Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1909)
- Article
- Bericht des Chacham Baschi Haim Nahum über seine im Auftrag der Alliance Israélite Universelle unternommene Expedition zu den Falaschas
- Date
- 1909-05-01
- Page
- Seite 333 - 334 (sequence 12)
- Language
- German
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m Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Bericht über die Falascha-Expedition. 334! ringen, die man in einem Handwerk unterwiese. Haben;;.e Falaschas für gewisse besonders geschätzte und lohnende fandwerke eine Art Monopol. Der Bau der Eisenbahn zwischen der Somaliküste und . ddis-Abeba und der Zustrom von Europäern nach dieser Hadt machen dort die Ausübung dieser Handwerke un- > itbehrlicher als irgendwo sonst. Die Handarbeit, selbst die u öbste, wird gegenwärtig sehr gut bezahlt. Falaschas, die sich < em Schmiede-, Weber-, Maurer-, Schuhmacher-, Schneider- < 4er Uhrmacherhandwerk widmeten, würden sicheren Erverb haben, könnten ihre Verwandten nach sich ziehen, < e in völliger Vereinzelung versumpfen, und so allmählich tue wichtige Gruppe von Arbeitern bilden. Der Landbau gewinnt in Erythrea beträchtliche Ausdehnung. Die Anpflanzung von Olivenbäumen und die i aumwollkultur sind dort besonders verbreitet. Die Fa- Lschas würden grosses Interesse haben, zu lernen, wie man <- n Olivenbaum pfropft und kultiviert, den man in Mengen; if den Bergen in förmlichen kleinen Wäldern trifft. Was fiie Baumwolle betrifft, so haben die Italiener in den Ebenen von Setit während der letzten Jahre Versuche gemacht, <!ie wunderbare Resultate gehabt haben. Man glaubt, dass Erythrea einmal dahin gelangen wird, mit Ägypten zu konkurrieren. Meine Vorschläge sind vielleicht ausser Verhältnis zu dem Interesse, das die jüdische Öffentlichkeit heute den Falaschas bezeigt, und namentlich zu der Agitation, die man in gewissen Kreisen zu ihren Gunsten hervorgerufen hat. Aber man übersehe nicht zwei wesentliche Punkte: 1. Die Falaschas sind kaum 6000 bis 7000 Seelen, in Gruppen von 5 bis 10 Familien über ein beträchtliches Gebiet verteilt. Es ist daher schwierig, wenn nicht unmöglich, sie alle zu kennen und sie so zu vereinigen, dass man wirksam auf sie Einfluss nehmen könnte. 2. Wir haben mit einer Bevölkerung von sehr einfacher Verstandesentwicklung zu tun, auf die wir die Erziehungsmethoden nicht anwenden können, die die Alliance in Marokko oder in der Türkei angewendet hat. Es ist unerlässlich, mit grosser Klugheit vorzugehen, wenn wir die Falaschas moralisch und intellektuell uns näher bringen wollen. Ich glaube, dass bei dem politischen Zustand Äthiopiens und in sorgsamer Abwägung der materiellen und ökonomischen Bedingungen des Landes ich Ihnen mit gutem Gewissen keine anderen Vorschläge machen kann. DER ZEHNTE JAHRESTAG DES Am 1. April 1909 waren zehn Jahre vergangen, "itdem eine tiefbewegte Versammlung die Baronin;iirsch zur letzten Ruhestätte geleitete. Die Alliance hat diesen schmerzlichen Gedenktag nicht vorüber- :vhen lassen wollen, ohne in Erinnerung zu rufen, as die Judenheit und namentlich die Schulen der Mliance der Freigebigkeit und Güte dieser grossen Wohltäterin zu danken haben. Das Central - Comite at angeordnet, dass die Direktoren in allen Schulen nd womöglich in den Synagogen eine Gedächtnisier veranstalteten, in der das Leben einer der odeutendsten Frauen unserer