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Ost und West · 1909-05-01 · Heft 5 (Mai 1909) · p. Seite 323 - 324

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 5 (Mai 1909)
Article
Bericht des Chacham Baschi Haim Nahum über seine im Auftrag der Alliance Israélite Universelle unternommene Expedition zu den Falaschas
Date
1909-05-01
Page
Seite 323 - 324 (sequence 7)
Language
German
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323 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Bericht über die Falascha-Expedition. 324 Die Bibel oder „Kürit" ist auf grossen, zweispaltigen Pergamentblättem geschrieben. Die von den Kahen (Priestern) in dem Mesgid (Tempel) gebrauchten Exemplare unterscheiden sich von den in profanem Gebrauch befindlichen dadurch, dass sie am Rand Anmerkungen in Form einer Massora tragen, die als Erläuterungen für gewisse schwierige Worte dienen. Der Pentateuch macht gewöhnlich einen Band aus, die Psalmen einen zweiten; die Propheten und Hagiographen sind mit einigen apokryphen Büchern, namentlich Ben Sirach, vereinigt. Die Priester haben die grösste Verehrung für das Buch Henoch. Auf der ersten Seite dieses Buches, das wir bei den Priestern von Guraba erblickten, sah man auf dem nämlichen Blatt die Bildnisse von Mose und Aaron in dem blauen und roten Gewand der byzantinischen Priester, Mose mit dem traditionellen Stab, Aaron mit dem Weihrauchkessel in der Hand. Die äthiopische Übersetzung dieser Bibel ist gleich der der abessinischen Kirche sicher auf Grund des griechischen Textes hergestellt worden. Als Beweise führe ich nur die Benennung der verschiedenen Bücher an, ihre Reihenfolge, und die Umschreibung gewisser hebräischer Eigennamen. Die Falaschas nennen die Bibel ,,Kerit". Das ist „Berit Bund oder Testament, ein von Paulus in der Epistel an die Hebräer (VIII, 18) und in der zweiten Epistel an die Korinther (III, 14) gebrauchter Ausdruck. Die Bücher der Falaschabibel sind die kanonischen, dazu die apokryphen, die nur in griechischen Übersetzungen vorhanden sind. Sie sind in derselben Folge geordnet, wie die Übersetzung der Septuaginta. Die Bücher der Bibel, die uns von den Priestern in Guraba vorgelegt worden ist, waren folgendermassen geordnet: Jjob, Könige (deren es vier Bücher gibt, zwei den Büchern Samuels entsprechend), Richter, Sprüche, Jesaia, Jeremia, Ezechiel, Daniel, Hosea, Jona, Haggai, Joel, Nahum, Habakuk, Zephania, Zacharia, Micha, Esra, Ben Sirach. Die Umschreibung der Namen ist gleichfalls griechisch. Religiöse Schriften. — Wir haben in den Händen der Falaschas nur einige Bücher gesehen, wie die bereits von Herrn Halevy veröffentlichten „Gebote des Sabbats", eine Sammlung der biblischen Vorschriften über die Feste und über die Reinheitsgebote, gewisse Traktate über das Leben Abrahams (Galla Abraham), Isaaks und Jacobs und die Gebetbücher. Alle diese Bücher werden von den Kahen (Priestern) im Mesgid sorgfältig aufbewahrt. Die Priester. — Die Kahen oder Priester tragen dieselbe Kleidung wie die Profanen, das ist eine Unterhose und ein bis zu den Knien fallendes Hemd, darüber eine weisse, rotgeränderte Toga oder S c h a u m a. Aber während die Profanen immer barhäuptig gehen, tragen die Priester eine zylinderförmige, weisse Kopfbedeckung, die oben breiter ist als unten. Sie führen ein asketisches Leben und bleiben unvermählt. Die von einem der Priester zubereiteten Mahlzeiten werden gemeinschaftlich eingenommen. Die Priester wohnen gemeinsam in kleinen Hütten, die um das Mesgid herum gebaut und von den übrigen Behausungen durch einen ungefähr 70 Zentimeter hohen