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Ost und West · 1909-05-01 · Heft 5 (Mai 1909) · p. Seite 325 - 326

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 5 (Mai 1909)
Article
Bericht des Chacham Baschi Haim Nahum über seine im Auftrag der Alliance Israélite Universelle unternommene Expedition zu den Falaschas
Date
1909-05-01
Page
Seite 325 - 326 (sequence 8)
Language
German
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325 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Bericht über die Falascha-Expedition. 326 fünfzig' Blättchen bilden. Ich habe ein Exemplar mitgebracht. — Bemerkenswert ist, dass auch die Abessinier nicht aufhören, die Heilige Stadt zu preisen. Der Ras Guxa sagte uns im Verlauf eines Gesprächs: „Ich erwarte mit grösster Ungeduld die Fertigstellung der Eisenbahn von Addis-Abeba nach Dera-Daua, um mich nach Jerusalem begeben zu können, der Heiligen Stadt unserer Vorfahren." — Ganz gewiss haben alle Gebete wiederholte Umgestaltung erfahren. Daher die mannigfachen Textvarianten. In Übereinstimmung mit den Traditionen der Abessinier wenden sich die Falaschas beim Gebet nach Nordost, in der Richtung von Jerusalem. Sie beten mit entblösstem Haupt. Feste und Fasten. — Der Sabbat wird streng gehalten. Auch die Abessinier enthalten sich meist der Arbeit am Sabbat, vor dem sie wahren Respekt haben. Die Falaschas feiern auch am Freitag, dem Rüsttag zum Sabbat. Nachmittags waschen sie sich sorgfältig den Körper und legen saubere Kleider an. Wie die Karäer, die die biblischen Vorschriften buchstäblich nehmen, bleiben sie Freitag abend im Dunklen, verlassen sie am Sabbat ihre Wohnungen nur, um in den Mesgid zu gehen, wo sie den ganzen Tag im Gebet bleiben. (Die buchstäbliche Beobachtung der Sabbatgesetze und die völlige Unkenntnis des mündlich überlieferten Gesetzes bei den Falaschas haben unsere Kasuisten zu der Annahme geführt, dass die Fa- •aschas Karäer seien. Vergl. Radbag, Consultations, vol. IV, 219.) — Im Mesgid liest der Kahen in der Gessprache gewisse Abschnitte aus der Bibel vor und übersetzt sie, wie weiland die Metargumim, in die landläufige Amarinaprache, wobei er einige aus der Überlieferung geschöpfte i'Omiletische Betrachtungen anknüpft. Ausser dem Sabbat beobachten die Falaschas fünf biblische Feiertage, nämlich: a) Fassika (Passah), sieben Tage lang, während deren ie K i 11 a essen, dessen Bereitung recht einfach ist. Es ist ungesäuertes Brot, das die Händler in der Regel selbst herstellen, wenn sie unterwegs sind und kein Jedschera Kaufen können. b) M a i r e r (Pfingsten), eintägig. c) T a s c a r (dem Kopf Haschana entsprechend), einägig, zur Erinnerung an Abraham. . d) Asterio oder Segdet (Jörn Kippur). Nach <ier Falaschischen Tradition ist an diesem denkwürdigen rage Gott dem Erzvater Jacob erschienen. e) Babe Mazelet (Sukkot). Dieses Fest dauert eben Tage, man weiss aber nichts von einer Laubhütte. Die Falaschas haben auch Halbfeiertage, die sich auf •'lie Tradition oder auf die Apokryphen stützen, z. B. feiern ie im Monat Tahsas (Dezember) kein Fest, das sie Seberabu >'abat nennen. Die historischen Feste Chanukka und Purim ind ihnen unbekannt. Dagegen beobachten sie sehr streng das Fasten Amatsu •17. Ab), zur Erinnerung an die Zerstörung Jerusalems und *es Tempels durch Nebuchadnezar. Ausserdem haben sie *en Brauch, vom 9. bis zum 12. Januar zu fasten. (Dass ie am 17. Ab statt am 9. fasten, ist sicher nur ein Irrtum.) Religiöse Übungen. — Die wichtigste unter den religiösen Vorschriften, die die Nachkommen Abrahams