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Ost und West · 1909-05-01 · Heft 5 (Mai 1909) · p. Seite 329 - 330

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 5 (Mai 1909)
Article
Bericht des Chacham Baschi Haim Nahum über seine im Auftrag der Alliance Israélite Universelle unternommene Expedition zu den Falaschas
Date
1909-05-01
Page
Seite 329 - 330 (sequence 10)
Language
German
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m Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Bericht über die Falascha-Expedition. 330 •iere odei andeies Vieh, das das Vermögen der Familie ausmacht. Die Weber. — Zur Seite der Hütte, die ihnen als vVohnung dient, errichten die Falascha-Weber einen ganz 'deinen Verschlag, in dessen Mitte sie eine Vertiefung von einem Meter Tiefe graben. Dort steilen sie den Webstuhl auf, den sie mit dem Fuss in Bewegung setzen. Aus dem Gewebe, das sie erzeugen, werden Tücher, Hemden, Unterbeinkleider emacht. Sie brauchen drei Tage, um ein Gewebe von drei Meter Länge und 90 Zentimeter Breite anzufertigen. Solches Vebstück wird um drei Taler (sechs Mark) verkauft. Die Xaggadis führen Baumwolle von Natemma (an der sudane- - sch-abessinischen Grenze) ein, die sechs Tagereisen von den Vohnstätten der Falaschas entfernt. Der Rohstoff für ein Webstück wird von den Falaschas mit einem Taler bezahlt,; o dass ihnen für dreitägige Arbeit ein Lohn von zwei Talern nder vier Mark bleibt. Die falaschischen Weber bringen ihre Ware nicht auf den Markt der grossen Städte; die Kaufleute kommen zu ihnen, um das Gewebe abzunehmen. Die Schmiede. — [Das Handwerkszeug der Wxlascha-Schmiede ist ungemein primitiv. Sie arbeiten bei :iren Hütten unter freiem Himmel. Vermittels eines aus wei Schläuchen bestehenden, an einem Ende mit Eisen beschlagenen Blasebalgs erhitzen sie auf einem Holzfeuer die Gegenstände, die sie bearbeiten wollen, und hämmern sie lann auf einer Art steinernem, sehr originellem Amboss. Vir haben sie in Amba-Gualid besucht. Sie verfertigen hauptiichlich Lanzen, Pflugschare, Messer. Die Abessinier bringen Unen das Eisen zur Bearbeitung und akkordieren mit ihnen <ien Preis. Die Tagesarbeit bringt ihnen durchschnittlich i Mark bis 1,20 Mark. Andere Berufe. — Die Maurer und Zimmerleute werden meist zum Bau von Kirchen oder Aderaches verwendet. Wir bedauern, dass wir sie nicht bei der Arbeit geehen haben. Nach unseren Ermittelungen verdienen sie Mark bis 1,20 Mark täglich. Ihr Beruf bringt sie in häufige Berührung mit den christlichen Abessiniern. Sie sind deshalb ach mehr als ihre Glaubensgenossen in Versuchung, die eligiösen Vorschriften zu übertreten. Es kommt deshalb läufig vor, dass die falaschischen Maurer und Zimmerleute, die :>ei ihrem Ras oder bei den Dedschadsch mit Arbeiten beaufragt sind, übertreten. Andere Handwerke, wie Töpferei und Korbmacherei, ind besonders den falaschischen Frauen vorbehalten. Sie eigen dabei viel Geschmack; ihre Arbeiten sind wegen der Feinheit der Ausführung sehr geschätzt. Wie ich schon gesagt habe, ist der Landbau unter den ^alaschas sehr wenig verbreitet. Sie besitzen übrigens kein Land mehr, und dienen, wenn sie sich mit Landarbeit befhäftigen, nur als Ackerknechte oder Pächter abessinischer ^andleute. (Ich habe oben von den Falaschas gesprochen, ,!ae bei Axum wohnen und während der Regenzeit, der toten Saison für Arbeiter, Kaufleute und Industrielle, nach Akabsat Chire) gehen, um dort Landarbeit zu verrichten). Der tägliche Unterhalt einer aus Vater, Mutter und drei Kindern bestehenden Familie kostet, wie ich weiter unten darlegen werde, nur 28 bis 32 Pfennige. Die wirtschaftliche Lage der Falaschas ist daher vergleichsweise gut. In mehreren Dörfern