hölzernen Wall getrennt sind. Was uns bei den Priestern von Guraba am meisten aufgefallen ist, war ihre ganz schwarze Hautfarbe und ihr beinahe sudanesischer Typus. Sie sind insgesamt bartlos. Die Abessinier behaupten, dass alle Kahen Eunuchen sind und dass die von ihren Vätern für den Priesterstand bestimmten Kinder schon im zartesten Alter operiert werden. (Bericht des Erzbischofs Isaac an den armenischen Patriarchen in Jerusalem im Jahre 1868, p. 42.) D'Abbadie (Revue de l'Orient, 1845, S. 225) berichtet, dass nach den ihm von einem Priester zugestellten Mitteilungen die Kahen gewisse Wurzeln essen, die ihre Männlichkeit zerstören. Man kann sich nicht anders erklären, dass sie in einem so heissen Lande dem Zölibat standzuhalten vermögen. Sie haben einen Abscheu vor den Frauen. Eine von Frauen bereitete Speise möchten sie nicht gemessen. Wenn eine weibliche Hand ihnen etwas gereicht hat, nehmen sie alsbald Waschungen vor. Die Priester von Abba - Yares (Simen), die wir nicht gesehen haben, sind, wie uns erzählt worden ist, von noch strengeren Sitten: sie nehmen Waschungen schon vor, wenn sie einen verheirateten Falascha berührt haben. (Zeugnis des Balambaras Sarafo aus Simen. gegenwärtig im Dienst Dedschadsch Machachas, Vetters der Kaiserin und Gouverneur von Simen und Ualkait. Wir sind in Dabarak seine Gäste gewesen.) Neben ihren religiösen Funktionen schreiben die Priester Amulette, widmen sich ein wenig der Thaumaturgie, wie die Essäer^von einst., und weihen manchmal ihre Müsse einem kleinen Winkelchen Erde, von dessen Ertrag sie leben.; Ihr wirkliches Leben aber gehört dem Mesgid. Der Tempel. — Der Mesgid ist, wie die übrigen Bauten, eine runde Hütte von vier Meter Durchmesser. Die Mauern sind zuweilen aus Holzpfählen hergestellt, die Zwischenräume mit Erde ausgefüllt, zuweilen aus über einander geschichteten Steinen. Das kegelförmige Dach ist mit Stroh gedeckt. Im Hintergrund des Mesgid, den. Eingang gegenüber, ist ein kleiner Tisch, auf dem die heilige?: Bücher liegen. Der Tisch ist von dem übrigen Raum durc! einen Vorhang getrennt. Dicht bei dem Mesgid ist de1 Altar, eine einfache Anhäufung von rohen Steinen, in de Mitte eine Aushöhlung, die zur Aufnahme der Opfertier bestimmt ist. Die Gebete. — Die Priester beten siebenmal tä lieh. (Auch die abessinischen Priester sprechen jeden Morg* siebenmal das Paternoster, gemäss Psalm 114, 164: „!< ■ habe dich siebenmal täglich gepriesen.") Die Zeiten sin« 1. beim Morgenrot, 2. am Vormittag, 3. am Mittag, 4. a- Nachmittag, 5. bei Sonnenuntergang, 6. vor Mitternaeh 7. beim Hahnenschrei. Die Laien beten nur zweimal morgens und abends. Ihr Gebet umfasst übrigens nur di einfachen Worte: „Wir werfen uns nieder vor unserm Got\ dem heiligen Gott, dem Schöpfer aller Wesen, gepriese sei er!" Die Sabbatgebete sind ausgedehnter. Das Aufsage beginnt am Freitag abend und wird während des ganze Sabbats fortgesetzt. Die Gläubigen stimmen im Chor die- Gebete an, die mit den Worten beginnen: „yetebaral egsiabüier, emlak Israel." Der Preis Gottes nimmt dari; den grössten Platz ein. Sie sind aus Weisen zusammengesetzt, die meist den Psalmen entlehnt sind und an di;i Danksagungen der Karäer und Muselmanen erinnern. Sie enthalten auch Redewendungen, die Liebe zu Jerusalem und Hoffnung auf seine einstige Herstellung ausdrücken - Die von Herrn Joseph Halevy veröffentlichsten Gebete sind die, die von den naziräischen Priestern von Vogara, und Simen rezitiert werden, während die heute bei allen Falaschas gebräuchlichen eine kleine Sammlung von etwa

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