Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1909)
- Article
- Bericht des Chacham Baschi Haim Nahum über seine im Auftrag der Alliance Israélite Universelle unternommene Expedition zu den Falaschas
- Date
- 1909-05-01
- Page
- Seite 321 - 322 (sequence 6)
- Language
- German
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321 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Bericht über die Falascha-Expedition. 322 dische Kolonie umfasst 15 Familien, von denen zwei aus Konstantinopel, fünf aus Smyrna und die übrigen aus Aden stammen. Die erst er en betreiben den grossen und kleinen Import- und Exporthandel, die übrigen sind Goldschmiede und Uhrmacher. Am Tage nach unserer Ankunft statteten wir dem Generalgouverneur Marquis Salvago Raggi einen Besuch ab; ich war von Herrn von Valdrome an ihn empfohlen worden und er empfing uns mit der grössten Liebenswürdigkeit. Ich habe schon Gelegenheit gehabt, Ihnen die Unterhaltung mitzuteilen, die wir mit ihm gehabt haben. Er erklärte uns rund heraus, dass es keinen Vorteil bringen könne, in Asmara, wie Herr Faitlowitsch geplant habe, eine Falaschachule zu begründen. Er sehe nicht, sagte er, von wo und mf welche Weise man die Schüler heranholen würde, aber selbst wenn man sie fände, würden diese Schüler nur zu Deklassierten gemacht. Nach dem Verlassen der Schule würden sie Anstellungen in der Verwaltung beanspruchen, und in diesem Falle würde man sie vollständig als Eingeborene und niemals als Europäer betrachten. Die Begrünlang einer solchen Schule würde ausserdem von den Eingeborenen übel aufgenommen werden und nur dazu dienen, < Jehässigkeit gegen die Falaschas zu schaffen. Die Begründung einer landwirtschaftlichen Kolonie in Asmara hält ler Gouverneur für ganz unmöglich, und zwar aus dem einigen Grunde, weil die Regierung kein Land besitzt. Alles Land der Kolonie befindet sich in Privatbesitz und könnte :uir zu sehr hohen Preisen erworben werden. Übrigens könnten, so meint der Marquis Salvago Raggi, die Falaschas ich in den verschiedenen Ortschaften der Kolonie als Handwerker oder Ackerbauer niederlassen, aber immer nur als •inzelne Individuen, und niemals in Gruppen. IL Nachdem ich mit Ihnen mein Reisetagebuch durchblättert, tinige kleine Begebenheiten unserer Forschungsreise erwähnt, die von uns besuchten Plätze aufgezählt und lie Zahl der Falaschas festgestellt habe, die wir in den verschiedenen Ortschaften aui unserei Reise angetroffen haben, lübrigt mii noch, Ihnen im tanzt n eine Übersicht über das moralische und materielle Leben der Falaschas zu übermitteln, wie sie sich nach unseren persönlichen Feststellungen;,nd nach der Auskunft ergibt, die wir aus dem Mund einer ■rossen Anzahl von ihnen direkt erhalten haben. Von den Falaschas bewohnte Gegeni e n. Aus dem Vorhergehenden ist zu ersehen, dass 'lie Falaschas in einem beschränkten Gebiet zusammenumdrängt sind. Sie scheinen mit Vorliebe solche Gegenden gewählt zu haben, deren geographische und klimatische Lage -uie wenigsten Schwierigkeiten bietet. In Abessinien gibt es zwei grosse Jahreszeiten: die 1 on November bis Juni dauernde trockene Jahreszeit und 'Ue Regenzeit, die im Juni anfängt und im Oktober aufhört. Während der auf Abessinisch „Gekernt" genannten Regenperiode wird das tätige Leben gewaltsam unterbrochen: die Flüsse treten aus, die Strassen werden unwegsam infolge der anhaltenden Regengüsse, die oft von Zyklonen usvv, begleitet sind. Abessinien teilt sich nach seiner Höhenlage in drei