kennzeichnen, die Beschneidung, wird von den Falaschas ^eübt. Auch die Abessinier tun es. Die Beschneidung wird am 8. Lebenstage eines Kindes vorgenommen, nur, wie bei den Karäern, nicht am Sabbat. Die Falaschas haben keine besonderen Mohelim. Jeder weiss die Zirkumzision zu vollziehen, und meist ist es der Vater, der das Kind beschneidet. Ein kleines Messer mit halbmondförmiger Klinge dient als Instrument. Man beschneidet auch die Mädchen; aber, nach abessinischem Brauch, erst am Ende der zweiten Woche. Die Operation wird von Frauen vorgenommen. Der männliche Erstgeborene wird dem Kahen dargebracht, der ihn dem priesterlichen Dienst weiht. Die Erstlinge vom Vieh werden im Alter von einem Jahr dem Priester gegeben. Andere äussere jüdische Übungen kennen die Falaschas nicht. Sie wissen nichts von Gebetriemen noch von Schaufäden, nichts vom Talit und nichts von der Mesusa. Aber nach dem Beispiel der christlichen Abessinier, die an einem um den Hals geschlungenen blauen Band (Mateb) ein Kreuz, einen Ring und mehrere Amulette tragen, und nach dem Beispiel der muselmanischen Abessinier, die eine Art Rosenkranz halten, haben manche Falaschas um den Hals eine Art weissen Bandes mit mehreren Amuletten, die sie unterschiedslos bei den Falaschapriestern oder bei den Amharas kaufen. Religiöse H y g i e n e. — Die von den Falaschas am genauesten beobachtete biblische Vorschrift ist die, die sich auf die Reinheit der Frau bezieht. Die Nidda bleibt sieben Tage lang vollständig isoliert. Tatsächlich findet sich in jedem Falaschadorf eine kleine, von den übrigen Wohnungen getrennte Hütte, wo die Nidda während der ganzen Niddazeit eingeschlossen bleibt und sich besonderer Küchengeräte bedient. Am achten Tage muss sie ihre Kleider waschen und sich im Fluss baden. Nach der Niederkunft bleiben die Frauen in der nämlichen Hütte isoliert, 80 Tage lang, wenn ihr Kind ein Mädchen, 40 Tage lang, wenn es ein Knabe ist. Danach bringt man Gott eine Ziege zum Opfer. Während ein Priester diese schlachtet, verrichtet ein anderer die üblichen Gebete. Die Falaschas von Chenker haben uns versichert, dass. man früher eine kleine rote Kuh zum Brandopfer brachte, deren Asche man in Reinigungswasser warf. Der Tod. — Die Falaschas haben bei Todesfällen ganz besondere Bräuche. Gleich den Abessiniern lassen sie sich zum Zeichen der Trauer das Haar rasieren, Klageweiber kommen acht Tage lang zu bestimmten Stunden, um im Chor Elegien zu singen. Was sie von ihren Mitbürgern christlichen Glaubens unterscheidet, ist das Opfer. Nach dem Todesfall treten vier Personen in die Hütte, waschen den Leichnam, hüllen ihn in ein neues Leichentuch und tragen ihn zum Friedhof, der nahe beim Dorf ist. Man schaufelt das Grab etwa anderthalb Meter tief. Die Verwandten trauern sieben Tage, dann nehmen sie neue Waschungen vor und bringen ein Opfer. Speisegesetze. — Die Falaschas haben eine Art Schechita, aber die Bedika ist ihnen gänzlich unbekannt. Wer eine Frau geheiratet hat, kann die Funktionen eines Opferpriesters ausüben. Das Opfermesser ist spitz und zweischneidig. Merkwürdigerweise kennen die Falaschas die Tradition, dass bei dem Schächtschnitt ein Hin- und Herziehen stattfinden muss. Der Opferpriester spricht zunächst den gewöhnlichen Segen: „Yetebarak egsiabiher emlak Israel", dann schlachtet er das Tier und bedeckt sein Blut mit Erde. Die Falaschas essen, wie alle Abessinier, weder Schwein noch Wild. (Die Abessinier gestatten den Genuss von Wüdfleisch, wenn das Tier unmittelbar vor

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