linien die Schlussfolgerungen zu bezeichnen, die ich aus meinen Ermittelungen gezogen habe: Die Falaschas müssen zum Mosaismus durch eine judaisierende Gruppe bekehrt worden sein, die im zweiten oder dritten Jahrhundert vor der christlichen Ära, wahrscheinlich zur Zeit des Ptolemäus fuergetes, nach der Gründung des axumitischen Reiches durch diesen, aus Ägypten gekommen sind. Die Eingewanderten mögen, wie alle griechischen Expeditionen, dem Lauf des Atbara-Flusses (des Astaboras der Griechen) gefolgt sein und sich im Westen des Taccase niedergelassen haben, ohne diesen zu überschreiten. Denn die Falaschas wohnen fast ausnahmslos diesseits des Taccase, d. i. im Westen von Abessinien. Vielleicht haben die Falaschas dieses Distrikts und namentlich die von Atchefar den Beinamen K a i 1 a s , was in dem Dialekt der Provinz Queara die Bedeutung hat „überschreite nicht". Diese Gruppe von Einwanderern mag zunächst eine völkische, nicht eine religiöse Gruppe gewesen sein, da die Falaschas heute noch die, die zum Christentum übertieten, „Amharas" und fast niemals Christen nennen. Was die Hypothese des griechischen Ursprungs der Falaschas bestätigt, ist die Reihenfolge ihrer biblischen Bücher, die von ihnen angenommene Schreibweise der Eigennamen, die Aufnahme der apokryphischen Bücher, das asketische Leben und die strengen Sitten ihrer Priester usw. Nach den von d'Abbadie gelieferten Nachrichten (Revue de 1'Orient 1840 S. 232) beanspruchten übrigens die Falaschas früher, dass die griechisch geschriebenen Gebete müsse lesen können, wer als Gelehrter gelten wollte. Bei der Niederlassung in Äthiopien mag jene kleine Einwanderergruppe wohlvorbereiteten Boden gefunden haben, um die Eingeborenen zur Annahme der mosaischen Grundsätze zu bestimmen. Namentlich die Beschneidunc muss bei den Äthiopiern seit entfernten Zeiten Brauch gewesei sein und ihr unterscheidendes Merkmal gebildet haben ein Merkmal, von dem sie trotz der Einführung des Christen tums im 4. Jahrhundert nicht gelassen haben. Die sich ver grössernde Gruppe mag kriegerische Stämme gebildet habei: die im Simen ein unabhängiges Reich schufen. Mehren Jahrhunderte hindurch gab es fortgesetzte Kämpfe gegen unzählige und mächtige Feinde, und dieses kriegerische Lebei hat wohl den Glaubenseifer gestärkt, der allen Angriffe! widerstand. Doch mit der Zeit, namentlich seit den zahi reichen Kriegen des 16. Jahrhunderts zwischen Moslems un< Christen, mögen Verfolgungen. Zwangsbekehrungen und Epi demien die Zahl der Falaschas sehr verringert haben, s dass heute nicht mehr als 6000 bis 7000 Seelen übrig sine;. Gabru-Kautiba schätzt sie auf 10 000. Der vor etwa 12 Jahre; nach Abessinien entsandte Direktor der vizeköniglichen Bibli< thek (Kitab-ul-hussan fe tarik ul hubchan S. 25) schätzt sie auf die gleiche Zahl. Geographisch kann man sie in vier Gruppen sondern die aus der Umgegend des Tanasees, die von Lasta, die von Simen und die von Chire, diesseits von Taccase. Diese vi*-; Gruppen sind vier bis sechs Tagereisen, d. i. 88 bis 132 Kilometer, von einander getrennt. Die einzelnen Gruppen ode Dorf Schäften sind durchaus nicht zahlreich, je 5 bis 10, auci. 15 Familien stark. Das bevölkertste Dorf, das in seiner Ar; einzig ist, Addi-Choa (Chire) zählt 30 Familien. Das wirksamste Mittel, die Reste dieser Bevölkerung zu retten, deren Vergangenheit, so wenig bekannt sie ist, unsc •; Interesse und unsere Bewunderung erregt, scheint mir darin zu bestehen, dass man ihnen allmählich zwei Auswanderung* möglichkeiten eröffnet: die eine nach Norden, in die italienisch" Erythrea-Kolonie, für die von Chire; die andere südwärt.- nach Addis-Abeba, der Hauptstadt von Äthiopien, für dir des eigentlichen Amhara. Dort, in den grossen landwiri schaftüchen, industriellen und kommerziellen Zentren, inmitten einer europäischen Bevölkerung, genössen sie zunäcb erhöhte Sicherheit, könnten sie frei ihrem Kultus nachgehr und zu einer Besserung ihrer materiellen und wirtschaftliche Lage gelangen. Nicht einen Augenblick dürfte man daran denke irgendein Schulwerk in Abessinien oder selbst in Erythro zu schaffen. Die völlige Zerstreuung der Falaschas würde da unausführbar machen. Wollte man selbst die Ausführbarke i des Projektes zugeben, so würde es doch wertvolle praktisch Ergebnisse nicht haben können. Höchstens könnte man ein* Kategorie von Deklassierten schaffen. Wiegen wir uns nich in gefährlichen Illusionen: Wir haben mit einer Bevölkerung zu tun, deren intellektuelle Fähigkeiten im allgemeinen seit1 wenig entwickelt sind, und deren soziale und wirtschaftlich Bedingungen wir nicht ohne Gefahr für sie selbst zu plötzlicl ändern können. Man kann und darf eine Besserung nur versuchen im Sinne der natürlichen Tendenz ihrer Jahr hunderte alten Vergangenheit. Verführe man anders, so liefe man Gefahr, das geistige Gleichgewicht der Falascharasse zu stören, und das Ergebnis wäre tief beklagenswert. Versuche einer anderen und unmittelbar praktischer. Art könnten vielleicht unternommen werden: der Abstand, der die Falaschagebiete von Erythrea trennt, ist nicht sehr gross, zwischen 5 und 15 Tagereisen. Durch Vermittlung eines unserer Glaubensgenossen in Asmara könnte man alljährlich in Asmara eine gewisse Zahl junger Leute unter-