haben wir Falascha-Familien gesehen, die Sklaven besassen. Ein Sklave kostet im Durchschnitt 150 Taler (300 Mark). Das ist in einem Lande, in dem das Geld selten ist, ein Reichtum. Dass es keine Bettler gibt, beweist übrigens mehr als jedes andere Argument den befriedigenden Zustand ihrer wirtschaftlichen Lage. Die Wohnhäuser. — Jedes Dorf besteht aus einigen Gruppen von Wohnhäusern oder Hütten. Die Falaschas bilden eine dieser Gruppen, deren Stärke zwischen 5 und 30 Familien variiert. Jede Familie besitzt eine Hütte, manchmal zwei, dicht bei einer kleinen Gosse oder einem einfachen Graben, für deren Füllung der Regen sorgt. Hinsichtlich der Bauausführung haben die Abessinier seit einigen Jahrhunderten keine Fortschritte gemacht. Die Ruinen, denen wir begegnet sind, beweisen, dass früher die Hütten aus Steinen oder aus Ton hergerichtet waren. Die Höhe der Mauern übersteigt fast nie 1% Meier, so dass man sich immer bücken muss, wenn man in eine Hütte eintritt. Fenster gibt es nicht in diesen armseligen Schlupflöchern. Es ist begreiflich, dass die Abessinier nicht an ihren Wohnstätten hängen und sie leicht aufgeben. Man sieht oft ganze Gruppen fortziehen, um sich in anderen Gegenden niederzulassen, sei es nach einer Epidemie, sei es nach einem Brand oder gesundheitlichen Unzuträglichkeiten. In diesen Löchern lebt man, isstman, schläft man. Das ganze Mobiliar ist übereinfach. Es besteht aus einem Bett (angareb), kleinen Fussbänken, einigen Matten aus Fell, einigen Töpfen, Krügen, einigen Flechtkörben und Trinkbechern usw. In der Mitte der Hütte ist eine Vertiefung, in der unausgesetzt Holzfeuer brennt, das zum Kochen, zur Heizung und zur Erleuchtung dient. Der Rauch, der sich in dem abzuglosen Raum zusammenballt, erzeugt häufige Augenleiden bei den Falaschas wie bei den Abessiniern überhaupt. Ausserhalb der Hütten findet sich ein ausgehöhlter Baumstumpf mit zwei grossen Steinen. Das ist die Mühle, in der die Frauen die Taf-, Duro-, Dogussa- und sonstige Getreidekörner zerreiben, um das Kitta- oder Judschera-Brot herzustellen. Nahrung. — Die Kittas ähneln genau den Uggot Mazzot, von denen die Bibel spricht. Man zerstampft das Getreide, man verrührt es in Wasser, bis es eine Art Kleister ^wird. Man schüttet es dann auf eine eiserne Scheibe, die über einem Holzfeuer ruht, breitet es mit der Hand aus, wendet es, und — die Kittas sind fertig. Das Backen eines solchen Brotes dauert etwa 2—3 Minuten. Frisch schmecken sie vortrefflich. Wir haben unterwegs davon gegessen, wenn unsere Biskuitvorräte erschöpft waren. Das Judschera ist gegorene Kitta und hat immer einen säuerlichen Geschmack. Die bei den Falaschas üblichen Gerichte sind das Chiro oder Ragout für die aussergewöhnlichen Tage, an denen sie Fleisch essen, und das Wog, eine Art dicken Breis, für die anderen Tage. Das Chiro ist eine in Butter gekochte Fleischschnitte mit einer aus Mehl hergestellten Sauce. Wie alle Abessinier legen die Falaschas zuerst mehrere Kittas oder Judscheras auf den Boden eines sehr dicht geflochtenen Korbes und tun dann den Chiro darüber. Das Wog ist eine aus Bohnenmehl und Öl oder Butter und Berberi bereitete Speise. Die Falaschas tunken die Kittas hinein. Das bildet ihre ganze Alltagsnahrung. Sie halten täglich zwei Mahlzeiten, morgens und abends. Ihre Getränke sind Birs, Tadsch, Talla und — selten — Bosa. Birs ist einfach in Wasser aufgelöster Honig. Dieses Getränk ist sehr angenehm und erfrischend. — Tadsch ist gegorenes Birs: auf einen Liter Honig fünf Liter Wasser. Man tut diese Mischung in Gombos, d. i. riesige irdene Vasen. Nachdem man einige Blattstücke einer Gecho genannten

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