Zeit entrollt werden ollte, dieses Leben voller Entsagung und Grossmut, as ganz und gar Werken der Wohlfahrt gewidmet ar. Das Central - Comite richtete deshalb an alle Vllianceschulen folgendes Rundschreiben: Paris, den 8. Februar 1909. Der Name der Baronin Hirsch wird überall in unseren Schulanstalten verehrt. Am kommenden 31. Marz werden es zehn Jahre, dass unsere unvergessliche Wohltäterin gestorben ist. Es ist für uns eine fromme Pflicht, diesen Tag durch eine Kundgebung dankbarer Pietät auszuzeichnen. Der Freigebigkeit der Baronin Hirsch dankt es die Alliance zu einem grossen Teil, dass sie in den letztvergangenen Jahren ihrem Werk stattliche Ausdehnung hat geben können. Ihr allein ist die köstliche Einrichtung zuzuschreiben, dass unsere armen Kinder auch leibliche Nahrung erhalten. Es ziemt sich, die Erinnerung an die grossherzige Trau wachzurufen, die von so rührender Güte war, und zu dieser Huldigung die Gemeinden heranzuziehen, die an den Gaben aus der immer offenen Hand der Verewigten teilhaben. Wir legen besonderen Wert darauf, dass Sie an dem genannten Tage die Schulen versammeln, ihnen von dem Leben der Baronin Hirsch erzählen, von dengrossen An- TODES DER BARONIN HIRSCH. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. stalten, die sie und ihr betrauerter Gemahl geschaffen und erhalten haben, und dass Sie den Kindern zu Gemüt führen, was unser Werk der Grossmut jenes Ehepaares verdankt. Statten Sie die Mahlzeiten an dem Gedenktag reichlicher aus, damit die Armen, denen ihr Herz mit so unablässiger Sorge zugewandt war, noch in besonderer Weise an der Huldigung ihres Gedächtnisses teilnehmen. An dieses Rundschreiben schloss^sich eine kurze Lebensbeschreibung der Baronin Hirsch. Wir teilen daraus nachstehenden Abschnitt mit: . . . Als Baron Hirsch im Jahre 1896 plötzlich starb, war das ein Trauerfall für die Judenheit; aber die Witwe wurde die würdige Nachfolgerin. Noch mehr als er widmete sie ihr ganzes Herz der Wohltätigkeit. Durch ihre Güte, die kein Ende kannte, durch ihre hebenswürdige Grossmut wurde sie die personifizierte Menschenliebe im schönsten und edelsten Wortsinne. Mehrere Jahre lang kannte Frau v. Hirsch keine andere Freude, als Glückliche zu machen; sie verzieh es nicht, wenn man Bedrückte auf erbetene Erleichterung warten Hess; sie wollte, dass die Hilfe schnell und vollständig sei. Nur wer an ihren Werken teilgenommen hat, weiss, wie grossartig sie zu geben verstand, welche tiefe Genugtuung sie empfand, wenn sie Unglücklichen helfen, ein Lächeln auf das betrübte Antlitz zurückführen, in ermüdeten Herzen neue Hoffnung erwecken konnte! Es genügte, ihr einen Tag aus dem Leben der Tausende von Kindern zu schildern, die die Allianceschulen besuchen, und denen eine Mittagsmahlzeit so wohltuen würde, und sie sagte, ohne nach den Kosten auch nur zu fragen: Machen Sie es schnell und gut. Ihr Tod am 31. März 1899 enthüllte die Grösse des Verlustes, den die Unglücklichen erlitten. Erst jetzt erfuhr man von der Ausdehnung ihrer Wohltätigkeit, von der Schönheit ihres entsagungsreichen Lebens. Ihr Testament ist das Bild ihres Lebens: Sie vergisst darin keine der Anstalten, an denen sie Anteil genommen hat. Die Wohltätigkeitsinstitutionen von Paris, London, Wien, Newyork und namentlich die Alliance haben bedeutende Legate erhalten, die eine Ausdehnung ihres Tätigkeitsgebiets gestatteten.