Zonen: die tropische mit einer Höhe von 200 bis 1200 Meter, die mittlere mit einer Höhe von 1200 bis 2500 Meter, und die obere mit einer Höhenlage von 2500 bis 4300 Meter, l^ie Falaschas bewohnen grossenteils die mittlere Zone, zu einem sehr kleinen Teil die obere. Tschadscha, das Gallagebiet, Schoa, Godscham, Begmeder und das eigentliche Tigre haben keine Falaschas. Diese beschränken sich auf das Ost- und Noidgebiet des Tanasees, auf Dembea, Sekelt, die Umgegend von Gondar, Uagare, Sienen, Schire, die von uns bereisten Landstriche. In einigen Dörfern von Lasta. hat man uns erzählt, gibt es noch Falaschas, und einige Familien im Westen deh Tanasees (Tagossa, Atschefra); Kauara, das vordem einige Falaschadöifer enthielt, ist heute völlig verlassen — infolge von Sumpffiebern, die in diesem Gebiet wüten (Zeugnis von Gabru-Katira). In der grossen Provinz Uotkaüt, die man von einer beträchtlichen Zahl Falaschas bevölkert glaubte, gibt es nicht eine einzige Familie mehr. Das geht aus den Erklärungen des Herrn de Rossi hervor, königlichen italienischen Kommissars in Addi-Ugri, aus den Aussagen Bigirudi-Mebratu-Uold-Atanasghis, eines aus Ualkait stammenden Falascha, der sich in Mai-Tukul mit anderen Falaschafamilien niedergelassen hat. Der auf Ulkait bezügliche Abschnitt des Berichts lautet: „Bigirudi-Mebratu-Uold-Atanasghi, gebürtig aus Cherkos Mai Lomomo (Ulkait) erzählt: ,In Tukui sind wir fünf Falaschas: ich, ein gewisser Lilai Uald Salamon und die Brüder Merra, Taccaligne und Meheret, Söhne Abrahams. Ich habe vier Jahre in Addiabo zugebracht, als Schmied, und seit acht Jahren bin ich in Tukul bei Balambaras. Meine vier Glaubensgenossen haben sich fünf Jahre vor mir in Tukul niedergelassen. Sie sind aus Addi- Remes (Ualkait) gebürtig. Als ich vor zwölf Jahren mein Geburtsland verliess, zählte ganz Ulkait nicht mehr als zwanzig Falaschafamilien'." Das Äussere der Falaschas. — Es war uns nicht vergönnt, Messungen vorzunehmen, um den anthropologischen Charakter der Falaschas festzustellen. Wie alle Abcssinier sind sie mittleren Wuchses, schlank, trocken und nervig, mit verhältnismässig langen Extremitäten. Die Hautfarbe wechselt nach den Höhenzonen. In den höheren Lagen ist der Teint heller, in den niederen dunkler. Gleich den Abessiniern haben sie krauses Haar. Infolge der Rassenkreuzungefu ist es schwel, den absoluten Falascha typus festzustellen. Herr de Castro, Arzt der italienischen Gesandtschaft in Addis-xA^beba, der sich einem sehr gründlichen anthropologischen Studium dei verschiedenen Bevölkerungsgruppen Abessiniens gewidmet hat, berichtet in seinem Buch (Die abessinischen Rassen, Seite 7): „Die Falaschas, ein hebräischer Stamm Abessiniens, habet* alle physischen Merkmale der Eingeborenen, so dass sie mit ihnen verwechselt weiden könnten, wenn nicht etwa etheische Eigentümlichkeiten bestehen, die i.ur ein mehr an sie gewöhnter Eingeborener zu entdecken vermag." Die Religion. Die Bibel. — Das vornehmste Andachtsbuch der Falaschas ist die Bibel, über die ihre Priester unausgesetzt in ihrem asketischen Leben nachsinnen, aus dem sie den Kindern die hohen Moralbegriffe beibringen. Die Falaschas verstehen kein Hebräisch. Ihre Umgangssprache ist nach den verschiedenen Gebieten die Amarina- oder die Tigrinersprache. Diese ist aus dem G e z abgeleitet. Im G e z ist die Bibel geschrieben, und da die Falaschas diese Sprache nicht mehr kennen, übersetzen die Priester die Bibel für die Kinder in das ortsbräuchliche Idiom.